Der Pianist Igor Levit bei einem Fotoshooting für das Musikfest Berlin.
Foto: Robbie Lawrence

BerlinEin halbes Jahr ohne Konzert: Wie hat eigentlich die Philharmonie diese Zeit verbracht? Hat sie geschlummert, gedöst, gechillt? Am Dienstagabend, als es zur Eröffnung des Musikfestes endlich wieder so weit war, wirkte der Konzertsaalbau jedenfalls erholt, heiter und erfrischt. Als hätte sich ein wenig immaterielle Patina gelöst, die Abertausende von Veranstaltungen hinterlassen haben müssen. Aber das hat wohl nur mit dem Blick des Betrachters zu tun, der lange nicht mehr hier war. Und mit der Tatsache, dass die architektonische Klarheit nun noch klarer erscheint, weil im Foyer die Menschentrauben fehlen am Büfett und an den Garderoben. Alles geschlossen. Das Saalpersonal mit Mundschutz weist diskret zum Platz, als gehe es um ein konspiratives Treffen.

Igor Levit, dem die Ehre des ersten Konzertes zuteil wurde, hat die vergangenen Monate derweil nicht allzu erholsam gestaltet. Zeitweise trat er täglich in Online-Konzerten auf, gestreamt aus seiner Wohnung; bevor er beim Musikfest nun in acht Konzerten sämtliche Beethoven-Klaviersonaten spielt, hat er das Gleiche schon bei den Festivals in Salzburg und Luzern getan.

Levit verfügt damit über eine gefestigte Corona-Routine, die ihn doch nicht dazu verleiten kann, auf die veränderte Akustik des Saals zu reagieren. Wegen der Abstandsregeln nur ein Viertel der Plätze belegt, verteilt auf den gesamten Saal: Das ergibt einen deutlich halligeren Klang, in dem manches untergeht, was Levit in rasendem Tempo präsentiert.

Den Schlusssatz der As-Dur-Sonate op. 26 etwa, der hier wie die Etüde eines impressionistischen Komponisten zerstäubt. Oder der vierte Satz von Beethovens erster Sonate op. 2 Nr. 1, den Levit als einen apokalyptischen Sturmwind inszeniert. Levit will uns mit aller Kraft das Staunen über Beethoven zurückgeben, was sich als schwierige Aufgabe ausnimmt in einer Welt, die eigentlich über gar nichts mehr staunen möchte. Von der Dringlichkeit seines Anliegens getrieben, schießt der Pianist ein ums andere Mal über das Ziel hinaus: auch im Kopfsatz der „Waldstein“-Sonate, sein erklärtes Lieblingsstück, die er bis zur comicartigen Verzerrung beschleunigt (über technische Hürden braucht man nicht zu sprechen, Levit scheint sie kaum zu kennen).

Übrig bleibt die pure Virtuosität: Dass das die Absicht des Pianisten war, kann man nicht glauben. Zum Glück gehören wohlgestaltete langsame Sätze ebenfalls zu Levits Beethoven-Inszenierung. Formgefühl zeigt er hier ebenso wie enorme Kultiviertheit: die klare Umrissenheit seines Anschlags, die Ausgewogenheit des Stimmensatzes, die rhythmische Sicherheit, die im Fall des Adagio der ersten Sonate ein weiches, gleichmäßiges Fließen ermöglicht. Dass Levit Beethoven nicht nur spielt, sondern mit ihm spielt, zuweilen wie die Katze mit der Maus – hier kann man es vergessen.

Das Musikfest Berlin findet bis zum 23. September statt. Programm und Tickets gibt es unter: www.berlinerfestspiele.de