Igor Levit beim Treffen mit der Berliner Zeitung in seinem Kiez in Berlin-Mitte.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinIgor Levit ist erst 33 und schon ein Weltstar der klassischen Musik. Das Jahr, zumal eingefasst vom 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven, den der in Berlin lebende Pianist spielt wie kein Zweiter, war ausgebucht. Doch dann kam das Virus, und statt in Rom, London und New York mit den großen Orchestern in den großen Konzertsälen aufzutreten, saß er am Flügel in seiner Wohnung in Mitte und spielte in die Handykamera: Mit diesen über Twitter gestreamten Hauskonzerten, 52 waren es insgesamt, half er allabendlich Zehntausenden, die Einsamkeit der häuslichen Isolation zu überwinden. Sich selbst natürlich auch. Seit kurzem darf er nun auch wieder vor leibhaftigem, wenngleich überschaubarem Publikum spielen: In der Philharmonie spielt Levit, unter strengen Hygieneauflagen und verteilt auf acht Abende, sämtliche 32 Klaviersonaten von Beethoven. Wie geht es ihm dabei? Wie hat Corona ihn selbst und vielleicht auch die Klassikwelt verändert? Wir treffen Igor Levit auf einem Kinderspielplatz nahe seiner Wohnung in Mitte.

Herr Levit, wir haben Sie am vorigen Sonntag in der Philharmonie gehört. Im zweiten und letzten Satz von Beethovens Sonate Nr. 24 sind Ihnen zwei Schlussakkorde verrutscht. Vielleicht hätten wir es nicht gemerkt, wenn Sie es nicht selbst auf der Bühne gesagt hätten. Am Ende des Konzerts haben Sie die beiden Akkorde noch einmal gespielt, dieses Mal richtig. Was hätte Ihre Mutter zu dieser Aktion gesagt? Sie war Ihre erste Lehrerin.

Sie hätte sich kaputtgelacht. So ist das Leben.

In der Rockmusik sind solche Wiederholungen gang und gäbe, let’s try it again.

Yeah, I screwed that one up. Auf einer brutal falschen Oktave zu enden, das muss man erst mal hinkriegen. Ich weiß nicht, warum das passiert ist. Aber ich bin da total offen und transparent. Das funktioniert, weil ich die Bühne als meinen Freiheitsort sehe. Auf der Bühne kann mir nichts passieren. Auf der Bühne bin ich sicher. Deshalb habe ich gar kein Problem damit, offen zu kommunizieren, was mir auf der Bühne gerade passiert ist.

Mangelt es dem klassischen Musikbetrieb an einer guten Fehlerkultur?

Es gibt eine Fehlerkultur im Schlechten, und die wird von außen kultiviert. Du kannst so oft bitten, wie du willst, die Handys auszuschalten, irgendwer hat es trotzdem an. Es gibt Leute, die warten auf Fehler, die warten auf Kiekser, die warten auf verhauene Akkorde, und dann landet das schneller auf YouTube, als du blinzeln kannst. Ich glaube, es gibt kaum Kollegen, die mit der Einstellung „Hauptsache, ich mache keine Fehler“ an die Musik herangehen. Wer das macht, der hat den Job verfehlt.

Die Verbindung zwischen Ihnen und Ihrer Mutter ist sehr tief. Sie spüren, wenn Sie im Konzertsaal ist, haben Sie einmal gesagt.

Das spüre ich aber nicht nur bei ihr. Ich bin sehr Mensch-affin. Ich spiele einfach anders, es geht mir anders, wenn ich weiß, irgendwo sitzt jemand, den ich liebe oder dem ich vertraue. Das gibt mir auch ein Stück weit Sicherheit und Freiheit. Das gilt für meine Mutter, aber für ein paar Handvoll andere Menschen auch.

Wirkt es sich auf Ihren Vortrag aus, ob Sie vor Publikum spielen oder in die Handykamera hinein?

Sie meinen die Hauskonzerte während des Lockdowns. Nein, es macht keinen Unterschied für mich. Ich weiß, da sind Menschen, und die schenken mir das Wertvollste, was sie haben – ihre Zeit. Und das reicht. Ich fühle eine sehr große Nähe zu diesen Menschen. Natürlich ist der Geruch ein ganz anderer im Saal. Du hörst das Atmen. Selbstverständlich ist das anders. Aber immer sind da reale Menschen. Wer bin ich zu sagen, dass das Zuhören offline wertvoller ist als online? Es gab meiner Meinung nach ein paar missglückte Statements von Kollegen während der Online-Zeit. Da hieß es: „Naja, online klingt alles blöd, und woher weiß ich, ob da gerade einer auf Toilette sitzt, während ich spiele.“ Dem würde ich gern sagen, was bildest du dir ein? Die Leute können auf der Toilette sitzen oder wo auch immer: Sie hören dir zu. Hab mal ein bisschen Demut.

