Jenny Holzer vor einer ihrer laufenden LED-Schriftbänder  im Jahr 2017 im Guggenheim Museum Bilbao, Baskenland.
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Berlin/New York - „Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.“ Kaum etwas trifft für das künstlerische Werk der Amerikanerin Jenny Holzer, die am Mittwoch ihren 70. Geburtstag feiert, besser zu als diese lakonische Feststelle des Schriftstellers George Orwell.

Siebzig, kaum zu glauben! Eben noch zählte die herb-schöne Wahl-New Yorkerin noch zu den  jungen Überraschungen,  zu den Innovativen, gefeiert auf der Documenta,  bedacht die mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Biennale und mit dem Goslarer Kaiserring.  Seit fast 40 Jahren bringt die Tochter eines Autohändlers und einer Reitlehrerin aus Ohio Schriftbilder zum Leuchten und Laufen, an denen die Leute mehr oder weniger eilig vorbeigehen. Um sie richtig zu  lesen, müsste man sich Zeit nehmen.

Studiert hat sie an der Ohio University und der Rhode Island School of Design. Mit Schrift-Plakaten begann sie, in den öffentlichen Raum hineinzuwirken. „Truismen“(Allgemeinplätze), nennt sie diese Lese-Angebote, die nachdenken lassen. Holzer liebt, wie sie bei einem Gespräch verriet, von aller Kunst auf der Welt am meisten die  Malerei des aus Lettland stammenden Amerikaners Mark Rothko. Sie schwärmt von deren Leuchtkraft und Erhabenheit, der Transzendenz und Leichtigkeit. Weil sie so niemals malen könne, sagt sie, wolle sie es ganz  anderes machen: Schrift-Bilder, die ebenfalls leuchten. Etwa als Warnung: „Romantische Liebe wurde erfunden, um Frauen zu manipulieren.“

Ihre Schrift-Bilder setzt sie gegen Ungleichgewicht, wenn etwas außer Kontrolle und Balance gerät. Es sind politische Wortgefüge, soziale, moralische, poetische. Die Sätze beziehen sich oft auf Extreme. Aussagen wie „Machtmissbrauch kommt nicht von ungefähr“ oder „Geld bildet den Geschmack“ geben Wahrheiten vor und stellen Allgemeingültigkeiten zugleich infrage. Holzer ist davon überzeugt, dass „wenn Sachen im unserem Leben richtig gemacht werden sollen, sie von uns selbst gemacht werden müssen. Es ist immer das Beste, bei sich selbst anzufangen“. Der große Fehler der Menschen sei die Angst, „denn wenn wir nicht handeln, tragen wir selbst zu einer Situation bei, die uns noch mehr verängstigt: „und dann sind wir alle in Schwierigkeiten“. Solche Sätze richten sich nicht zuletzt gegen die Regierungsweise des US-Präsidenten Donald Trump.

Hinter ihren vielschichtigen Arbeiten stecken Impulse und Leitmotive. Sie handelt wie eine geduldige Lehrerin, bringt ihre Werke geschickt und energisch überall unter, wo sie erwartet und nicht erwartet werden, wo man sich ihnen kaum entziehen kann. Sie begegnet der Welt als einem Diskussionspartner, gibt ihre Arbeiten frei, damit die Leute sie aufnehmen und darüber nachdenken – vielleicht sogar damit eigene Kunst schaffen – und dabei lernen. Lernen, sich selbst zu erkennen, lernen von Erfahrungen anderer, um zu erkennen, wie wichtig Menschlichkeit ist und wie brutal die Gewalt. Diese kontaktfreudige  Künstlerin wünscht sich, die Welt zu bessern. Und es ist ihr mit Sicherheit gelungen, die Welt des einen oder anderen unter uns aufzurütteln und auf Unbeachtetes hinzuweisen. So liefen Holzers Botschaften im  Musiksender MTV, auf der 75 Quadratmeter großen Leuchttafel auf dem New Yorker Times Square, auf der riesigen Anzeigetafel im Candlestick Park von San Francisco, und an vielen anderen öffentlichen Orten, wo sie weithin sichtbar waren. Oder sind, so wie derzeit Holzers „Men don’t protect you anymore“ im Kolonnadenhof der Berliner Museumsinsel.

Auch Berlin besitzt, neben einer Schriftband-Arbeit im Foyer des Deutschen Bundestags im Reichstagsgebäude eines der zentralen Werke der berühmten Konzeptualistin. 2002 erstrahlte es als Ankauf der Freunde der Nationalgalerie. Dreizehn elektronische Laufbänder folgten den Streben der Kassettendecke in der Oberen Halle der Neuen Nationalgalerie. Was aus der Ferne wie energetische Kraftströme wirkte, erwies sich in der Nahsicht als laufende Textbänder. Die Texte hat Jenny Holzer  selbst verfasst, ein Kompendium ihrer Weltsicht, das mit Charme und Ironie unsere westlichen Gesellschafts- und Demokratieformen kommentiert. Die Wortarmeen zogen parallele Bahnen, mal langsam, suggestiv, mal schossen sie bedrohlich  über unsere Köpfe hinweg wie  Flugzeug-Staffeln.

Derzeit ist das bernsteinfarbene Schriftband der Leuchtdioden nicht zu sehen. Es war alsbald wieder verloschen, nicht wegen der Stromkosten, wie man in Berlin lästerte, sondern, weil der Mies van der Rohe-Bau rekonstruktionsbedürftig und die Arbeit damit gefährdet war. Zum Jahresende sollen die aufwändigen Bauarbeiten, die 2015 begannen, beendet sein. Anfang 2021 ist die Neue Nationalgalerie dann wieder offen für den Ausstellungsbetrieb. Die Immaterialität von Sprache und Licht kann sich im Laufe des Jahres wieder mit dem transparenten Bauwerk vereinen. Dann dürfen Holzers apodiktische Botschaften des Nachts wieder leuchten und laufen,  Sätze wie: „Rede nicht herablassend mit mir", „Versuche nicht, mich einzulullen“. Oder: „Es wird Zeit, dass du mich zur Kenntnis nimmst.“