Angela Merkel (Imogen Kogge) umlagert von Journalisten.
Foto: ARD

BerlinWenn keine Kamera mehr läuft und sie keine Ministerrunde mehr leiten muss, dann flucht Angela Merkel auch mal herzhaft. Die SMS mit der Nachricht, die Ungarn wollten im Juli 2015 einen Grenzzaun gegen Flüchtlinge bauen, kommentiert sie trocken mit „Scheiße!“ Das ARD-Dokudrama „Die Getriebenen“ will ganz nah bei der Kanzlerin bleiben. Der Film basiere auf „Motiven“ des gleichnamigen Sachbuchs von Robin Alexander, heißt es im Vorspann, und man fragt sich, ob und wie man Motive eines Sachbuchs verfilmen kann. Er habe die „Lücken“ der Vorlage ausgefüllt, erklärt   der Drehbuchautor Florian Moeller, Dialoge erfunden und der Emotionalität Raum gegeben.

 Spitzenpolitiker von Schauspielern verkörpert

„Die Getriebenen“ ist nicht der erste Versuch, das Geschehen des Sommers 2015 filmisch aufzuarbeiten. Die ARD zeigte schon 2017 „Drei Tage im September“, das ZDF im vergangenen Jahr das Dokudrama „Stunden der Entscheidung“. Im Unterschied zu den Vorgängern konzentriert sich der Film des Regisseurs Stephan Wagner nicht auf wenige Tage und Stunden, sondern holt weiter aus. „Die Getriebenen“ beginnt mit den Grexit-Verhandlungen am 12. Juli 2015 und umspannt insgesamt 63 Tage. Auch personell greift der Film aus dem Vollen. Unter den mitwirkenden Figuren sind fast 20 Spitzenpolitiker aus ganz Europa. Neben Viktor Orban und dem damaligen österreichischen Kanzler Werner Faymann werden auch Alexis Tsipras oder Jean-Claude Juncker von Schauspielern verkörpert.


Doch der zweistündige Film tut sich schwer darin, eine Struktur, eine Dramaturgie in die Chronologie der Ereignisse zu bringen. Das war dem ZDF-Pendant viel besser gelungen: „Stunden der Entscheidung“ verfolgte in einer Parallelmontage den Marsch der Flüchtlingen aus Ungarn und die Reaktionen der Politiker, verzahnte das nachgestellte Geschehen dazu mit den Interviews wichtiger Beteiligter.
Auch die Macher der „Getriebenen“ mischen Dokumentarisches und Inszeniertes, konnten sich aber nicht entscheiden, ob sie ihre Figuren nun mittels Maske betont echt aussehen lassen – so ähnelt Tristan Seith verblüffend Peter Altmaier – oder ob sie eher auf die Wirkung bekannter Darsteller setzen. So spielt Rüdiger Vogler Wolfgang Schäuble und Walter Sittler Frank-Walter Steinmeier – beide sehen den Originalen überhaupt nicht ähnlich.

Trailer zu „Die Getriebenen “ in der ARD

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Das erzählerische Gerüst liefern nicht nur persönliche Gespräche, sondern vor allem das Telefonieren, Simsen und Mailen auf einer permanenten Terminhatz. Macht drücke sich heute im „Aufbau von Informationsvorsprung“ aus, erklärt der Regisseur im Pressetext. So illustriert der Film einerseits den Zeitdruck politischer Entscheidungen, vor allem aber das Taktieren: Wann gebe ich wem welche Informationen weiter? Alle „Getriebenen“ sind hier zugleich Antreiber, fast jeder versucht, seine Macht auszubauen.

Die Teflonfrau

So sieht sich Angela Merkel und ihr innerer Zirkel mindestens von vier Seiten angegriffen: Die CSU um Horst Seehofer (Josef Bierbichler) intrigiert gegen sie. In der entscheidenden Nacht geht der Münchner Parteichef einfach nicht ans Telefon. Der Sozialdemokrat und Vizekanzler Sigmar Gabriel (Timo Dierkes) lauert höhnisch auf Fehler der „Teflonfrau“, die rechtskonservativen Sicherheitsexperten um den obersten Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen (Michael Benthin) stehen kurz vor dem Putsch und Ungarns Viktor Orban (Radu Banzaru) lässt die Situation genüsslich eskalieren.

So führt der Film Politik als kurzfristiges und kurzsichtiges Intrigantentum vor – nur eine bleibt stets besonnen und ringt um Lösungen. „Wenn Aufgeregtheit Probleme lösen würde, würde ich mich permanent aufregen“ – Sätze wie diesen legt der Autor Angela Merkel allzu gern in den Mund. Mit Imogen Kogge hat der Film ein starkes schauspielerisches Zentrum. Sie verleiht Merkel nicht nur trockenen Humor, sondern auch eine Emotionalität, die man so von ihr nicht kennt.  
Ganz kritiklos will der Film denn   aber doch nicht sein: Eines Abends liest Joachim Sauer (Uwe Preuss) seiner Ehefrau   die Leviten und listet Angela Merkels Versäumnisse   in der Flüchtlingspolitik auf.

Die Getriebenen

Mittwoch, 15. September 2020, 20.15 Uhr, ARD

Der Film sei ein „würdigendes Porträt der Kanzlerin“ erklärt Martina Zöllner, als RBB-Filmchefin verantwortlich für das Projekt. Genau das   ist das Problem.     Porträtmalerei gehört   nicht unbedingt zum öffentlich-rechtlichen Auftrag.