Ich bin nicht abergläubisch, aber angesichts der ersten Vorzeichen wird 2023 extrem 

Glück und Katastrophe: 2023 scheint für mich ein Jahr der Extreme zu werden. Diesen Vorzeichen begegnete ich auf meinem ersten Arbeitsweg im neuen Jahr.

Ein Schornsteinfeger – ob mit oder ohne Zylinder – bringt Glück.
Ein Schornsteinfeger – ob mit oder ohne Zylinder – bringt Glück.imago/
Steve Bauerschmidt

Es ist eigentlich unglaublich, aber der erste Mensch, der mir auf meinem ersten Arbeitsweg im neuen Jahr begegnete, war ein Schornsteinfeger. Kaum hatte ich das Hoftor geöffnet, lief er an mir vorbei. Er kam von links, aber bei Schornsteinfegern ist es, glaube ich, egal, aus welcher Richtung sie einem über den Weg laufen. Sie bringen immer Glück. Anders als bei schwarzen Katzen. Da bedeutet links Unglück.

Der Schornsteinfeger sah genauso aus wie die Marzipanfiguren, die als Glücksbringer vor Silvester in den Konditoreien verkauft werden, neben Schweinchen und vierblättrigem Klee: schwarzer Anzug, Kugelbürste. Nur einen Zylinder trug er nicht, glaube ich. Wir lächelten uns an. Ich bin nicht abergläubisch, aufs Bleigießen verzichte ich nicht erst, seit es verboten wurde, weil Blei giftig ist. Aber dass einem beim ersten Gang aus dem Haus im neuen Jahr ein Glücksbringer über den Weg läuft? Ich konnte es nur als gutes Omen auffassen.

Frohgemut setzte ich mich aufs Rad. So eingestimmt, war ich offen für weitere Vorzeichen, Hinweise auf die Zukunft. Leider glichen diese eher unheilverkündenden Menetekeln. Berlin sieht an den ersten Tagen im neuen Jahr vielerorts nicht besonders gut aus. Ich wohne in Neukölln, dort ist es besonders schlimm.

Ein Autowrack in Neukölln ist kein Glückssymbol

Auf der Straße musste ich ausgebrannten Feuerwerksbatterien ausweichen, aber das ist in diesen Tagen eben so. Und Scherben gehören in den Partymeilen des Bezirks ohnehin zum Alltag. Ich weigerte mich, daran etwas abzulesen. Dann aber kam das ausgebrannte Autowrack auf dem Kottbusser Damm, Ecke Sanderstraße. Zwar zählt ein Autowrack nicht zu den üblichen Glücks- oder Pechsymbolen, aber ich fragte mich unweigerlich: Was will mir dieser Anblick sagen?

Wahrscheinlich ist es so: Im Jahr 2023 scheint für mich alles möglich, das Glück und die Katastrophe. Es steht mir wohl ein Jahr der Extreme bevor, mit äußersten Ausschlägen in die eine und leider auch in die andere Richtung. Keine Zeit, die mir die Chance auf Ausgeglichenheit bietet, auf Seelenruhe versprechende Balance, sondern eine der starken Schwankungen. Glaubt man den Vorzeichen, wird 2023 für mich ein Jahr, das man als bipolar bezeichnen könnte. Wenn ich mir eines wünschen dürfte: Möge sich wenigstens die Reihenfolge umdrehen und es mit dem Autowrack anfangen und mit dem Schornsteinfeger enden.