Manche Musiker haben den Stillstand als wohltuende Pause innerhalb eines eng getakteten Auftrittsrhythmus empfunden, der viele Künstler auch überfordert. Durchatmen kann man aber nur, wenn man weiß, dass es hinterher weitergeht.

Menschen, die in dieser Situation froh sind, dass sie endlich Freizeit haben, kann ich nicht ernst nehmen. Die möchte ich fragen, warum tust du dann diese Arbeit? Fakt ist, dass ganz viele Branchen, und meine eben auch, mit dem Rücken zur Wand stehen. Und zwar vollkommen unverschuldet, denn niemand hat diese Pandemie erfunden. Auf dieser Basis über den blöden Klassikbetrieb zu schimpfen, finde ich hanebüchen. Die Kritik an bestimmten Haltungen und Handlungen dieser Branche ist absolut gerechtfertigt. Aber ich würde mir wünschen, dass sie nicht in einer Zeit formuliert wird, in der ein Virus von außen den Stillstand diktiert. Ich finde das wohlfeil. Unzählige Künstler stehen mit dem Rücken zur Wand. Es ist ein Horror. Und zwar nicht nur für die Künstlerinnen und Künstler. Es gibt viele Menschen in der zweiten und dritten Reihe, Agenturen, Managements, Techniker. Ohne diese Menschen würde die Branche gar nicht existieren. Nichts ist gut an Corona. Auf dieser Grundlage kann man dann über die andere Seite sprechen. Von einer positiven Seite zu sprechen, fällt mir schwer. Und doch gab es auch extrem viel Wunderbares.

Sie haben Stücke geschenkt bekommen in dieser Zeit, geschrieben von Komponisten wie Fred Hersh und Malakoff Kowalski. Sie spielen die Stücke jetzt als Zugaben nach den Beethoven-Sonaten.

Ich habe Werke geschenkt bekommen, ich habe vor allen Dingen eine unglaubliche Wärme geschenkt bekommen, und ich habe mich auch ein Stück weit selbst verschenkt. Aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Ich wollte mit den Hauskonzerten einfach etwas geben, später stellte sich heraus, an ganz, ganz finsteren Tagen, dass ich das selbst als Halt gebraucht habe. Ich brauche fürs Musikmachen Menschen, die zuhören, sonst fehlt mir darin der Sinn.

Haben Sie die Zeit auch genutzt, um irgendetwas einzuüben, wozu Sie sonst keine Zeit gehabt hätten?

Nein, ich habe ja durchgespielt. Ich hatte auch keine besondere Energie dafür. Ich bin sehr, sehr viel Fahrrad gefahren in dieser Zeit. Das Fahrradfahren ist für mich so eine Art Nebenbühne, auch ein Freiheitsort. Ich habe einen kompletten Fuhrpark zu Hause. Ein Zimmer ist voll mit Fahrrädern. Rennräder, Mountainbikes.

Tragen Sie dabei einen Radler-Dress aus Lycra?

Auf gar keinen Fall, ich bin viel zu eitel für so was.

Mit oder ohne Helm?

Mit Helm!

Rasen Sie durch den Wald?

Ja, auch den Berg runter. Es ist so toll. Ich bin in der Lockdown-Zeit jeden Tag zweieinhalb Stunden Fahrrad gefahren. Ich habe gespielt, ich habe gekocht, ich habe immer wieder ein, zwei Freunde gesehen.

Und einen Fernseher haben Sie sich gekauft.

Und schäme mich bis heute dafür. Das Teil steht bloß rum. Wenn Sie Bedarf haben, ich trage Ihnen den runter.

Reden wir über Ihre Arbeit. Sie sagen, Sie erzählen mit der Musik von Zuständen. Im ersten Konzert der Beethoven-Sonaten kam es immer wieder vor, dass die Leute leise lachten. Wie bringen Sie diesen Witz, diese Leichtigkeit hervor?

Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Wenn ich von Zuständen spreche, kann ich auch nur meine beschreiben. Ich bin kein Seelenfaschist.

Was ist ein Seelenfaschist?

