Paradiesisch ging es schon bei Hieronymus Bosch zu: Hier ein Detail aus dem Triptychon Garten der Lüste (1490-1510). 

BerlinHeute Vormittag traf ich im Treppenhaus den Nachbarn aus dem zweiten Stock. Wir versuchten, in Würde und zugleich hygienisch korrekt aneinander vorbei zu kommen, was auf der Treppe eines Berliner Altbaus nicht ganz so einfach ist. Der Nachbar arbeitet beim Senat und trägt normalerweise Anzüge. Jetzt ist er seit zwei Wochen im Homeoffice und schlurft im Bademantel und unrasiert zum Briefkasten. Was mich daran denken ließ, wie sich dieses Land wohl verändern wird, wenn 80 Millionen Deutsche drei Monate lang nicht zum Friseur gehen dürfen und keinen Zugang zu Waxing-Studios haben. Sehen wir dann irgendwann alle aus wie Wolfgang Thierse?

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Wobei ich denke, wir sollten gerade jetzt, in dieser sanitären Krise, grundsätzlich positiv bleiben. Ich zum Beispiel bin gerade sehr glücklich, weil die Pandemie mir meine Familie zurückgebracht hat. Meine Tochter Anais, die im französischen Lothringen studiert, musste heimkehren, weil ihre Universität bis September geschlossen wurde. Genau wie die Schule meiner Tochter Nadja. Und meine Frau Catherine, die seit drei Wochen einen neuen Job in einem Ministerium hat, ist wegen Homeoffice auch wieder zu Hause. Wir beginnen jetzt schon morgens mit Brettspielen, sind gerade an unserem zweiten Gustav-Klimt-Puzzle mit 1500 Teilen und stecken mitten in der vierten Staffel von „Game Of Thrones“, wo es ruhig ein paar Sexszenen mehr geben könnte.

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Abgesehen davon ist alles wunderbar, ich fühle mich wie in einer Zeitmaschine, die mich in die Jahre zurückbringt, als meine Mädels noch brav zu Hause blieben, und es nur einen Mann in ihrem Leben gab, nämlich mich. Denn das Allerbeste an dieser Epidemie ist ja das Kontaktverbot mit Leuten, die nicht zur Familie gehören. Also, nicht dass das jetzt hier falsch rüberkommt, ich mag die Freunde meiner Töchter, es sind nette, anständige Burschen, die schon so manchen schweren Müllsack für mich geschleppt haben. Aber am schönsten ist es doch immer noch, wenn sie nicht da sind.

Da meine Tochter Anais aus einem Risikogebiet heimkehrte und kurz nach ihrer Ankunft leichtes Fieber bekam, musste sie einen Corona-Test absolvieren. Solange wir auf das Ergebnis dieses Tests warteten, hatten wir uns in häusliche Quarantäne zu begeben. Die Nachbarn kauften für uns ein, Nadja buk Kuchen, Anais mixte ganz hervorragende Margaritas und meine Frau Catherine zauberte uns jeden Abend ein kleines Festmahl auf den Tisch. Ich betete dafür, dass die Berliner Verwaltung so lahm und vergesslich sein möge, wie sie es seit Menschengedenken ist. Ich wäre sogar bereit gewesen, einen größeren Betrag für die Kaffeekasse des Gesundheitsamtes zu spenden, wenn dort ganz zufällig die Speichelprobe meiner Tochter verloren gehen würde.

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Aber leider war das Ergebnis dann doch schon nach fünf Tagen da. Und, noch viel schlimmer: Der Test war negativ. Ich meine, liebe Leser, verstehen sie mich bitte nicht falsch, natürlich bin ich erleichtert, dass meine Tochter gesund ist. Andererseits, sie ist doch jung und hat ein gutes Immunsystem. Was hätte es geschadet, wenn sie das Virus jetzt bekommen hätte? Wir hätten alle zusammen noch mal zwei Wochen in Quarantäne gehen können. Vielleicht sogar länger. Warum ist Gott so grausam zu mir? Erst lässt er mich die Luft des Paradieses schnuppern, dann schmeißt er mich wieder hinaus.

Kurz nachdem Anais ihr Testergebnis bekommen hatte, verabredete sie sich schon mit ihrem Freund am Telefon. Mir blieb nicht viel Zeit, ich musste spontan handeln, hustete erst ein wenig, dann immer stärker. Es war dieser trockene Reizhusten. Außerdem fühlte ich mich auf einmal schlapp und ein wenig fiebrig. Anais sah mich erschrocken an. Ich sagte: „Baby, ich weiß nicht, was es ist, aber Sicherheit geht vor. Bleib bitte zu Hause!“ Seitdem ist mein Zustand, nun ja, stabil.

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