Die Schauspielerin Esther Zimmering
Foto: Paulus Ponizak

BerlinZum vereinbarten Termin erscheint sie pünktlich auf die Minute. Turnschuhe, Parka, alles praktisch, zwei kleine Kinder zu Hause verbieten jede Eitelkeit. Esther Zimmering (42) ist in den Berliner Verlag gekommen, um über ihren Film „Swimmingpool am Golan“ zu sprechen, mit dem sie sich zum ersten Mal als Regisseurin versucht. Das ist nicht despektierlich gemeint, die Schauspielerin sieht sich selbst durchaus  als Lernende in diesem Metier.  Zehn Jahre lang hat sie an diesem Projekt gearbeitet, das auf sehr persönliche Weise einen  Blick auf ihre Familiengeschichte wirft.  

Erst nach dem Mauerfall hat Esther Zimmering erfahren, dass sie Verwandte in Israel hat. Als junges Mädchen besucht sie diese und wird hineingezogen in die Lebensgeschichte der jüdisch-deutschen Familie Zimmering, deren Mitglieder an der Gründung zweier Staaten beteiligt waren. Ihre Großmutter Lizzi entkam 1939 knapp dem Holocaust und kehrte  1945 an der Seite ihres Mannes Josef Zimmering nach Ost-Berlin zurück, wo beide in verantwortlichen Funktionen die DDR mit aufbauten. Lizzis Cousine Lore  gelang in der Nazizeit die Flucht nach Palästina. Dort heiratete sie den Zionisten Max Zimels, der als Gesandter für die Jewish Agency in Berlin  noch Tausende von Juden   retten konnte. Ein Jahrhundertstoff, dessen Betrachtung vor   fast dreißig Jahren mit der privaten Videokamera begann, als Esther Zimmering beim Kopfsprung in den Swimmingpool am Golan ihre Angst überwand.

Frau Zimmering, wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Familiengeschichte sich von anderen unterscheidet. Dass es etwas Unausgesprochenes gibt?

Ich muss so drei, vier Jahre alt gewesen sein, als ich durch meine Eltern mitbekommen habe, dass viele Verwandte von uns ermordet worden sind. Das war definitiv zu früh für mich. Es hatte etwas Deprimierendes, wie ich heute weiß. Als Kind konnte ich das natürlich noch nicht begreifen. Ich dachte, es muss irgendetwas Schlimmes dahinterstecken, irgendeine Schuld, dass so viele aus meiner Familie umgebracht wurden. Das prägt sich tief ein. Ich hatte oft schlechte Träume. Es war wohl so, dass ich später das Jüdische wegschob, weil ich damit nichts zu tun haben wollte.

Wie war das in der Schule?

Am Anfang bin ich immer rot geworden, wenn ich drangekommen bin. Ich habe mich für meinen Namen geschämt. Es gab ja keine andere Esther, nirgendwo. Ich kannte nur eine ältere Frau, die Esther hieß, und das war’s. Irgendwie habe ich gespürt, dass das alles nicht gut ist, aber ich konnte es nicht einordnen. Ich habe dann relativ schnell „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen, ich glaube schon mit acht Jahren. Später habe ich die Anne Frank dann auch in der Theatergruppe gespielt und intensiver begonnen, mich mit dem Jüdischsein zu beschäftigen. Das war von früh an ein Thema, aber kein positives. Bis auf die jiddische Musik, Klezmer, Klarinette und auch die Gesänge. Damals haben wir viel Lin Jaldati gehört und sind auch zu ihren Konzerten gegangen.

Spielte das Jüdische in Ihrer Familie eine Rolle?

Kaum. Zu Hause hatten wir eine Menora und ein Buch über Israel aus den 50er-Jahren. Auf dem Umschlag war eine Frau mit Orangen unter blauem Himmel zu sehen, was mich als Kind sehr fasziniert hat. Ich fand die hebräische Schrift so schön. Wir sind auch mal zur jüdischen Gemeinde gegangen und haben ein Chanukka-Fest mitgemacht. Dort wurde viel getanzt, und wieder spielte die Musik eine große Rolle. Mein Opa machte ab und an einen jüdischen Witz, das konnte er sehr gut. Aber mit Religion hatte meine Familie gar nichts am Hut.  

