Berlin - „Ich bin als Einzelkind unter Erwachsenen groß geworden. Da hat sich nicht immer jemand für meine Gedanken interessiert“, sagt Ilona Hartmann und muss ein wenig schmunzeln. Wir treffen uns an einem eiskalten Januartag am Maybachufer, um spazieren zu gehen.

Die Autorin trägt Plateauboots, schwarze Schlaghose und Hoodie. Hartmann ist Wahlberlinerin, prominent wurde sie im Internet, aber nicht für ihren Style, sondern für ihre Worte. Auf Twitter, der Plattform, die jeden Text auf 280 Zeichen begrenzt, haut Hartmann ihren Followern in den Feed, was ihr in den Sinn kommt. Sagt sie jedenfalls. Unter dem Alias @zirkuspony kommentiert die 30-Jährige seit neun Jahren ihre Lebenswelt, den Knacks ihrer Generation, Berlins Grauzonen und die Wunder des World Wide Web. Der Figur, die Hartmann über die Jahre auf Twitter „zusammengepuzzelt“ hat, folgen knapp 17.000 Profile, auf Instagram sind es 38.000. Das ist beachtlich.

Sie schreibt etwa: „man soll aufhören wenn es am schönsten ist also heute schon mal nicht“

Ilona Hartmanns Humor ist Millennial-Humor. Der Humor einer Generation, der von unpolitisch bis faul so einige Attribute nachgeworfen werden, der Generation, zu der auch ich gehöre. Im Internet funktioniert, was Identifikation hervorruft, und Hartmanns Tweets zielen auf die Identifikation mit der Ironie, mit der sie die scheinbar endlose Lücke zwischen (Selbst-)Anspruch und Wirklichkeit zu meistern versucht.

„was ich schreibe: „Leider konnte ich Sie telefonisch nicht erreichen,...“ was ich meine: „Zu meiner großen Freude und Erleichterung haben Sie nach zweimaligem Klingeln nicht abgehoben.“

Während sich Medienleute aus der Babyboomer-Generation, also aus der Generation 55 plus, immer wieder neu über die Frage echauffieren, wen man unter der Überschrift „Satire“ denn nun öffentlich fertigmachen darf und wen nicht, richtet sich die Schonungslosigkeit von Hartmanns Witzen sowieso überwiegend gegen sich selbst. Die fehlenden Satzzeichen und der schroffe Umgang mit Grammatik sind dabei nur Spielarten davon, zu sagen: Führt eure Diskussionen doch im Fernsehen, uns gehört das Internet.

„Humor hat sich im Internet stark diversifiziert“, sagt Hartmann. „Der 90er-Humor war sehr klischee-basiert. Das ist einfach ungeil.“ Die Debatte darüber, was Satire darf und was nicht, führt diese Twitter-Blase ganz anders als ihre Eltern-Generation, deren popkulturelle Sozialisation vor allem mit dem TV-Programm stattfand. Klar ist: Nach unten treten ist nicht mehr. Auch Ilona Hartmann twittert also nicht ganz ohne Filter. Zum Glück, finde ich.

In Berlin gilt „online“ als Kompetenz 

Hartmann hat Kulturwissenschaften in Leipzig studiert. Damals verfügte sie über zwei Dinge: viel Zeit und ein großes Mitteilungsbedürfnis. Das Twitter-Konzept kam ihr da gelegen, schließlich bedarf es, um sich dort der Welt mitzuteilen, nichts weiter als eines Accounts. Die Anzahl der Leute, die ihre spitzen Miniatur-Kommentare lesen wollten, wuchs. 2016 zog sie nach Berlin, dorthin, wo Followerschaft bei Bewerbungsgesprächen als Faktor gilt und „online“ als Kompetenz.

Ihren ersten Job bekam Ilona Hartmann als Texterin in einer Werbeagentur. Sie setzte Headlines und Schlagworte in Vollzeit. Als die Kolleginnen dort sie merken ließen, dass sie sie lustig fänden, war ihr erster Gedanke: „Oh nee, jetzt bin ich die Ulknudel.“ Im Gespräch ist sie zurückhaltend, spricht leise, lässt sich Zeit. Als die Sirene eines Feuerwehrautos vorbeidröhnt, unterbricht sie ihren Satz und wartet, bis das Auto vorbei ist.

