FilmVincent Cassel beim 76. Filmfestival 2019 in Venedig.
Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.

BerlinSchlagzeilen machte er zuletzt, weil er ein 30 Jahre jüngeres Model heiratete und mit 52 Jahren noch mal Papa wurde. Aber der französische Charakterdarsteller Vincent Cassel spricht lieber über seine Arbeit. In „Alles außer gewöhnlich“ (ab Donnerstag im Kino) sieht man ihn mal weder in Action, Thriller oder einer Komödie, sondern als Sozialarbeiter, der sich aufopfernd um Schwerbehinderte und Autisten kümmert, die durch das soziale Netz gerutscht sind und vom Staat vergessen wurden. Wir treffen Vincent Cassel in Paris zum Gespräch. 

Vincent, Sie stehen schon seit über 30 Jahren vor der Kamera. Wird das Spielen für Sie immer einfacher?

Schauspielen ist einfach! Schwierig ist es nur, wenn man in schlechten Filmen mit schlechten Regisseuren dreht, dann muss man auch als Mime mehrere Jobs gleichzeitig machen, um das auszugleichen. Wenn man jedoch mit guten Regisseuren dreht und das Projekt kohärent ist, ist das Spielen immer leicht.

Zur Person

Vincent Cassel, eigentlich Vincent Crochon, wurde 1966 in Paris geboren, sein Vater war der Schauspieler Jean-Pierre Cassel, seine Mutter die Journalistin Sabine Litique. Die Eltern ließen sich 1980 scheiden. Mit 17 besuchte Vincent eine Zirkusschule.
In New York, wo seine Mutter lebte, lernte Cassel am Actors Institute gegen den Rat des Vaters die Schauspielkunst und begann nach seiner Rückkehr in Frankreich an Theatern zu spielen; es folgten erste Fernseh- und Kinorollen. Cassel versuchte sich auch als Regisseur.
Bekannt wurde Cassel einem breiteren Publikum durch actionreiche Filme wie „Irreversibel“ (2002) und „Oceans 12“ (2004). Sein neuester Film „Alles außer gewöhnlich“ ist eine Komödie und handelt von der Arbeit mit autistischen jungen Menschen und ihren Betreuern.

Selbst, wenn Ihr Gegenüber ein autistisches Kind ist?

Beim Drehen sucht ein Schauspieler unbewusst immer kleine Abweichungen oder Vorkommnisse, auf die er spontan reagieren muss – denn dann blitzt plötzlich etwas Wahrhaftiges durch. Abweichungen vom Drehbuch schaffen Authentizität. Mit den autistischen Laien zu drehen, war nicht anders als mit einem Kind zu spielen, das eine geringere Aufmerksamkeitsspanne hat und immer bei Laune gehalten werden will. Natürlich ist anfangs auch etwas Angst dabei, wie man sich am besten verhält. Ich hatte kaum Ahnung von Autismus. Höchstens ein etwas romantisiertes Bild von jemanden, der Klavier spielt, aber sonst menschenscheu ist.

Also ein Kenntnisstand wie aus Hollywoods „Rain Man“.

Genau. Die Kids haben mich so beeindruckt, dass ich nicht wusste, wo ich Leichtigkeit hernehmen sollte. Was mir half, waren die „Papotins“, eine Theatergruppe von Autisten, jeder in einem anderen Alter und mit anderen Symptomen der Krankheit. Die interviewten mich. Die Fragen waren so weit her geholt oder auch in Babysprache, dass ich lachen musste. Wir befanden uns ja alle auf unbekanntem Terrain.

Hat diese Erfahrung Sie nur beeindruckt oder sogar bereichert?

Gegen Drehende hatte ich Angst, am Set zur Heulsuse zu werden. Denn diese Kids haben mich sehr bewegt und wir hatten viele enge Beziehungen aufgebaut. Sie haben keinen Filter. Am Anfang habe ich viel mit ihnen abgehangen, um mich an ihre Art zu gewöhnen. Zwei-, dreimal die Woche bin ich mit ihnen zum Reiten gegangen oder zum Essen.

