Der deutsch-türkische Korrespondent der Tageszeitung Die Welt Deniz Yücel sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft in einem türkischen Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, terroristische Aktivitäten begangen zu haben, eine Anklageerhebung steht allerdings weiterhin aus.

Deniz Yücel, dessen Fall längst zu einem internationalen Politikum geworden ist, hat im zurückliegenden Jahr immer wieder über seine Haftsituation berichtet. Die Texte, die in dem in dieser Woche erscheinendem Buch „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ (Nautilus Verlag) versammelt sind, sind teilweise unter widrigen Umständen an die Öffentlichkeit gelangt.

Tagebuchartige Einträge

In einem Beitrag für die Welt am Sonntag hat Yücel nun den abenteuerlichen Weg beschrieben, den seine Texte aus dem türkischen Gefängnis Silivri heraus in die Öffentlichkeit gefunden haben. „Es durfte nicht gelingen, mich zum Schweigen zu bringen“, schreibt Yücel. „nach ein paar Tagen begann ich zu experimentieren. Da Bücher erlaubt waren, nahm ich Oguz Atays 720-Seiten-Roman „Die Haltlosen“ als Papierersatz. Dazu versuchte ich es mit einer abgebrochenen Plastikgabel als Feder und der roten Soße der Essenskonserven als Tinte.“

Die Methode, die Yücel zur geheimen der Textproduktion wählte, war aber zunächst nicht erfolgreich. Die Gabelspitze, schreibt Yücel, erlaubte ihm kein filigranes Schreiben, und auf die Seiten des eng beschriebenen Romans passten nur sehr wenige Worte. Aber Deniz Yücel gab nicht auf. Wenig später gelangte er an einen Stift, und die Seiten einer türkischen Ausgabe von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ ließen dem Autor schließlich genügend Weißraum, um tagebuchartige Einträge nach außen zu schmuggeln, versteckt in schmutziger Wäsche, die er seinen Anwälten mitgab.

„Noch vor 15, 20 Jahren war das hier eine Folteranstalt"

Die Anwälte Yücels, dessen Ehefrau Dilek und Yücels Freund, der Journalist Daniel-Dylan Böhmer, haben über den Weg der Kassiber zunächst Stillschweigen bewahrt. Zur bevorstehenden Veröffentlichung des Buches gab Yücel nun aber preis, wie Texte, die vom Haftalltag handeln, aber auch ein eindrucksvolles Dokument seines ungebeugten Freiheitswillens sind, schließlich in sichere Hände gelangen konnten.

Aus dem Text geht zugleich hervor, dass Yücel trotz seiner prekären Lage stets gewillt war, seine journalistische Nüchternheit zu bewahren. Über das Gefängnis schreibt er: „Noch vor 15, 20 Jahren war das hier eine Folteranstalt. Ich habe bislang keine Gewalt gesehen und von keiner gehört. Die Beamten, die den Trakt beaufsichtigen, sind manchmal etwas grob im Ton, aber nicht ausfallend oder beleidigend.“