Obwohl sie weiß, dass ihr Auftreten im Netz als „komische Performance“ gelesen wird – als Satirikerin will sich Hartmann nicht bezeichnet wissen. „Es ist eher so, und ich meine das nicht so kokett, wie es klingt, dass ich mich inzwischen damit abgefunden habe, dass Leute mich lustig finden“, sagt sie. Auf Twitter schreibt sie: „warum finden alle humor so attraktiv jede lustige person ist ergebnis von traumatischer kindheit und paar jahre zu spät therapie angefangen.“

Ilona Hartmann will ihre Texte lieber als „Comic Relief“ verstanden wissen, sagt sie in der Schlange vor einem Kreuzberger Café, als komische Erleichterung, als Ventil im Druck erzeugenden Alltag. Ihr Prinzip: Beobachten, überspitzen, rausballern. So arbeitet sie sich auf nahezu therapeutische Weise durch Reizüberflutung, Spaltung und Dauerkrise. Und auch durch ihr eigenes Leben. Nach der Schule, mit Anfang 20, hatte sie losziehen, frei sein wollen, erzählt sie beim Hafercappuccino. Endlich das Versprechen der Jugend einlösen! Stattdessen seien „sieben Jahre Chaos“ gekommen, sagt sie. Die glorifizierten Zwanziger, eher ein anstrengendes Ausprobier-Jahrzehnt, wie sie findet. Wie viele ihrer Peers musste sie lernen: Selbstfindung ist ein Privileg, das auch zum Gewicht werden kann.

Ilona Hartmanns Roman heißt „Land in Sicht“

„Die ersten Jahre im eigenen Leben fühlten sich an wie freihändig auf dem Fahrrad bergabfahren. Nachts. Ohne Gucken. Es hätte Spaß machen können, aber ich hatte die ganze Zeit Angst um meine Vorderzähne.“ Das sagt Jana, die Protagonistin aus Hartmanns 2020 erschienenem Debütroman „Land in Sicht“. Hier spricht Hartmanns Alter Ego.  Ähnlich wie Hartmanns Tweets lebt auch die Erzählung der Protagonistin Jana von der Skepsis, mit der sie ihre Umgebung und sich selbst betrachtet. Hartmanns Verhältnis zu ihrer Figur ähnelt dem zu ihrem Twitter-Alias: „Ich bin ihr nah genug, um ehrlich zu sein, aber weit genug entfernt, um mich nicht nackt zu fühlen“, sagt Hartmann.

Was Jana und Ilona verbindet, ist eine Kindheit ohne Vater. Die Romanfigur sagt: „Zu den Kernaufgaben eines Vaters gehörte entsprechend meinen Beobachtungen als Achtjährige: das Tragen von Gürteln mit eckiger Silberschnalle, Interesse an Zeitungsartikeln mit viel Text und ohne Bilder, die Stirn in Falten legen, schweigend Autofahren.“ Zu ihrem eigenen Vater bemerkt die Autorin: „Seine Hauptaufgabe war, sich nicht zu melden.“

Im Alter von 24 Jahren entscheidet die Romanfigur, ihren Vater kennenzulernen. Er ist Kapitän auf einem Donau-Kreuzfahrtschiff. Die skurrilen Beschreibungen des Donaudampfers und seiner liebenswürdig-traurigen Klientel hat sich Hartmann nicht ausgedacht. Sie hat eine solche Reise tatsächlich unternommen. Die Geschichte einer schmerzhaften Kindheit ohne Vater hinterfragt auch die kleinbürgerlich-traditionellen Erwartungen an Familie und lässt die Doppelrolle der alleinerziehenden Mutter deutlich hervortreten. „Jana verdankt ihr alles“, sagt Hartmann, als wir, für einen Moment der Kälte trotzend, auf einer Bank sitzen. Die Grenzen zwischen Figur und Autorin verschwimmen.

Im echten Leben beschreibt Hartmann das Kennenlernen als „emotionale Dehnübung“. „Da, wo er nicht war, habe ich ihn eben in meine Biografie reingeschrieben“, sagt sie. Das Schönste an den 160 Seiten des Romans ist dessen Kurzweiligkeit. Dass Hartmann auf Anraten ihrer Lektorin vor allem Pointen streichen musste, fällt nicht auf, denn es sind noch genügend da.

Auf Twitter spricht Hartmann ihren Followern und auch mir nicht selten aus der Seele. Immer wieder fragt sie:  Liegt es an mir? Oder ist es die Welt, die krank ist? „pms level: musste straßenseite wechseln weil mich die wadenform der person vor mir extrem aggro gemacht hat.“ Das Lustigmachen über die eigene Existenz wird zur Coping-Strategie. Vielen Millennials klingen noch die Beteuerungen der Nachkriegsgenerationen im Ohr, es in allen Bereichen besser zu haben, nein, besser haben zu müssen. So wird das Gefühl, niemals gut genug zu sein, Teil des postpostmodernen Aufwachsens. 

Keine Frage: An der Diskussion, wo Satire aufhört und wo Diskriminierung anfängt, beteiligen sich heute vielfältigere, auch nicht-akademische Stimmen, wie eben auf Twitter. Jene, die jetzt um ihre Deutungshoheit zittern, mögen das blöd finden und als Cancel Culture bezeichnen. Man kann es aber auch Demokratisierung nennen. Im digitalen Aufbegehren der Generationen Y und Z, durch die Niedrigschwelligkeit des Internet, aber auch durch die Abgrenzung von den Boomern, die noch als Gatekeeper an den Schaltstellen der traditionellen Unterhaltung sitzen, sind diverse Stimmen lauter geworden. Politisch zu sein, hat seine Bedeutung verändert. Lustig zu sein auch.