Der Name Zimmering ist für jemanden, der in der DDR aufgewachsen ist, ein Begriff. Ihr Großonkel Max Zimmering war als proletarischer Dichter Schulstoff. Vielleicht können Sie ganz kurz mal eine Familienaufstellung formulieren.

Mein Opa Josef, Jossel genannt, hatte zwei Brüder, Max und Fred. Sie alle wurden in Pirna geboren. Ursprünglich stammt die Familie aus dem galizischen Horodenka. Die Brüder hatten die jüdische Gemeinde früh verlassen und sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen. 1933 sind sie von Dresden aus nach Paris geflüchtet, weil ihr Vater, der übrigens Adolf hieß, schon früh die Gefahr für Juden in Deutschland erkannt hatte. Sie haben ihren Vater in jener Nacht am Bahnhof zum letzten Mal gesehen. Er wurde nach Theresienstadt deportiert und kam dort um. Unterlagen über die Toten meiner Familie, es waren um die zwanzig, habe ich im Holocaust-Museum in Washington gefunden.

  Wie erging es Ihrem Großvater?

Jossel ist in den 14 Jahren Emigration in verschiedenen Ländern gewesen, darunter auch zwei Jahre in Palästina, wo er als Kommunist von der britischen Mandatsmacht erst inhaftiert und später ausgewiesen wurde. Er ist dann über Dänemark nach England geflohen, wurde in ein Internierungslager nach Kanada verschifft und kam später wieder nach England zurück. Dort hat er meine Oma Lizzi kennengelernt.

Von Lizzi und deren Cousine Lore erzählen Sie in Ihrem Film.

Ich wollte mich bewusst auf die Frauen konzentrieren. Zwar haben die Brüder Zimmering, die nach dem Krieg alle in die sowjetische Besatzungszone gekommen sind, in der DDR einflussreiche Positionen übernommen, mein Opa war erster Gesandter der DDR bei den Vereinten Nationen in Genf, aber über die Frauen ist eben weniger bekannt. Anfangs lebte ja meine Großtante Lore noch, die mir viel von Lizzi erzählen konnte. Als junges Mädchen in Berlin waren die beiden unzertrennlich. In der Nazizeit haben sie dann im Widerstand gegen Hitler gekämpft, Lizzi als Kommunistin, Lore als Zionistin. Damals trennten sich ihre Wege, die eigentlich nie wieder zusammenfanden. Lizzi konnte sich als Begleiterin eines der letzten jüdischen Kindertransporte 1939 nach England retten, Lore ging in den Untergrund nach Holland und wanderte später über Frankreich und Spanien nach Palästina aus.

Esther Zimmering im Norden Israels an der Grenze zum Libanon
Foto: Arsenalfilm
Foto: Arsenal 
Zur Person

Esther Zimmering wurde am 6. Januar 1977 in Berlin geboren. Ihr Vater  ist Arzt, ihre Mutter Historikerin, Politologin und Soziologin. Der Großvater Josef Zimmering war in den 50er-Jahren erster Ständiger Vertreter der DDR bei der UN-Wirtschaftskommission für Europa  in Genf. Dessen Bruder Max wurde   als Schriftsteller und SED-Kulturfunktionär bekannt. Die Zimmerings entstammen einer jüdischen Familie aus Galizien, die um die Wende zum 20. Jahrhundert ins sächsische Pirna eingewandert ist.

Nach ihrer Ausbildung an der Schauspielschule „Ernst Busch“ sammelte Esther Zimmering Bühnenerfahrung in Cottbus, Anklam und Dessau sowie an der Hamburger Kammerspielen. Dem breiten Publikum wurde sie durch ihre Hauptrolle in dem TV-Dreiteiler „Der Liebe entgegen“ bekannt, der von einer Aussiedlerfamilie in Neuseeland erzählt.  Des Öfteren ist sie in Fernsehproduktionen wie zum Beispiel „Tatort“ und „Polizeiruf“ zu sehen.  Esther Zimmering  ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern. Sie lebt mit ihrer Familie Berlin-Kreuzberg.


Von der Existenz ihrer Großtante Lore haben Sie lange nichts gewusst.

