Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit bei der Aufzeichnung einer Talkshow.
Foto: dpa

BerlinSeine CD-Box mit Beethovens Klaviersonaten hat er gerade vorgelegt. Im Herbst wird Igor Levit in Berlin den Zyklus komplett aufführen. Aber ins sogenannte Beethoven-Jahr startet er mit einem ganz anderen Konzertprogramm. Es ist eine echte Einladung zum Zuhören, gleichzeitig eine Herausforderung, denn Levit liebt die Auseinandersetzung mit musikalischen Großformaten. Wahrscheinlich ist er der einzige Pianist, der Ferruccio Busonis „Fantasia contrappuntistica“ und Frederic Rzewskis „Dreams II“ in einem Konzert spielt, eine halbe Stunde lang das erste, 45 Minuten das zweite Stück.

Bei Levit ist das nicht nur einfach eine prätentiöse Idee, es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern darum, einen Raum zu schaffen für die konzentrierte Mitteilung von etwas, das vom Alltagsgeschäft denkbar weit entfernt liegt.

Keine bequem zu genießenden Stücke

Beides sind auch für die Hörer keine bequem zu genießenden Stücke: Busoni absolut einschüchternd durch gedankliche Überkomplexität im Verein mit weiträumig virtuoser Aufgeblasenheit, Rzewski eher lang durch Weitschweifigkeit. Man spürt, wie wichtig Levit beider Musik ist, wie er versucht, jeden Eindruck bloßer Sportlichkeit noch im virtuosen Zugriff zu vermeiden.

Wenn es ihn am Gipfelpunkt von Busonis dschungel-ähnlicher Fantasie über Bachs unvollendetes Schlussstück aus der „Kunst der Fuge“ einmal tatsächlich vom Klavierhocker abheben lässt, ist das keine Show, sondern der natürliche Ausdruck jener geistig-körperlichen Überforderung, die Busoni hier gezielt sucht.

Mehr Klarheit als Levit kann man bei diesem Stück nicht erreichen, wenn man die zweihändige Fassung spielt und nicht Busonis alternative Version für zwei Klaviere. Trotzdem bleibt die Fragwürdigkeit des Virtuosen. Und sie erscheint verschärft in Frederic Rzewskis vier Sätzen von „Dreams II“, die der Komponist 2014 für Levit schrieb.

„Wach auf!" ist die Botschaft

Klangspielerisch der erste Satz mit seinen Glockenklängen, die dem Interpreten viele Freiheiten lassen, die Levit mit subtilem Sinn für Farben und Timing ausgestaltet. Dabei könnte man sich das Ganze aber auch als Miniatur denken – ein Eindruck, der sich in der Folge noch verstärkt, bis hin zu dem Kinderlied von Woodie Guthrie, das Rzewski dem letzten, fast improvisatorisch anmutenden Satz zugrunde legt.

Lesen Sie hier mehr zu Igor Levits Aus- und Aufzeichnungen >>

„Wake up!“, das ist die Botschaft dieses Stückes und wahrscheinlich braucht es diese Weite und raumgreifende Bearbeitung der Tastatur, um jene Umdeutung des privat Verspielten zum Politischen zu schaffen. Intensiver aber erschienen die beiden kürzeren Stücke aus dem 17. Jahrhundert, die Levit zu Beginn spielte. Die acht Minuten von Georg Muffats wundersamer Passacaglia g-Moll wirkten wie der Eintritt in die Unendlichkeit.