Nina Reithmeier und Patrick Cieslik
Foto: Grips-Theater

BerlinDie Schriftstellerin Kirsten Fuchs bekam nur einen Ikarus zum Essen. Das teilte sie auf Twitter mit. Das konnte man am Freitagabend live beobachten. Denn wenn der Berliner Kinder- Jugendtheaterpreis Ikarus verliehen wird, gibt es neben der kleinen goldigen Statue für die Ausgezeichneten auch einen stilisierten Menschen mit Flügeln als Backware für alle an dem Abend Beteiligten. Kirsten Fuchs schrieb das Stück „Das Nacktschnecken-Game“, mit dem das Grips-Theater nominiert war. Eine andere Grips-Inszenierung, „Dschabber“ von Marcus Youssef, erhielt den Preis der Jugendjury. Den gab es im vergangenen Jahr zum ersten Mal, verbunden mit 2.500 Euro. In diesem Jahr war er, dank der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, genauso hoch dotiert wie der von der professionellen Jury vergebene Ikarus, mit 5.000 Euro.

Etwas verunglückt wirkte die Preisübergabe, weil die drei Schauspieler und der Theaterleiter des Grips Philipp Harpain vergaßen, ein paar Dankesworte ins Publikum zu sprechen. Der Moderator wies sie darauf hin, als sie schon wieder im Saal saßen. Oh. Der kommissarische Intendant des Theaters an der Parkaue dagegen, Florian Stiehler, nahm sich das Mikrofon dann zum zweiten Mal. Er freute sich über den Ikarus, den die erwachsenen Juroren seinem Theater für „Unterscheidet Euch!“, ein „Gesellschaftsspiel“ in Ko-Produktion mit Turbo Pascal zuerkannt hatten. Zuvor hatte er als Gastgeber das Publikum begrüßt, denn die Preisverleihung findet jetzt – noch eine gute Neuerung – reihum in Kinder- und Jugendtheatern Berlins statt. Letztes Jahr saß man noch bei den Wühlmäusen, wo sich selten einmal Menschen unter 30 hin verirren.

Stiehler wies auf einen Zettel hin, der am Eingang und in den Programmheften lag: „Stellungnahme zur Nominierung der Inszenierung ,Rohe Herzen‘ zum Ikarus-Preis 2019“. Das Theater hat nämlich beschlossen, diese zurückzuweisen. „Rohe Herzen“ wurde von Volker Metzler inszeniert, jenem Regisseur, dessen Vertrag mit dem Theater im Sommer „im beiderseitigen Einverständnis“ aufgelöst worden war.

 In der Stellungnahme heißt es: „Die öffentlich bekannten rassistischen Handlungen an diesem Theater haben auch nach dem Ende von Volker Metzlers Arbeit als Schauspieldirektor zu einer intensiven Auseinandersetzung geführt und werfen viele Fragen auf.“ Weil diese noch andauere, sagte Stiehler, könne sein Theater unabhängig von der künstlerischen  Qualität der Inszenierung des Stücks „Rohe Herzen“, eine Nominierung für einen Preis nur ablehnen. Das Stück ist auch aus dem Spielplan genommen worden.

Torsten Wöhlert, Berliner Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, verwies eingangs auf die wichtige Rolle des Kinder- und Jugendtheaters, das Publikum an Fragen heranzuführen und zur Auseinandersetzung anzustiften – und ihnen früh „die Schönheit und Vielfalt des Theaters“ zu zeigen. Respekt im Umgang miteinander könne man im Theater lernen. Doch auch in den Kultureinrichtungen selbst müsse dieser praktiziert werden, sagte er mit Blick auf die Vorgänge im Haus an der Parkaue. Er begrüßte, dass sich man sich nun dem Problem stelle.

Danach wirkte es etwas merkwürdig, dass ein Mitglied der Jury noch einmal einen Schritt zurückging, um zu erklären, dass die Zurückweisung einer Nominierung nach mehreren Monaten eigentlich zu spät sei. Besser spät als nie, müsste man doch eigentlich sagen.

Ein Schatten hing also im Saal. Aber nicht lange: Die Ikarus-Preisverleihung ist immer ein fröhliches Fest, weil jedes vorausgewählte Stück kurz präsentiert wird. Acht besondere Inszenierungen für kleine, zumindest noch nicht erwachsene Menschen kamen in Häppchen auf die Bühne. Bestimmt werden nun viele Erwachsene beim Abendessen fortan ihre Kinder glucksend „Bei Vollmond spricht man nicht“ ermahnen, weil das Theater Anna Rampe so komischen Szenen aus dem Stück dieses Titels vorstellte. Und sicher wollen viele den „Kleinen Wassermann“ vom Zirkus Maria wiederbegegnen, der so ulkig durchs Publikum zog, um alle zu begrüßen.