Szene aus dem Film „Il Traditore“
Quelle: Pandora Film Medien GmbH

Tommaso Buscetta ist ein Mann mit Prinzipien. Die Zigarette, die Untersuchungsrichter Falcone ihm anbietet, nimmt er nur an, weil dessen Schachtel bereits angebrochen war. Andernfalls, dies zu betonen ist dem Kronzeugen rätselhaft wichtig, hätte er sie ablehnen müssen. In seinem Gewerbe ist es nicht ratsam, seinem Gegenüber allzu viel schuldig zu sein.

Aber mit der ersten Zigarette, diesem wunderbaren, heute praktisch obsoleten Requisit der Kurzschrift des Kinos, wird ein Bündnis geschmiedet. Buscetta, der „Boss der zwei Welten“ (Pierfrancesco Favino), der als führender Kopf der Cosa Nostra gleich mehrere Imperien in Sizilien und Brasilien begründet hat, will als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Gefährten aussagen. Er besteht darauf, kein Informant zu sein, sondern ein Mann von Ehre, der seine Schuld gegenüber dem Gesetz einlösen will. Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) hat keinen Grund, ihm zu trauen. Aber sein Instinkt sagt ihm, mit der Aufrichtigkeit seines Zeugen zu wetten. Die Verhöre werden zu einer Zwiesprache der Seelen, halb Beichte, halb Analyse-Sitzung. In ihnen bahnen sich Loyalität und eine Freundschaft an, die wider Erwarten unerschütterlich sein werden. Falcones Zuversicht ist rational. „Die Mafia ist nicht unsterblich“, meint er, „sie hatte einen Anfang und kann ein Ende haben.“ Sein Gegenüber ist ein ironischer, aber nicht zynischer Fatalist. Er weiß genau, dass einer von ihnen früher oder später einem Attentat zum Opfer fallen wird. Für ihn wäre es ein Sieg, wenn er in seinem Bett sterben dürfte.

Marco Bellocchio ist fasziniert von seiner Hauptfigur – wie könnte es anders sein, so schillernd, wie sie ist? –, aber er steht nicht in ihrem Bann. Buscettas Hochmut erstaunt, amüsiert und intrigiert ihn, er erschreckt ihn auch. Der brillante Pierfrancesco gibt ihm verlockende Ambivalenz. Die Beweggründe des „Verräters“ sind kein Geheimnis, in ihr mischen sich Rachsucht, Integrität und Opportunismus. Aber ihre Rangfolge ist ein großartiges Rätsel. Der Vertrauensvorschuss, den Bellocchio dem undurchsichtigen Kronzeugen gewährt, ist weder blind noch fahrlässig: Er ist wissbegierig.

Seit fünfeinhalb Jahrzehnten begleitet dieser Regisseur die tragische, groteske und nicht enden wollende Identitätssuche Italiens nicht nur, sondern treibt sie filmisch voran. Aber mit dem organisierten Verbrechen hat er sich erstaunlicherweise noch nie so intensiv auseinandergesetzt wie hier. „Il Traditore“ beschreibt eine souveräne Suchbewegung auf vermintem Terrain. Natürlich ist Bellocchio mit dem unerbittlichen Enthüllungsfuror von Francesco Rosis Mafiafilmen vertraut.

Auch die intime Kenntnis der amerikanischen Gangster-Epen von Coppola und Scorsese scheint bei ihm auf. Mit dem glamourösen Zug jedoch, den sie dem mafiösen Leben verleihen, mit der dramatischen Bewegung von Aufstieg, Glanz, Niedergang und Buße, kann er wenig anfangen. Gewiss, sein Film hebt wie „Der Pate“ mit einer opernhaften Familienfeier an, deren Gäste sich alsbald bis aufs Blut bekämpfen werden. Bellocchio zieht ein fulminantes Register der Brudermorde, aber es gebricht ihm an dem Rauschhaften, das derlei Nummernrevuen bei Scorsese besitzen.

„Il Traditore“ ist vielmehr eine Abrechnung mit der „Gesellschaft des Schweigens“, die seine italienische Heimat seit gut zwei Jahrhunderten im Klammergriff hält. Bellocchio geht so gewissenhaft vor, wie Falcone es tat. Er nimmt sich gut eine Stunde Zeit, bis es zu dem monumentalen Prozess kommt, für den in Palermo gar ein eigenes Gerichtsgebäude gebaut werden musste, genannt der „Bunker“. Auch dieser Prozess ist große Oper. Die Angeklagten sind Meister der Selbstinszenierung, eine bunte, temperamentvolle Truppe, die dem Rechtsstaat spottet. 366 von ihnen werden verurteilt, dank Buscettas Aussage und Falcones Beharrlichkeit.

Bellocchios grimmige Energie

Bis dahin sammelt Bellocchio vor allem psychologische Indizien. Er will dem Wesen der Cosa Nostra auf den Grund gehen, die von sich behauptet, eine wohltätige Organisation zum Nutzen des Gemeinwesens sein. Um dieses Selbstbild zu demontieren, ist Buscetta ein heikler Gewährsmann. Er bleibt dem Ehrenkodex der Geheimgesellschaft verpflichtet. Es sind die anderen, die ihn verraten haben, als mit dem Drogenhandel plötzlich unfassbare Vermögen angehäuft werden konnten. Bei Bellocchio klafft stets ein Abgrund zwischen der Welt, die seine Figuren in sich tragen, und der Außenwelt. Buscettas Innenleben ist ungemein reich und widersprüchlich, aber für Reue oder Scham ist in ihm kein Platz. Bellocchio ergründet es mit grimmiger Ironie. Er weiß, dass in Mafiafilmen nie die endgültige Wahrheit zutage tritt, sondern allenfalls Klarheit darüber, wer gelogen hat.

Il Traditore. Italien, Frankreich, Deutschland, Brasilien 2019. Regie und Co-Drehbuch: Marco Bellocchio. Mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Luigi Lo Cascio u.a. 153 Min., in Farbe, FSK: 12 Jahre.