Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran: Den Fehlfarben hat es nie so recht gefallen, dass dies ihre bekanntesten Zeilen blieben, weil der chic-extemporierende Track „Ein Jahr“ den schraffierten Post-Punk des dazugehörigen Albums „Monarchie und Alltag“ nicht wirklich repräsentierte. Es erschien im Oktober 1980 und machte die Düsseldorfer für eine kurze Zeit zur besten Band der Welt.

Erste Spex-Ausgabe erschien im September 1980

Im September desselben Jahres war in Köln die erste Ausgabe des Musikmagazins Spex erschienen, das auf dem Cover auch die Fehlfarben notiert hatte. Beide, Band und Blatt, verdankten sich dem gleichen poppolitischen wie subkulturellen und ästhetischen Impuls, den man mit Fehlfarben so beschreiben könnte: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“ – man griff also selbst zum Lappen.

Zwischendurch immer mal aufgelöst, spielen die Fehlfarben seit 2007 wieder mit Peter Hein am Mikro, der die Band nach dem Debütalbum verlassen hatte, um seinem Xerox-Brotjob nachzugehen. Ihr letztes Album war ohne die Dringlichkeit der frühen Tage schlecht gelaunt gelungen. Aber auf der aktuellen Tour führen sie das tolle Debüt wieder auf.

Mit der Spex-Einstellung geht ein Stück Jugend dahin

Die Spex hingegen wird nun eingestellt. Das betrübt mich ganz persönlich, es geht wieder ein Stück Jugend dahin: Ich habe seit 1983 nicht eine Ausgabe ausgelassen und von Mitte der Achtziger bis in die ersten paar Neunzigerjahre für das Magazin geschrieben.

Liest man die Reaktionen in den entsprechenden Foren, fällt auf, wie viele Leute stolz drauf waren und sind, die Spex-Texte angeblich nicht verstanden zu haben oder zu verstehen. Wenn ich etwas nicht verstehe, reizt mich das eher, ist doch spannender als das Immergleiche und Leichtverdauliche. Wie kompliziert die vermeintlich banale Popkunst sein kann, sieht man gerade am Fall Feine Sahne Fischfilet.

Man muss tatsächlich erklären, warum es Unterschiede zwischen ästhetischen und politischen Programmen gibt, man muss darauf hinweisen, dass Linkspunk nicht einfach umgedrehter Nazirock ist. Das Bauhaus-Kneifen vor dem rechten Mobbing ist eine deprimierende Peinlichkeit. Aber was bedeutet es für die Kritik, wenn sich nun Staatsminister und Senatoren für die Punks einsetzen? Auch für solche Fragen war Spex zuständig, und ihr Alphabetisierungsauftrag scheint längst nicht erledigt. Auch kulturindustrielle Ignoranz ist nicht cool.

Spex teilte die Gemüter

Unumstritten war Spex nie. Zum Beispiel wurden gern die Genialen Dilletanten Berlins belächelt. Ich habe in den Achtzigern gegenüber der Endart-Galerie in Kreuzberg gewohnt, in deren Schaufenster eine Weile ein Kothaufen ausgestellt war, der „Diedrich und Jutta“ hieß, nach den Berlin-kritischen damaligen Mitherausgebern Diedrich Diederichsen und der Künstlerin Jutta Koether. Die Berliner Kränkung hält offenbar noch heute an, wie man im schönen Interviewband lesen kann, den Jacek Slaski in „Gespräche mit Genialen Dilletanten“ zusammengestellt hat, wo Endart-Gründer Klaus Theuerkauf so beleidigt spricht, als sei’s gestern gewesen.

Slaski, im Hauptberuf Redakteur beim Tip, hat jede Menge der Künstler interviewt, die in der Dilettantenszene um 1980 wegweisend waren, Blixa Bargeld, zum Beispiel, Gudrun Gut und Wolfgang Müller, der neben Frieder Butzmann und Klaus „8. Beatle“ Beyer bei der Präsentation dabei sein wird. Man hat das Buch sogar hübsch ins Merve-Design des damaligen Manifests von Wolfgang Müller gepackt. Unterhaltsam abgeklärt, selten grantig, verbreiten sie den Ofengeruch und Grauton der Mauertage. Sehr schön.

Zum Schluss noch zwei typische Vertreter zeitgemäßer Spexmusik: Justin Vernons Bon Iver schauen mit ihrem lässig melancholischen, autogetunten Indierock vorbei; und How To Dress Well alias Tom Krell kommt mit seinem experimentierfreudigen Lo-Fi-R&B. Toll-fragile Popmusik, wie sie zweifellos weiterhin produziert und gehört werden wird. Dass scheinbar nicht mal mehr die früheren Hipster Lust und Sitzfleisch haben, dem Hörgenuss lesend auf den Grund zu gehen, ihn in der Welt zu verorten, um am Ende beides, Genuss und Welt, vielleicht besser zu verstehen, das finde ich arm.