Karosh Taha.
Foto: Havin Al-Sindy

BerlinIm Islam, so lernen es Raffiq und Younes im Boxunterricht, steht die Mutter an der höchsten Stelle. Als eine Art Schlüssel für Gott kann sie dafür sorgen, ob ihr Kind in die Hölle oder in den Himmel kommt. Für Younes ist dieser Gedanke ein Paradoxon: Seine alleinerziehende Mutter Shahira kleidet sich freizügig, hat mehrere Liebhaber gleichzeitig und gilt in der kurdischen Community aufgrund ihres Lifestyles als gebrandmarkt. Wie kann das Paradies unter den Füßen so einer Frau liegen, fragt der junge Mann seinen Boxlehrer. Wie soll man eine Mutter behandeln, die eine „Hure“ ist?

Die 1987 im Irak geborene und seit 1997 im Ruhrgebiet lebende Schriftstellerin Karosh Taha untersucht in ihrem zweiten Roman „Im Bauch der Königin“ auf brillante Weise kulturelle und gesellschaftlich vorgegebene Geschlechterrollen und was diese vor allem für heranwachsende Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund bedeuten. Für den jungen Raffiq und seine Freundin Amal ist Shahira eine faszinierende Persönlichkeit: Ihre Eltern warnen die beiden vor dieser Frau, die „dreckige Dinge“ mit Männern macht. Doch Shahiras Umgang mit Sexualität und wie sie permanent Konventionen bricht, bedeutet auch Freiheit für die jüngere Generation. Dass Shahira dabei ihren eigenen Sohn, der sich für sie schämt, vernachlässigt, trägt zu ihrer Neugierde bei.

„Im Bauch der Königin“ ist ein Wendebuch: man kann es von beiden Seiten her anfangen, und es würde nichts am Leseerlebnis ändern. Taha widmet sich zum einen der Sicht von Raffiq und parallel dazu der Sicht von Amal. In beiden Teilen geht es auch um Männlichkeit, sowohl in ihrer Toxizität als auch in ihrer Zartheit. Junge Männer prügeln sich, sie heulen, sie zeigen Gefühle, sind zerbrechlich. Was im Kino als „female gaze“, also als weiblicher Blick gilt und in den letzten Jahren eine immer größere Rolle im Film und Fernsehen spielt, scheint Taha auch bei ihren Männerfiguren anzuwenden.

Es geht hier aber auch um abwesende Väter und wie sich ihre Flucht auf die zurückgebliebenen Familienangehörigen auswirkt – ein Motiv, dass Taha schon in ihrem Debütroman „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ nachgegangen ist. Die Autorin verurteilt ihre Charaktere nie, sie schildert nur ihre Lebensführung. Und wenn sie Amal zu Wort kommen lässt, in kurzen, strömenden Sätzen, als wäre man im Wasser und würde sich einfach treiben lassen, wenn das Setting plötzlich von Deutschland nach Kurdistan verlegt wird, dann entwickelt sich ein Sog, der einen das Ganze am Stück lesen lässt. Das ist große Erzählkunst, die an die der schottischen Autorin Ali Smith und ihren Roman „Beides sein“ erinnert.

Das Buch

Karosh Taha: Im Bauch der Königin. Roman. Dumont, Köln 2020, 250 S., 22 Euro