Ich werde nicht Deutungshoheit haben wollen über Ihren Seelenzustand. Ich werde Ihnen nicht sagen, was Sie zu fühlen haben. Ich sage nicht, das Stück beruht darauf, dass der Komponist den Tod von XY verarbeitet. Das kann sein, es kann aber auch passieren, dass Sie etwas komplett anderes fühlen. Ich halte diese militante Idee, jemandem von außen zu erklären, was er da zu hören hat, für zutiefst unmusikalisch. Ich kann von nichts anderem glaubwürdig erzählen als von mir.

Es geht also nicht um Beethovens Zustände?

Ich habe eine Information in den Noten, und ich versuche, sie zu verstehen. Ich versuche, die notierte Information zu erfüllen – nach bestem Wissen und Gewissen, wie man in Berlin sagt. Aber ich bin es, der versucht, sie zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie Beethoven klang. Glaubwürdig kann ich nur von mir erzählen und meinen Zustand da hineintun. Und der war gestern ein anderer als heute und wird morgen wieder ein anderer sein.

Braucht man eine gewisse Lebenserfahrung, die dann in die Musik fließt?

Das ist mir fast zu unnatürlich. Die Lebenserfahrung fließt sowieso rein, ich verändere mich eben. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren fünfzehn Mal verändert. Von Grund auf. Ich habe das Gefühl, nichts mehr mit demjenigen zu tun zu haben, der ich im Studium war. Also, so what, natürlich fließt meine Lebenserfahrung hinein, wie soll sie auch nicht hineinfließen. Ich hatte gerade einen wunderbaren Sommer in Salzburg, natürlich prägt mich das.

Kann man von Beethoven was fürs Leben lernen?

(langes Schweigen)

Ein Vorschlag: Freiheit?

Das ist jetzt echt Semantik, aber ich weiß nicht, ob ich den Begriff Freiheit mag. Liberation, ja. Befreiung, ja. Als Prozess. Eine innere Befreiung, die kann man lernen. Befreiung als Prozess ist auch etwas sehr Musikalisches. Crescendo: Lauter werden. Decrescendo: Leiser werden, immer mit der Betonung auf „werden“. Beethovens innere Befreiung von Sonate zu Sonate ist frappierend. Irgendwann ist er vollkommen entgrenzt und maßlos. Ich denke an die Hammerklaviersonate. Unfassbar, was da für ein innerer Befreiungsprozess stattgefunden hat.

Sie spielen die Beethoven-Sonaten nicht in chronologischer Folge. Welche Logik steckt in Ihrer Dramaturgie? Im zweiten Konzert waren fast alle Sonaten Frauen gewidmet. Ging es um unerfüllte Wünsche, unglückliche Lieben?

Ich verspreche Ihnen hiermit: Gestern habe ich ausnahmsweise nicht an Frauen gedacht. (Lacht) Manchmal denke ich beim Spielen auch daran. Ich denke an alles Mögliche beim Spielen. Ich würde verrückt werden, wenn ich beim Spielen an die Bewegung der Finger denken würde, das geht nicht. Das muss einfach sitzen. Ich brauche Raum für etwas anderes, als darüber nachzudenken, was die Hand gleich machen wird.

Sie haben mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Ihre Großmutter schickte eine Kassette mit Aufnahmen von Ihnen an einen Klavierprofessor. Heute sind Sie selbst Professor an der Musikhochschule in Hannover. Können Sie sich noch retten vor Videos klavierspielender Kinder?

Ja, das hat sich verstärkt. Die höre ich mir auch alle an.

Woran erkennen Sie, ob jemand hochbegabt ist?

Ich will jetzt nicht mit Gegenfragen antworten wie in alten jüdischen Witzen. Aber woran erkennen Sie Menschen, die Sie mögen? Ich kann Ihnen das nicht sagen. Ich habe vor einiger Zeit ein Video bekommen von einem Jungen, der eine Beethoven-Sonate spielte. Ich habe mir das angehört, es war nicht besonders interessant, aber dann, im zweiten Satz, kamen drei Takte, und die waren ganz toll. Das war vollkommen unbeabsichtigt, er hat das selber nicht gemerkt. Und so etwas reicht mir. Dann weiß ich, es geht. Wenn es diesen Moment nicht gibt, kann ich mich nicht um jemanden kümmern. Ich habe jetzt vier Studierende, im Herbst kommen noch zwei dazu. Einen kann ich gar nicht sehen, er sitzt in China fest, weil er kein Visum bekommt.

Unterrichten Sie gern?

Unglaublich gern. Ich war leider ein sehr schlechter Schüler in der Schule, aber unglaublich gerne dort, wie auch später Student an der Musikhochschule.

