Das DAU-Projekt kann man durchaus als Menschenversuch bezeichnen. Hier eine Szene aus „Degenratia“.
Foto Phenomen Film

Berlin - Als Ilya Khrzhanovsky die Bühne des HAU betritt, wird er nur von einem Teil der Gäste mit Applaus begrüßt. Der Mann spaltet: Die einen nennen ihn arrogant und zynisch, die anderen charismatisch oder sogar genial. Er nimmt neben Kameramann Jürgen Jürges, Co-Regisseurin Katja Oertel und Ilya Permyakov Platz. Letzterer gilt als theoretischer Kopf des seit Jahren umstrittenen Großprojekts DAU. Auf der Berlinale werden zum ersten Mal zwei Filme vorgestellt, die im Rahmen von DAU entstanden: Sie heißen „Natasha“ und „Degeneratsia“ und wurden von den wenigsten im Saal gesehen.

Umso höher schlugen die Wellen im Vorfeld. Die anonym erhobenen Vorwürfe wiegen schwer. Es geht um Machtmissbrauch, Nötigung, Mobbing, Gehirnwäsche. Handelt es sich bei DAU vielleicht sogar um so etwas wie eine Sekte? Oder nur um eine brillante Geschäftsidee, die den westeuropäischen Förderern und russischen Oligarchen die Millionen aus der Tasche zieht, um mal so richtig die Sau rauszulassen?

Die entfesselte Idee

Wir erfahren, dass DAU zunächst als konventioneller, dreiteiliger Film geplant war, als Biopic über den sowjetischen Wissenschaftler Lew Landau, gedreht von verschiedenen Kameramännern in St. Petersburg, Charkiw und Moskau. Dass alle Rollen von Laien besetzt werden sollten, stand damals schon fest. An einem bestimmten Punkt begriff der Regisseur jedoch, dass dem Gegenstand mit den Regeln des konventionellen Kinos nicht beizukommen war. An diesem Punkt wurde die Idee zum Lebensraum DAU geboren: einer künstlichen, in allen Details der UdSSR nachempfunden Stadt, in der die Mitwirkenden über Jahre hinweg zusammen lebten und arbeitenden.

Die Filmaufnahmen selbst erfolgten aus der Eigendynamik des Geschehens heraus. Jürgen Jürges war ständig abrufbar, er musste faktisch zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort des Sets mit seinen Kameras einsatzbereit sein. Einige Drehtage dauerten mehrere Kalendertage. Die ukrainische Großstadt Charkiw ist einerseits Teil der Biografie von Landau, bot andererseits ideale Arbeitsbedingungen. Gewerkschaftliche oder arbeitsschutzrechtliche Auflagen gab es so gut wie keine.

Film als Psychotherapie

Und menschenrechtliche? Es war klar, dass die heikle Frage kommen musste. Moderatorin Dana Linssen geht direkt darauf zu: War der Geschlechtsverkehr in „Natasha“ einvernehmlich? Und wie verhielt es sich mit den Gewaltakten während der Verhörszene?

Khrzhanovsky verneint, dass irgendetwas gegen den Willen der Hauptdarstellerin Natalia Berezhnaya geschehen sei. Diese wäre im Übrigen jeden Tag nach Hause gegangen, habe während der Dreharbeiten ihren jetzigen Mann kennengelernt und arbeite jetzt wieder auf dem Markt von Charkiw. Aus dem Publikum kommt die Frage, ob die Mitwirkenden psychologisch betreut wurden. Der Film selbst sei die Psychotherapie, lautet die Antwort.