Der Himmel über Berlin ist grau und die Hotelsuite am Kurfürstendamm neutral-modernistisch gehalten. Der sich einstellende Trübsinn wird indes sogleich vertrieben, als der britische Filmregisseur Ken Loach das Zimmer betritt. Freundlich, verbindlich und hellwach empfängt die 80-jährige Legende des politischen Kinos die Gesprächspartnerin.

Mr. Loach, vor zwei Jahren sprachen wir hier über „Jimmy’s Hall“. Das sollte Ihr letzter Film sein, danach wollten Sie aufhören. Nun haben Sie aber doch noch einen Film gedreht: „Ich, Daniel Blake“. Was war so dringlich an der Geschichte?

Damals war es albern zu sagen, dass ich aufhöre. Aber ich hatte wegen „Jimmy’s Hall“ fast ein Jahr in Irland verbracht, weit weg von zu Hause. Und das wollte ich nicht noch einmal. Doch dann kamen wir, mein Drehbuchautor Paul Laverty und ich, zurück nach England, wo wir all diese unglaublichen Geschichten hörten von Leuten, die vom Staat ungeheuer schlecht behandelt wurden. Der Staat demütigte sie nicht nur, sondern zerstörte manche von ihnen sogar. Und da sagten wir uns: Vielleicht sollten wir im Kino davon erzählen. So entstand „Ich, Daniel Blake“.

Das Schicksal Ihres Filmhelden Daniel Blake ist erschütternd. Er ist schwer krank, wird aber von einer inkompetenten Gesundheitsgutachterin, die ihn nicht einmal persönlich trifft, für arbeitsfähig erklärt. Daniel durchläuft daraufhin quasi ein Martyrium von Sanktionen und Demütigungen durch das Jobcenter. Flossen mehrere wahre Fälle in diese Filmfigur ein?

Hunderte! Wir machten die Erfahrung, dass es überall im Land das Gleiche ist. Sehr kranke Leute werden von ihren Ärzten für arbeitsunfähig erklärt, aber dann kommen die Gutachter vom Staat und revidieren diese medizinische Einschätzung. Arbeitsunfähige Leute werden so gezwungen, Arbeit zu suchen. Wenn die Leute den Ämtern auch nur den geringsten Anlass bieten, wird ihnen die finanzielle Unterstützung gestrichen. Ich kenne den Fall eines Mannes, der einen Termin beim Amt nicht wahrnahm, weil er zur Beerdigung seines Vaters fahren musste. Das war für das Amt aber völlig irrelevant, und so wurde ihm das Geld gekürzt – und das, obwohl er dem Amt vorher Bescheid gegeben hatte! Ähnlich erging es einem anderen Mann, bei dessen schwangerer Frau vorzeitig die Wehen einsetzten, weswegen er einen Amtstermin nicht einhalten konnte, denn er musste sie ja ins Krankenhaus bringen. Auch er wurde sofort sanktioniert! Dabei gibt es ja meist nicht einmal Jobs, auf die man sich bewerben könnte – das ist das Absurde daran. Ich könnte noch lange so weitererzählen, Story um Story. Deswegen mussten wir diesen Film machen.

„Ich, Daniel Blake“ erinnert mich stark an Ihr Fernsehdrama „Cathy Come Home“ (1966), in dem ein junges Paar am System scheitert: Unverschuldet wird es arbeits- und obdachlos; dann werden ihm vom Staat die Kinder weggenommen.

Mag sein. In „Cathy Come Home“ waren die Leute von den Institutionen und Ämtern eher dumm. Im Unterschied dazu wissen sie heute ganz genau, was sie tun. Die Regierung weiß genau, dass sie die Leute bestraft. Und ich glaube, dass es einen ideologischen Grund dafür gibt: Man will die Armen glauben machen, dass sie selbst schuld seien an ihrer Armut. Sprich: Wenn Du arbeitslos bist, dann bist Du eben inadäquat. Tatsächlich ist es aber so, dass sich die Wirtschaft dahingehend entwickelt, dass der Pool an Arbeitslosen immer größer wird – quasi das, was Karl Marx die industrielle Reservearmee des Kapitalismus nannte. Und die Armee von Leuten, die unter prekären Bedingungen arbeiten, ist noch viel größer! Wenn man nur zwei Tage die Woche Arbeit hat, kann man von dem Geld natürlich nicht leben. In Großbritannien sind 5,5 Millionen Menschen „unterbeschäftigt“, sprich: Sie haben keine solche Arbeit, als dass sie davon leben könnten. Im viktorianischen Großbritannien des 19. Jahrhunderts gab es die Theorie von der verdienten und der unverdienten Armut. Diese fundamentiert die heutige Regierungspolitik: Wenn Du zwei Minuten zu spät kommst zum Arbeitsamt, wenn Dein Lebenslauf nicht gut genug ist, dann verdienst Du es auch nicht, genug zum Leben zu haben. Und das ist zynisch.

