Ernest Greene alias Washed Out.
Foto: Shane McCauley

BerlinMit einer gewissen Beruhigung lässt sich feststellen, dass die Übersetzung von Filmtiteln in anderen Ländern auch nicht genauer sind als hierzulande. So hat Ernest Greene sein neues und viertes Album als Washed Out „Purple Noon“ genannt, nach dem Film von René Clement aus dem Jahr 1960. Diesen kennt man hierzulande als Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“; eigentlich, also im französischen Original, heißt der Film „Plein Soleil“ – also nichts mit dem abendlichen Purpurdunst, den Greene auf seinem Cover zeigt.

Das flauschig strömende und schwebende Album hat denn auch nichts mit einem Thriller zu tun. Der 37-Jährige aus Atlanta gehörte um 2010 zu den frühen Protagonisten der Dream-Pop-Spielart Chillwave, meist allein am Schlafzimmercomputer hergestellte Musik, die ihre Retroeinflüsse nostalgisch inszeniert: Psychedelik, Softrock und Synthies erklingen wie hinter Schleiern der Erinnerung gespielt. Das hat man mit meist sommerlichen Szenen verbunden, in denen Menschen zeitverloren am Strand oder an stillen Seen chillen. Die Produktionen der offiziellen Pioniertrias Neon Indian, Toro Y Moi und eben Washed Out erinnerten die Älteren an verblichene Polaroids, die Jüngeren an den 2009 auf den Markt gebrachten Fotofilter Hipstamatic, mit dessen Hilfe sie die sozialmedialen Kanäle mit aktuellen Bildern fluteten, die nach längst vergangenen Urlauben aussehen.

Entstanden aus den hauntologischen Experimenten von Künstlern wie Caretaker (der zum Beispiel eine Alzheimer-Reise in die Dunkelheit vertonte), sickerten die Verschleierungsstrategien der Chillwave tief ins weite Feld des Synthie-Pop und Post-R&B.

Washed Out dagegen hat sich mit jedem Album ein wenig mehr in die Klarheit bewegt, alles Beunruhigende und Morbide fehlt auf „Purple Noon“ ebenso wie die dunkle Romantik, die man darin finden kann. Stattdessen schwappen hier sanfte Housebeats wie im Meer vor Ibiza, ein paar hohe Gitarrentöne ziehen vorüber und Greenes zum zarten Chor gelayerte Stimme singt auf Hallwellen vom Auf und Ab der Liebe. Davon, ob es am Ende der Party schon „Too Late“ sei, sich noch zusammenzufinden; ob es womöglich „Time to Walk Away“ sei, wo man sich ja nur noch gegenseitig verletze; ob die Liebe, die einen „Paralyzed“ zurückließ, bald wiederkomme. Doch solche Zweifel hört man höchstens in gedämpfter Ferne, als vage und süße Melancholie.

In Cléments „Plein Soleil“ verbirgt Alain Delons coole Schönheit einen mörderischen Abgrund. In Washed Outs „Purple Noon“ dagegen wippt der gleichmütige Sound wie auf weichem Flaum ein wenig in der rosa Mittelmeersonne des Covers, in der Greene Edward-Hopper-artig vor dem Meereshorizont seiner Erinnerung steht. Chillwave, meinte Simon Reynolds einmal, sei als erstes Internetgenre Musik für die post-kritische Bloggerszene. Kritisch betrachtet kann man „Purple Noon“ natürlich leer und belanglos finden. Aber genauso gut kann man diesen Sound mitnehmen wie ein warmes, sacht bewegtes High, auf dem man am späten Nachmittag hübsch und friedlich in den Abend treibt. Bis es halt vorbei ist.

Washed Out – Purple Noon (Sub Pop/ Cargo)