Praktisch bis zum Mauerfall. Da war ich zwölf und habe zum ersten Mal erfahren, dass wir in Israel Verwandte haben. Dieser Zweig unserer Familie war mir bis dahin völlig unbekannt. Jetzt hieß es plötzlich: Wir telefonieren nach Israel. Mit diesem Kontakt bekam das Jüdische für mich eine Lebensebene. Endlich ging es nicht mehr nur um den Tod.

Ihr Vater hatte sich als Militärarzt bei der NVA dazu verpflichten müssen, keine Verbindung ins westliche Ausland zu unterhalten. Gleich nach der Wende sind Sie dann nach Israel gefahren?

Erst mit meinen Eltern, später  dann immer wieder allein. Insgesamt war ich bestimmt zwölf Mal in Israel, zunächst in den Ferien und dann in drehfreier Zeit, leider nie länger als zwei Wochen. Mein großer Traum, eine Weile im Kibbuz zu arbeiten und zu leben, ist bisher nicht in Erfüllung gegangen.

Im Film heißt es, Sie hätten sich sofort in das Land verliebt. Worauf beruhte diese Liebe?

Das hing mit dem Mauerfall zusammen, der für meine Familie auch etwas Trauriges hatte. Also nicht der Mauerfall selbst, aber die Zeit danach. Ich finde, es wird zu wenig davon erzählt, wie es den Leuten ging, die in der Zeit der Wende eingebrochen sind. Meine Tante zum Beispiel, die in dem Film vorkommt, hat nie wieder als Dolmetscherin arbeiten können. Viele Biografien haben in dieser Zeit einen Knacks bekommen. Nicht immer nur materiell, vor allem auch ideell. Für meine Eltern ist ein Land verloren gegangen. Aber auch für meinen Bruder und mich. Bei uns wird der Mauerfall nicht gefeiert. Niemand geht zum Brandenburger Tor am 9. November, denn   es ist  auch der Tag der Pogromnacht.

Was machen Ihre Eltern heute?

Meine Mutter hat ziemlich schnell im Wissenschaftsbetrieb Fuß gefasst und war zuletzt Professorin an der Universität in Linz. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Zapatisten in Mexiko und hat dazu viel veröffentlicht, sie schreibt Bücher und hält Vorträge über Menschenrechtsfragen. Mein Vater hat nach der Wende das Angebot abgelehnt, von der Bundeswehr übernommen zu werden. Er betreibt eine Praxis als Allgemeinmediziner.

Foto: Arsenalfilm 
Swimmingpool am Golan

Mit dem Dokumentarfilm „Swimmingpool am Golan“ gibt Esther Zimmering ihr Debüt als Regisseurin. Über zehn Jahre hatte sie sich auf Reisen nach Israel und bei Recherchen in Berlin mit der wechselvollen Geschichte ihrer jüdischen Familie auseinandergesetzt. 

In Berlin ist der Film  im  B-ware ladenkino in der Gärtnerstraße 19 zu sehen. Programm unter: ladenkino.de


Jetzt sind wir von der Liebe zu Israel abgekommen, wie war das also?

Als wir dort ankamen, wurden wir sofort von der ganzen Familie aufgenommen. Das ist bis heute so. Man wird umsorgt, man bekommt alle Aufmerksamkeit. Für mich war es das Paradies. Zu einer Zeit, in der zu Hause in Berlin so vieles unsicher war, alles zusammenbrach an alten Strukturen, fühlte ich mich dort gut behütet. Wir sind dann gleich in den Kibbuz am Golan gefahren, wo Lore mit ihrem Mann Max damals lebte. Das war der reine Sozialismus. Mit Gemeinschaftsräumen, in denen es nach FDGB-Ferienheim roch, und einem winzigen Wohnzimmer, in dem stundenlang politisch diskutiert wurde über die DDR und Israel. Und der  schöne Swimmingpool, wo wir mindestens drei Mal am Tag reinsprangen, weil es so  heiß war.   

Sie wollten sogar nach Israel auswandern und in der Armee dienen. Andererseits lebte Ihre Familie in dem kleinen Paradies am Golan in permanenter Kriegsgefahr. Sie haben sich das komplizierteste Land der Welt als zweite Heimat ausgesucht.