Die Nähe, die es dort zwischen Lehrenden und Studierenden gibt, unterscheidet sich von jedem anderen Studium. Sie kann auch belastend sein.

Das stimmt, es gibt auch so etwas wie psychischen Missbrauch. Aber davon abgesehen: Einen Zusammenhalt herzustellen ist heute unendlich komplizierter als zu der Zeit, als ich Student war. Weil es bei allem, was uns jetzt umgibt, dem Internet, den sozialen Medien, um Individualität und Identitätssuche geht. Aus dem Ich herauszukommen zum Wir, das ist schwer. Ich beneide keinen, der heute anfängt zu studieren. Als das Smartphone auf den Markt kam, war ich zwanzig. Ich habe angefangen, mich mit den Möglichkeiten des Internets zu beschäftigen, als sich schon etwas festgesetzt hatte bei mir. Aber die, die jetzt in die Hochschule kommen, müssen mit beidem klarkommen, mit den positiven Seiten, die ich ja nutze, und mit den negativen. Ein junger Mensch hat die ganze Welt heute virtuell immerzu vor sich. Das ist eine totale Überforderung, die hatte ich nicht. Ich hatte Kassettenrekorder. Ich werde das Zusammensein in meiner Klasse in Zukunft erzwingen. Feste Termine, an denen alle zusammenkommen und spielen, vierhändig. Es braucht einen gemeinsamen Inspirationsort.

Sie sind inzwischen ein Star, gehen Ihnen die immer gleichen Floskeln der Bewunderung auf die Nerven?

Nein, Menschen, die eng um mich sind, wissen, dass ich mich nicht danach verhalte. Ich bin auch schlecht darin, über meine Arbeit zu reden, ich mache sie einfach. Meine Lieblingsformulierung im deutschen Feuilleton ist übrigens „Er gilt als“. Das habe ich in keinem anderen Land so häufig gelesen. Was soll denn das heißen, „gilt als“? Wahnsinnig langweilig.

Was Ihnen neulich erst wieder vorgeworfen wurde, gerade in dieser Zeitung, ist „pure Virtuosität“. Es war abwertend gemeint. Wollen Sie antworten?

Also hören Sie mal, wenn ich kein Virtuose wäre, dann wäre ich ein Amateur. Also no na.

„No na“ ist sehr Wienerisch und heißt so viel wie „Na sicher, was glaubst du denn“. „No na“ klingt nach dem von Ihnen verehrten Friedrich Gulda.

Es gibt diesen Witz aus Wien, wo ein alter Mann am Graben spazieren geht und einen kleinen Jungen spielen sieht. „Du bist so wahnsinnig süß. Wie heißt du denn?“ – „Moses.“ – „Ach, so ein schöner Name. Wie werden dich wohl Mama und Papa nennen – Moischele?“ – „No na Moischele. Rubinstein sollen sie zu mir sagen.“   Wer Begriffe braucht, okay. Wäre ich kein Virtuose, könnte ich das Zeug nicht spielen. Dann wäre ich ein Amateur. Würde ich mich nur über meine musikalischen Grundgefühle definieren und könnte das nicht spielen, wäre ich ein Amateur.

Reden wir über Ihr Verhältnis zur Politik und zu Politikern. Sie haben ein Hauskonzert im Schloss Bellevue gespielt, dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Da traten Sie fast ein wenig defensiv auf. Eingeschüchtert vom Raum der Macht?

Ich war sehr froh, da zu sein. Ich mag diesen Bundespräsidenten. Er ist ein in dieser Zeit ungeheuer wichtiger Streiter für Demokratie und Zusammenhalt und – above all – ein absoluter Jazzfreak. Ich finde, wir haben Glück gehabt mit unseren Bundespräsidenten. Ich habe, noch aus Hannover, auch immer noch einen sehr warmen Draht zu Christian Wulff. Das Hauskonzert in Bellevue war in der allerersten Lockdown-Phase. Es war das erste Mal, dass ich mir etwas anderes angezogen habe in diesen ersten 14 Tagen als diese bescheuerten braunen Schlappen und die Jogginghose. Natürlich war das eine große Ehre, dort zu spielen. Aber es hatte nichts mit dem Raum der Macht zu tun. Ich habe mit einer Handvoll Politiker und Politikerinnen Beziehungen, die im Lauf der Jahre zu Freundschaften wurden. Das sind vertraute Verbindungen, in denen man sich austauscht.

Sie treffen Politiker unterschiedlicher Parteien?

Ja.

Jemand von der AfD dabei?

Nein. Die können mich mal.

