Peter Simonischek kann sich nach „Toni Erdmann“ die Filmprojekte in Ruhe aussuchen. 
Foto: Markus Wächter

BerlinEin Hotelfoyer in Charlottenburg. Purer Jugendstil, sorgsam modernisiert. Peter Simonischek ist pünktlich, von großer Freundlichkeit und ausnehmend gut gekleidet. Der spätestens seit „Toni Erdmann“ weltbekannte Schauspieler ist nach Berlin gekommen, um seine Familie zu sehen, einen seiner drei Söhne, das Enkelkind. In dem aktuellen Film „Crescendo“ spielt er einen Dirigenten, einen Mann, der mit der Musik das leistet, was man Friedensarbeit nennt.

Herr Simonischek, Sie waren zwei Jahrzehnte an der Schaubühne in Berlin engagiert, bevor Sie 1999 nach Wien ans Burgtheater gewechselt sind. Haben Sie sich wohl gefühlt in Berlin?

Es waren zwanzig wirklich aufregende Jahre in Berlin. Zehn Jahre mit Mauer, zehn Jahre ohne Mauer. Es war eine tolle Zeit, und wir hatten auch ein tolles Theater in dieser Zeit. Die Schaubühne, das war damals der Chimborazo der Wünsche aller jungen Schauspieler, das war die erste Adresse. So wie es nach der Wende die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war.

Wien und Berlin haben wenig gemeinsam.

Die Städte sind sehr unterschiedlich, aber es muss auch Affinitäten geben. Nestroy-Inszenierungen waren zum Beispiel immer sehr erfolgreich in Berlin. Und ich glaube, es gab mehr Schnitzler-Uraufführungen am Deutschen Theater als in Wien. Eines habe ich aber in Berlin schon registriert im Lauf der Jahre: Ich würde sagen, es ist die Abwesenheit jeglichen Charmes im Umgang. Es ist alles direkt, und daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Als ich nach Österreich zurückkam, musste ich wieder umlernen.

Hatte Berlin da schon auf Sie abgefärbt?

In Berlin kann man das, was gesagt wird, gerne für bare Münze nehmen. Damit ist man in Österreich ganz schlecht beraten, weil man ganz selten zu hören kriegt, was die Leute wirklich denken. Die Konvention ist: Lügen ohne Not. Die Lüge ist in Österreich Teil der Kultur, Schnitzler wäre gar nicht denkbar ohne die Kultur der Lüge.

Lüge ist ein hartes Wort.

Na ja, Lügen ohne Not. Lügen, weil es Spaß macht. Es geht nicht um wesentliche Dinge. Es kann den Umgang auch weicher machen. Einer meiner Lieblingswitze aus Berlin spielt in einem Kino. Ein Zuschauer muss kurz vor Filmbeginn noch mal raus und tritt dabei einer Dame auf den Zeh, sie schreit laut Aua. Als er wieder reinkommt, muss er seinen Platz im Dunkeln suchen und fragt dieselbe Frau: Sagen Sie, Sind Sie die Dame, der ich beim Rausgehen uffn Fuß jetreten habe. Und sie sagt: Ja, ist  ja schon gut. Worauf er sagt: Na, denn iss et die richtige Reihe.

Trailer: YouTube

Ist es noch immer so, dass Deutsche nicht so beliebt sind in Wien?

Weil man sie „Piefke“ nennt? Man muss da nicht alles eins zu eins nehmen. Manches hat vielleicht mit dem Minderwertigkeitskomplex der Österreicher den Deutschen gegenüber zu tun.

Vor ein paar Jahren erwähnte der in Wien geborene und mit seiner jüdischen Familie in die USA emigrierte Nobelpreisträger Eric Kandel an der Humboldt-Universität in Berlin sein Unbehagen gegenüber Österreich. Das Land habe sich seiner Vergangenheit lange nicht gestellt und stattdessen am Opfermythos festgehalten.

In Österreich hat sich nach der Affäre Kurt Waldheim während seiner Wahl zum Bundespräsidenten Österreichs 1986 entschieden etwas getan. Das war sehr heilsam. Damals wurde die Verschleierung der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs erstmals Thema. Den Opfermythos hatten die Alliierten ja nach dem Krieg beim Abschluss des Staatsvertrags angeboten, damit gaben sie sich selbst die Legitimation, das Land nach zehn Jahren wieder zu verlassen. Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus: Das hat man als Österreicher natürlich dankbar angenommen.

Der Aufstieg der FPÖ mit Jörg Haider fällt auch in die Waldheim-Zeit.

Ja, aber Haider ist entlarvt. Es geht natürlich immer weiter. Denn die Wähler der Rechtsextremen sind meiner Meinung nach keine Wähler, sondern Gefolgsleute. Deshalb sind sie auch so hartnäckig. Das kann man nur mit Fußballfans vergleichen. Sie sind nicht durch Programme zu gewinnen oder zu verlieren. Eine Schlüsselerkenntnis für mich war, als Trump sagte: „Ich kann auf der 5th Avenue jemanden erschießen, und es kostet mich keine Wählerstimme.“ Erst dachte ich, jetzt ist er vollkommen verrückt geworden. Er behauptet, dass seine Wähler alle Mordkomplizen sind, aber dann habe ich verstanden, was es wirklich ist: Seine Klientel rekrutiert sich aus denen, denen jedes Mittel recht ist. Endlich, sagen sie, ist mal einer da oben, der nicht so moderat ist und der uns nicht verschaukelt. Das sind die, die sich vergessen fühlen, wohl auch zu Recht, die Demokraten haben viele Fehler gemacht. Aber mit Trump hat sich der Ton verändert und bereitet den Weg der Gewalt. Gewalt fängt mit Worten an.