Im Grunde ist dieser Film mein Versuch, eine Antwort darauf zu finden, was für Gefühle sich bei mir für Israel entwickelt haben. Was ist das für ein Land, nach dem ich so große Sehnsucht habe und in dem, eine Woche nachdem ich dort war, ein Bus explodiert, in dem ich gesessen habe. Man hat  beim Schwimmen im Pool im Hintergrund immer Schüsse gehört, so ist meine Erinnerung. Aus der Ferne dieses ständige Pff, Pff, Pff.

Wie ist Ihnen in Ihrer israelischen Familie der Palästinakonflikt begegnet? Als junger Pionier in der DDR wurden Sie zur Solidarität mit dem palästinensischen Volk erzogen.

Das ist ein Thema, über das ich mit meinen Verwandten nur schwer sprechen kann. Meine Familie in Israel ist sehr links, das Land entwickelt sich seit den 70er-Jahren aber immer weiter nach rechts. Mein Cousin hat immer gesagt: „It’s very, very complicated to speak about the politics here in Israel.“ Es ist sehr kompliziert, in Israel über Politik zu reden. Mit Lore und Max gab es lange Diskussionen über den Palästinakonflikt, bei denen sie auch öfters kräftig mit meinen Eltern aneinandergeraten sind.

Quelle: Arsenalfilm

Die Geschichte von Lore und Max böte Stoff für einen eigenen Film. Sie besuchen Lore noch einmal kurz vor deren Tod in einem Altersheim in Be’er Scheva. Sie litt zu dieser Zeit  schwer an Alzheimer und sprach in ihren letzten Monaten nur noch Deutsch. Sehr bewegend sind auch die Fotos, die Lore, Max und auch ihre Großmutter Lizzi in jungen Jahren in Berlin zeigen. Wie haben all diese Aufnahmen Krieg und Emigration überstanden?

Ich habe von meiner Tante Monika und meinem Vater einen Koffer voller Fotoalben bekommen. Er wird in unserer Familie gehütet wie ein Schatz. Wir wissen nicht genau, wie dieser Koffer nach London und wieder zurück nach Berlin gekommen ist. Lizzi durfte ja damals nur ein Gepäckstück mit auf den Transport nach England nehmen. War das dieser Koffer? Wir werden es wohl nie erfahren. In diesen Fotoalben geht eine Welt auf, es sind fast tausend Bilder aus den 30er-Jahren, in Berlin, Moabit und am Wannsee, Fotos aus den 50ern in Genf in der Schweiz, jedes einzelne erzählt eine Geschichte.

Was ist über das Schicksal der Eltern von Lore und Lizzi bekannt?

Lores Eltern haben es geschafft, über Bolivien nach Israel zu kommen.  Lizzis ganze Familie ist in Konzentrationslagern ermordet worden.

Die Cousinen Lizzi (l.) und Lore in den 30er-Jahren in Berlin
Foto:  Arsenalfilm

Sie hatten all diese Fotos und hundert Stunden Videomaterial, das sie bei ihren Besuchen aufgenommen haben. Nicht ganz einfach, daraus einen Film zu machen …

Ich wollte zuerst rückwärts erzählen, von der Gegenwart bis 1933. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Dann haben wir uns entschieden, in Zehnjahresblöcken durch die Geschichte zurückzugehen und uns innerhalb jedes Blockes wiederum vorwärts zu bewegen. Bei dieser Struktur hat mir vor allem meine Schnittmeisterin Friederike Anders geholfen. Wir haben uns eine Wand gebaut mit lauter einzelnen Täfelchen aus Szenen und Figuren.

Wie geht es mit Ihnen und Israel nun weiter?

Ich möchte unbedingt wieder hin, mit meinem Mann und meinen beiden Kindern. Ich war jetzt zwei Jahre nicht mehr dort.

Haben Sie durch Ihren Film auch eine Antwort auf die Frage gefunden, was für Sie das Jüdische bedeutet?

Ich bin überhaupt nicht religiös geworden. Das hätte bei der jahrelangen Recherche und der  Beschäftigung mit dem Judentum ja auch  passieren können. Mit meiner viereinhalbjährigen Tochter war ich jetzt am Sabbat in der Synagoge  und habe ihr alles gezeigt. Sie hat dort die Davidsterne gezählt.

Und?

Bis 25 ist sie gekommen, dann wollte sie gehen.

Wie war Ihnen zumute?

Ich muss fast immer weinen, wenn ich die Gesänge höre.