Das, was vorige Woche vor dem Reichstag passiert ist, ist peinlich. Ungeheuer peinlich und beschämend für dieses Land.

Igor Levit

Warum wird Beethoven eigentlich so oft vereinnahmt? Für die EU-Hymne, als Soundtrack in Kubricks „Uhrwerk Orange“. Die Nazis mochten Beethoven. Und Barenboim hat einmal gesagt: „Jeder Ton in Beethovens Werken  ist Teil einer humanistischen Botschaft.“ Wie reimt sich das alles zusammen?

Daniel Barenboims gesamtes Schaffen, die Töne, die er produziert, aus sich selbst heraus, als Mensch, der er ist, mit seiner Geschichte und seinem Tun – diese Töne leben Daniel Barenboims Humanismus. Es sind nicht Schubert oder Beethoven, die ihm sagen, was er zu tun hat, die gibt es nicht mehr, sie sind tot. Sie haben einen Auftrag hinterlassen. Und wenn Daniel Barenboim eine Beethoven-Sinfonie dirigiert, dann ist sein Dirigat geprägt von dem Humanismus, den Daniel Barenboim lebt. Ich würde sagen: Jeder Ton in Beethovens Werken, gespielt von Daniel Barenboim und einigen anderen, ist Teil einer humanistischen Botschaft. Jeder Ton von Beethoven, gespielt in der Elbphilharmonie während des G20-Gipfels, vor Erdogan, Trump und Co., war Teil einer politischen Travestie. Jeder Ton von Beethoven, gespielt zu Onkel Führers Geburtstag, war Teil einer politischen Travestie. Beethoven kann sich gegen gar nichts wehren. Er ist nicht da. Ich kann ihn nur in einen Kontext stellen. Musik ist dem Kontext, den lebende Menschen ihr geben, vollkommen ausgeliefert.

Was ist mit Richard Wagner?

Richard Wagners Ring, dirigiert von Pierre Boulez, inszeniert von Patrice Chereau, ist Teil einer humanistischen Botschaft. Franz Liszts „Les Préludes“ war das Entree der NS-„Wochenschau“, kann aber auch Teil einer humanistischen Botschaft sein, je nachdem, wo und von wem sie aufgeführt werden. Wir brauchen im Übrigen gar nicht so lange zurückzudenken. Ich nenne zwei Stücke: Schuberts Ave Maria. Und das berühmteste Lied aller Zeiten über Liebe und Sex – „Halleluja“ von Leonhard Cohen. Beide Stücke waren vor ein paar Tagen Teil der Republican National Convention zur Anbetung von Donald Trump. Auch hier: Travestie.

Im Moment versucht die AfD, eine Filmproduktion zu verhindern, die thematisiert, dass Beethoven einen schwarzen Vorfahren gehabt haben könnte. Haben Sie davon gehört?

Nein. Aber zum Teufel soll sie gehen, und den Teufel beneide ich nicht darum. Gerade schrieb jemand auf Twitter: Wir haben nicht nur Nazis und Rechtsradikale, die von außen die Treppen des Reichstags stürmen, wir haben Nazis und Rechtsradikale im Reichstag.

Macht Ihnen Angst, was sich vorigen Sonnabend vor dem Reichstagsgebäude abgespielt hat?

Das, was vorige Woche vor dem Reichstag passiert ist, ist peinlich. Ungeheuer peinlich und beschämend für dieses Land. Sprachlicher, gedanklicher, politischer und aktiver Hass, Ressentiments und Spaltung werden in diesem Land von Teilen der Politik und rechten Medien seit Jahren geschürt. Online und offline. Worüber wundern wir uns noch? Es ist weder eine Überraschung, noch ist es ein Schock.

Igor Levit

  • ... kam 1987 in Gorki zur Welt. Erste Unterweisung im Klavierspiel erhielt er mit drei Jahren durch seine Mutter Jelena Levit, eine Opern-Korrepetitorin und Enkelschülerin von Heinrich Neuhaus.
  • .. übersiedelte 1995 mit seiner Familie von Russland nach Hannover. Er studierte am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Seit 2019 ist er dort selbst Professor. Er lebt in Berlin.
  • ... bekam schon 2010 von der FAZ bescheinigt, „einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts“ zu sein. Im vergangenen Jahr kam bei Sony seine Einspielung aller Beetvoven-Sonaten heraus. Nun erscheint, am 11. September, das Doppelalbum „Encounter“ mit selten gespielten Bach- und Brahms-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni und Max Reger sowie „Palais de Mari“, dem letzten Klavierstück von Morton Feldman.