Berlin - Künstlerinnen und Künstler hegen oftmals ein besonderes Verhältnis zu ihren Ateliers. Für sie sind sie Denkraum, Werkstatt, oft auch Zuhause, immer jedoch ein Refugium. Geradezu überbordend ausgeprägt war diese Beziehung bei dem amerikanischen Expressionisten Cy Twombly (1928–2011). Allein seine Häuser in Rom, Gaeta und Itri, aber auch in seiner Geburtsstadt Lexington, Virginia, füllen einen ganzen Fotoband. Der ist tatsächlich so schön geworden, dass bereits die Erstausgabe rasch ausverkauft war.

Jetzt allerdings gibt es eine Softcover-Ausgabe: „Cy Twombly – Homes & Studios“ vereint 135 Bilder von 15 verschiedenen Fotografen wie Bruce Weber, Tacita Dean und Sally Mann, die den Künstler in seinen Villen und Ateliers im Lauf von fünfzig Jahren verfolgen. 1965 porträtierte etwa Horst P. Horst Twombly in weißem Anzug neben Büsten römischer Cäsaren und Dichter in der Via di Monserrato in Rom. Der Künstler wird darin in nachdenklicher Haltung gezeigt.

Es sind Fotos von atemberaubender Eleganz, die wie beiläufig Twomblys Werke zum Sprechen bringen. An den Wänden lehnen seine Bilder, hängen helle Leinwände, oft noch unfertig, wie an-skizziert mit ihren für Twombly typischen Kratz- und Krakelspuren. Das Verwandlungsmoment der Räume gelingt Horst P. Horst, indem er den Künstler gleichsam als Medium zeigt. Fünf Jahre später nahm Ugo Mulas ein Schwarz-Weiß-Foto mit Leiterwagen und antiker Marmorbüste auf.

Der alte Cy Twombly selbst fotografierte 2002 in Bassano sein gelbes Stillleben mit den drei Vasen und 2006 in Gaeta die noch unfertige Rosen-Malerei. Dazu sind hier unter anderem Texte von Florian Illies zu lesen: „Während also Andy Warhol die Brillo Boxes zur Kunst erklärte und Claes Oldenburg Zahnpastatuben zu monumentalen Skulpturen aufblies – in genau dieser Zeit vertiefte sich Cy Twombly in die Lektüre von Sallust, von Homer und von Ovid und reiste durch Italien und zu den mythischen griechischen Inseln, nach Mykonos, nach Samos. Altes Europa statt Neuer Welt.“ Auch Nicola Del Roscio, der treue Hüter der Twombly-Anwesen in Amerika und Italien, beschreibt seine Erinnerungen an den Maler.

Die Idee zu dem Band entstand, so erinnert sich der Verleger Lothar Schirmer im Vorwort, als Twombly ihm 2005 die technische Produktion seiner Fotografien anvertraute. Sie dokumentieren nun, wie die gesammelten Objekte mit den Ateliers an jedem Ort neu zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Zimmerfluchten, Winkel, Nischen, morsche Türen – manchmal spartanisch, manchmal spirituell –, mit Bedeutung überfrachtet und mit allem, was auch der leidenschaftliche Fotograf Twombly selbst mit seiner Polaroidkamera festhielt. „Dieses Buch“, so Illies, „erzieht zum langsamen Sehen.“

Cy Twombly – Homes & Studios, herausgegeben von Lothar Schirmer, mit Texten von Nicola Del Roscio und Florian Illies. 264 Seiten, 136 Farb- und Duotone-Tafeln, 44 Euro.