Das zeigt auch der Spielfilm „Crescendo“, in dem Sie den Dirigenten eines besonderen Orchesters spielen: eines Orchesters, in dem junge Musiker aus Israel und Palästina zusammenspielen. Genau wie in dem von Daniel Barenboim und Edward Said vor 20 Jahren gegründeten West-Eastern Divan Orchestra. Wie ist der Film zu Ihnen gekommen?

Als Drehbuch auf den Tisch. Ich habe nach „Toni Erdmann“ versucht, nicht irgendwelchen Schmonzes zu machen, sondern nur das, was Relevanz hat. Ich wollte keine komische Figur spielen, bei der man sich fragt, wo hat er jetzt die Zähne. Und so habe ich erst einmal den Film „ Der Dolmetscher“ in der Slowakei gemacht und dann diesen. Und beide Male spiele ich Figuren mit einem Täterschicksal.

Szene aus „Crescendo“ von Dror Zahavi, mit Peter Simonischek als Dirigent. 
Foto: Oliver Oppitz 

Worum geht es?

Beide Männer sind Kinder von NS-Verbrechern. Der Dirigent Eduard Spork, eine erfundene Figur, erfährt als Erwachsener, dass ihn die Eltern als Kind zu einer Bäuerin abgegeben haben. Sie offenbart ihm seine Geschichte. Ursprünglich war diese Situation szenisch dargestellt, aber in der letzten Drehbuchfassung war sie nicht mehr drin. Darüber habe ich mich geärgert, weil ich genau diese Szene sehr mochte. Ich entscheide mich für einen Film eigentlich nur, wenn die Rolle, die ich darin spiele, auch genügend Fleisch hat. Also habe ich abgesagt. Der Regisseur Dror Zahavi hat mich gebeten, noch einmal mit ihm zu sprechen. Morgens um sieben in einem Café am Savignyplatz haben wir uns dann getroffen, und da habe ich gemerkt, dass der Film wirklich eine Herzensangelegenheit für ihn ist. Zum ersten Mal habe ich damit einen Film nicht wegen einer Rolle gemacht, sondern wegen des Films als Film. Und ich habe es keinen Moment bereut. Spork redet nun im Kreis der Jugendlichen über seine Geschichte, wie er mit der Schuld der Eltern umgehen muss, wie er in Sippenhaft genommen wurde.

In dieser Szene sieht man, wie intensiv Sie mit den jungen Leuten zusammen spielen. War das ein besonderer Genuss für Sie?

Das war das Zentrum der ganzen Erfahrung für mich. Genau das, was im Film thematisiert wird, haben wir beim Drehen erlebt. Israelis und Palästinenser machen zusammen einen Film. Das Schlimmste war die Szene, in der sie sich gegenseitig beschimpfen mussten. Davor hatten sie wahnsinnig Angst. Einer hat sich auf dem Klo versteckt, er wollte da nicht mitmachen. Alle sind nämlich wunderbar miteinander ausgekommen. Sie haben gemeinsam gesungen, musiziert, gegessen, sie hatten Freude miteinander, sie waren einfach zusammen. Sicher sind sie nach ihrer Rückkehr dafür angegangen worden. In Israel und in Palästina. Und jetzt geht das Leben wieder seinen Gang, mit den Checkpoints, mit den Schikanen, mit den Raketen. Es ist ähnlich wie beim Brexit – auch wenn man das nicht wirklich vergleichen kann: Die Jungen müssen die Köpfe hinhalten für die Politik der alten Trottel.

Wie haben Sie sich ins Dirigieren eingefunden?

Ich habe fleißig geübt und nicht irgendwie herumgefuchtelt. Hinter der Kamera stand ein Dirigent, der dirigiert hat, auf ihn habe ich geguckt. Ich hatte Spaß daran. Es sind anspruchsvolle Stücke, wie „Der Winter“ aus Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“. Ich habe den jungen Musikern so gerne zugeschaut. Musiker und Schauspieler standen sich beim Proben gegenüber, die Musiker haben zum Spiel der Schauspieler die Musik gemacht, beide zusammen klangen total kakophonisch. Wir hatten beim Drehen manchmal Probleme, ernst zu bleiben. Die Musiker haben richtig gut gespielt, die Schauspieler fiedelten dazu wie verrückt. Und ich musste mit ernster Miene dirigieren.

Hatten Sie Vorbilder unter den Dirigenten?