„Ich, Daniel Blake“ feierte im Mai beim Filmfestival von Cannes im Wettbewerb Premiere. Dort kamen die Kritiker nach der Vorführung mit Tränen in den Augen aus dem Kino, weil diese Geschichte nahezu unerträglich war: Ein rechtschaffener Mann wird kaputt gemacht vom System.

Ja, aber das geschieht dauernd. Nicht nur in Großbritannien. Die Details mögen unterschiedlich sein in den anderen westeuropäischen Staaten, aber im Allgemeinen wird überall so unmenschlich vorgegangen vom Staat. Das haben uns die Leute überall gesagt. Wobei es bei uns inzwischen so ist, dass die Angestellten der Jobcenter genaue Instruktionen dazu haben, wie sie vorgehen sollen, wenn einer ihrer „Klienten“ suizidgefährdet ist. Das heißt, der Staat nimmt es billigend in Kauf, wenn Leute derart zur Verzweiflungen getrieben werden durch die Bürokratie und das Amt. Der Staat weiß genau, was er tut.

Insofern ist Ihr Film auch ein Einspruch gegen die Politik. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass alle Ihre Filme im Kern auf die menschliche Würde hinauslaufen.

Ja, das mag sein. Da haben Sie Recht. Aber es geht mehr noch darum, sowohl als Individuum als auch als Gruppe Widerstand zu leisten, zurückzuschlagen. Leider sind wir oft nicht gut genug organisiert, um kollektiv zurückzuschlagen.

Wie konnten Sie selbst sich über die Jahre Ihren Kampfgeist und Ihren Glauben an die Möglichkeit von Veränderung bewahren?

Na ja, es geht um Politik, nicht wahr? Und da draußen gibt es so viel Widerstand, nur dass wir meist gar nicht davon erfahren. Wir Briten hören nie was vom Widerstand in Deutschland und Sie wohl auch nichts von dem in Großbritannien. Ich möchte Ihr Interesse da auf das „English Collective of Prostitutes“ richten: Diese Organisation kämpft nicht nur für die Entkriminalisierung von Sexarbeit, sondern auch für Frauen, die durch Armut in die Prostitution getrieben werden. – Bei uns wurden zum Beispiel die Gehälter für Lernhelfer/Begleiter in den Schulen gekürzt – sie streiken nun. Das Gleiche bei den Eisenbahnarbeitern – auch sie streiken. Aber wir erfahren nichts darüber; es steht nicht in der Zeitung, vielleicht weil es zu unspektakulär und unglamourös ist. Man muss also Leute in den jeweiligen Szenen kennen, um überhaupt davon zu erfahren. Aber auch das liegt im Interesse der Machthaber: Die Leute zu trennen, damit sie sich nicht übergreifend organisieren. Aber auch wir haben Macht und Stärke.

Was halten Sie unter dem Aspekt der Einheit von Brexit?

Der Brexit ist verständlich in dem Sinn, dass ihn der rechte Flügel wollte, um die Arbeitnehmer effektiver ausbeuten zu können. Die EU bot mehr Schutz davor. Aber auch britische Linke wollten den Brexit, weil sie den Eindruck hatten, ignoriert zu werden im definitiv neoliberalen EU-Rahmen. Das war aber auch einfach eine Wahl gegen die damalige Regierung.

Welche Kinogeschichte möchten Sie als nächste erzählen?

Ach, das weiß ich nicht. Das hängt ja von vielem ab… Wenn man alt ist wie ich, nimmt man es, wie es kommt. Aber ich spreche mit Paul (Laverty) darüber, woran wir arbeiten könnten. Wir kennen uns ja schon ewig, seit 1996, als „Carla’s Song“ entstand. Als wir anfingen, miteinander zu arbeiten, hatte er noch Haare!