Szene aus dem Film „Alles außer gewöhnlich“: Der Sozialarbeiter Bruno (Vincent Cassel) und der autistische Joseph (Benjamin Lesieur, l.).
Foto: prokino

Bis Sie sich sicher fühlten?

Bis ich nach zwei Wochen zumindest spielen konnte, dass ich selbstsicher wäre. (lacht) Einer der Jungs hat zu Ende jedes Drehtags seinen Kopf auf alle unsere Schultern gelegt, ein Zeichen, dass es ihm mit unserem Chaos aus Profis und Amateuren gut ging.

Sie scheinen angstfrei zu sein. Ist es Ihnen auch egal, was über Sie geschrieben wird?

Lesen Sie Kritiken und Kommentare? Ich lese vieles, denn mich interessiert, was die Leute denken, was ich wohl tue und lasse. Aber es definiert mich nicht. Wenn ich eine Nacht drüber geschlafen habe, erinnere ich mich nur noch an das, was für mich relevant ist.

Ihr Vater Jean-Pierre Cassel, der 2007 starb, war einer der berühmtesten Mimen Frankreichs. Er hatte Ihnen von dem Beruf abgeraten, weil Sie es schwer haben würden, sich aus seinem Schatten zu befreien. Hatte er recht?

Es ist interessant: Wenn deine Eltern sterben, hörst du auf, sich gegen sie aufzulehnen – und fängst an, so auszusehen wie sie! Mein Vater hat mir früher geraten: „Wenn du dich verliebst, schau dir die Mutter deiner Freundin gut an. Denn genau so wird sie später auch.“ Und er lag damit ganz richtig! Ich bemerke auch an mir, wie ich meinem Vater immer ähnlicher werde. Das ist wohl der Schlüssel zur Unsterblichkeit.

Sie leben schon seit Jahren in Rio de Janeiro. Fühlen Sie sich nicht mehr an Frankreich gebunden?  

Ich bin Pariser, aber mir gefallen auch viele andere Sachen. Mein Herz schlägt zum Beispiel für die brasilianische Kampfkunst Capoeira. Ich bin 25 Jahre lang immer wieder nach Rio gereist. Irgendwann dachte ich mir, ich kann auch einfach dort bleiben. Durch das Drehen bin ich eh immer ganz schnell wieder weg und unterwegs zum nächsten Set. Ich bin schon durch meinen Beruf gezwungen, ein Vagabund zu sein.

Beeinflusst es Ihre Identität, dauernd in Bewegung zu sein?

Die Identität ergibt sich daraus, wie du aufwächst. Ich fühle mich auch mit New York sehr eng verbunden. Meine Mutter lebte dort, ich war oft bei ihr und ging dort auch auf die Schauspielschule, das Actors Institute. In New York kam ich mit Hip-Hop in Berührung, für mich wurde damit ein Traum wahr. In Frankreich galt ich immer als Amerikaner.

Sie, der Paradefranzose?

Ja, ich lief in Turnschuhen herum und aß Junk Food, als die Franzosen mit dieser Kultur in den 80ern noch nicht vertraut waren. Mit New York wurde zwar mein Traum wahr. Doch dort begriff ich auch, wie typisch französisch ich doch bin.

Also doch!

Einmal war ich so heimwehgeplagt, dass ich auf dem Walkman Edith Piaf hörte und mit meiner Vespa quer durch New York fuhr, um irgendwo Camembert aufzutreiben! Und dabei weinte ich Rotz und Wasser… In dieser Nacht wurde mir klar, wie französisch ich bin. Vive la Revolution!

Was halten Sie von der versuchten Revolution der Protestbewegung der „Gilets Jaunes“, der Gelbwesten?

Diese Bewegung zeigte, wie viel Zorn in der französischen Gesellschaft vorherrscht. Frankreich sitzt ganz schön in der Tinte. Ich glaube, dass ich generell den zivilen Ungehorsam gut finde. Zumindest war der Anfang dieses Protests legitim und positiv, aber wenn dann Tausend Menschen losziehen, nur um Fensterscheiben einzuwerfen und Vandalismus zu betreiben, wird ihnen das auch nicht weiterhelfen. Die Bewegung ist urfranzösisch und ich war sehr stolz darauf. Aber jetzt wird sie längst nur noch für Randale missbraucht.