„Ich habe bis jetzt nicht geheizt, aber heute Abend knicke ich wohl ein“

Wir haben in den vergangenen Wochen so etwas wie sportlichen Ehrgeiz entwickelt: Na, schaffen wir es noch einen Tag? Aber jetzt?

Mit Pelz und Wolldecke geht es.
Mit Pelz und Wolldecke geht es.Imago/Nailia Schwarz

Es gibt jedes Jahr diesen Moment, in dem man weiß: Der Winter kommt. Dieses Jahr hat er sich besonders spät eingestellt, immerhin ist es Mitte November. Der Oktober war fast noch sommerlich, der November blieb lange mild. Das Wetter ist kein Putin-Versteher, beim Energiesparen war es auf unserer Seite.

Meine Kinder konnte ich mit dem Satz „Ihr unterstützt sonst Putin“ davon abhalten, das Licht und die Musik in Räumen anzulassen, in denen sie sich gar nicht mehr aufhielten. Und auch beim Nichtheizen haben sie mitgemacht. Es ist der 18. November, und wir haben bis zu diesem Tag nicht an den Heizkörpern gedreht. Das ist in all meinen Berliner Wintern noch nie da gewesen, es dürften um die 30 sein. 

In den vergangenen Tagen wurde es schon ein wenig herausfordernd, aber es gab keinen Abend, der sich nicht mit heißem Tee, zwei Wollpullovern, dicken Socken, einer Wolldecke und meiner alten kupfernen Wärmflasche überstehen ließ. Man rückte nicht mehr gern zur Seite auf dem Sofa, wenn man einmal einen Platz dort angewärmt hatte, und ich ging oft ausgesprochen früh ins Bett, da ist es am wärmsten. Ich dachte dabei immer an die 96 Jahre alte Vera Fischer, die meiner Kollegin vor ein paar Wochen erzählte, wie sie im Winter 1948/49 während der Berlin-Blockade sogar tagsüber im Bett saß. Damals hatten die Sowjets die Energielieferungen nach West-Berlin blockiert, es gab nichts zum Heizen.

Wir schummelten ein bisschen, indem wir alle zwei Tage Kuchen backten

Ein wenig profitierten wir vom Heizverhalten der Nachbarin über uns, durchs Badezimmer laufen zwei Heizungsrohre, die in ihre Wohnung führen und die schon von Mitte Oktober an zuverlässig heiß waren, ich überprüfte es jeden Morgen, fühlte dankbar die Wärme, ließ die Tür offen stehen, damit sich das bisschen in der Wohnung ausbreite. Negativ wirkte sich aus, dass die Wohnung neben uns gerade nicht bewohnt ist. Wir wohnen Wand an Wand. Wir schummelten ein bisschen, indem wir alle zwei Tage Kuchen backten, und so die Küche auf annehmbare Temperaturen brachten. Auch Ofengemüse war plötzlich sehr beliebt. Ich erinnerte mich daran, was mir eine ehemalige Nachbarin über das Kochen mit der Kochkiste erzählte.

Es ist ein schmaler Temperaturbereich, in dem wir Warmblütler lebensfähig sind, solche Gedanken fasste ich. Ich las Jack Londons Erzählung „Ein Feuer machen“, in der ein Mann allein durch eine Eiswüste in Alaska geht und gedankenverloren ausspuckt. „Es entstand ein scharfes, explosives Knacken, das ihn irritierte. Er spuckte erneut aus. Und wieder, noch in der Luft, bevor sie in den Schnee fiel, knackte die Spucke. Er wusste, dass bei minus 50 Grad die Spucke im Schnee knistern würde, aber die hier knisterte bereits in der Luft. Zweifelsohne war es kälter als 50 Grad unter null – wie viel kälter, das wusste er nicht.“ Dagegen war es bei uns auch ohne Heizung warm. 

Aber trotzdem: Vor drei Tagen habe ich Handschuhe und Mütze herausgeholt, heute Morgen sah ich den ersten Raureif auf dem Flachdach des Jugendclubs gegenüber und auf dem Weg ins Büro Schneeflocken auf Windschutzscheiben. Wir haben in den vergangenen Wochen so etwas wie sportlichen Ehrgeiz entwickelt: Na, schaffen wir es noch einen Tag? Aber jetzt? Ich dachte: Es ist so weit, ich knicke ein. Heute Abend stelle ich die Heizung an. Vielleicht.