Ich habe mir vieles angeguckt. Besonders natürlich Leonard Bernstein. Er gab die Einsätze ja mit einem Blick, und man sieht: Jeder Blick, jeder Einsatz ist persönlich gemeint. Ich habe ihn nicht persönlich gekannt, nur vom Publikum aus erlebt. Auf YouTube kann man vieles von ihm sehen, da habe ich ihn richtig studiert. Man hat mir für die Dreharbeiten ein Video hergestellt, auf dem ich das wirkliche Orchester mit dem echten Dirigenten während des Drehens sehen konnte, leider von vorne, ich hätte ihn von hinten sehen müssen. So musste ich vermeiden, dass ich seitenverkehrt dirigiere.

Zur Person

Peter Simonischek wurde 1946 in Graz geboren. Nach der Matura hat er zunächst Architektur studiert, dann aber die Schauspielerei für sich entdeckt.

Berliner Zeit: Von 1979 bis 1999 war Peter Simonischek Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne, die 1981 unter Peter Stein vom Halleschen Ufer an den Lehniner Platz umzog.

Salzburg und Wien: Seit 1982 spielte Peter Simonischek Hauptrollen bei den Salzburger Festspielen, von 2002 bis 2009 die Titelrolle im „Jedermann“. Seit 1999 gehört Peter Simonischek dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an.

Im Film: Simonischek ist auch in zahl- reichen Filmrollen zu sehen, besonders prägnant ist dabei seine Rolle in „Toni Erdmann“ in der Regie von Maren Ade in Erinnerung. In dem Film „Crescendo“ von Dror Zahavi spielt er einen Dirigenten

Machen Sie selbst auch Musik?

Ich bin leider in einer Zeit aufgewachsen, in der man am Gymnasium zwischen Kunst und Musik wählen musste. Hanebüchen! Ich habe mich für Kunst entschieden, weil ich immer gern gezeichnet und gemalt habe. Als Kind ist mir die Musik verleidet worden, ich musste Blockflöte lernen, mit viel Druck, es war der Schuldirektor, der mich unterrichtet hat. Später habe ich Schlagzeug gelernt und Gitarre und die steirische Ziehharmonika. Das habe ich mir aber alles selbst beigebracht. Im Alter zwischen 20 und 35 war ich nur mit der Gitarre unterwegs, ich habe die Sachen der Liedermacher gespielt. Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Georg Danzer und der Schweizer Mani Matter, das war ein Genie.

Sie gehören zu der Generation, die sehr stark mit den Eltern ins Gericht ging, Eltern, die den Nationalsozialismus noch erlebt haben. Wie war das in Ihrer Familie?

Mein Vater war sechs Jahre bei der Wehrmacht. Hauptsächlich hinter der Front, als Zahnbehandler im Lazarett. Er war Zahntechniker. Ein halbes Jahr vor Kriegsende hat er noch das Glück gehabt, Scharlach zu bekommen, war also nicht einsatzfähig. Er war ursprünglich jugoslawischer Staatsbürger, zwar geboren in Graz, aber die Eltern hatten in Slowenien einen kleinen Gemischtwarenladen übernehmen können und die Kinder bekamen dadurch die jugoslawische Staatsbürgerschaft. Erst durch seinen Eintritt in die Wehrmacht bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft, das war auch ein Motiv gewesen. Ich weiß, dass er zumindest nie in der Partei war. Einmal habe ich ihn gefragt, hast du jemanden totgeschossen im Krieg? Und er sagte: Nein, wenigstens nicht wissentlich. Ich hab es ihm geglaubt. Ich hatte später andere Auseinandersetzungen mit meinem Vater. Er wollte, dass ich nach der Matura Medizin studiere.

Ihr Vater wollte nicht, dass Sie Schauspieler werden.

Ich hatte es schwer mit ihm, habe ihn aber zugleich auch verstanden. Er hat nach dem Krieg von null an etwas aufgebaut. Meine Eltern hatten nach dem Krieg gar nichts. Jeder besaß ein Fahrrad, und selbst die sind ihnen gestohlen worden. 20 Schilling hatten sie bei der Währungsreform – und mich.

Sie sind in Armut aufgewachsen.

Ja, aber das hat man mit 90 Prozent der Bevölkerung geteilt. Nur die Bauern hatten etwas. Es ging schon. Meine Großmutter war eine Eisenbahner-Witwe, die hatte Freifahrten auf der Bahn. Und so ist meine Großmutter in der Früh in den Zug gestiegen und ins Burgenland gefahren. Dort hat sie bei den Bauern irgendwas getauscht und kam abends mit einem Laib Brot und einem Liter Milch zurück. Mein Vater hat die Bauern als Dentist behandelt und bekam etwas zu Essen dafür.

Wie haben Sie es später auf die Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Graz geschafft?

Ich hatte einen Kompromiss mit meinem Vater ausgehandelt. Architektur. Weil ich gerne gezeichnet habe. Vier Semester habe ich Architektur studiert und eines Tages heimlich die Aufnahmeprüfung an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst gemacht und bestanden. Es war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens. Ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Aber mein Vater hat ständig kontrolliert, wann ich aus dem Haus gehe und wohin. Ich glaube, auch um der ständigen Kontrolle zu entkommen, bin ich Schauspieler geworden.

Wie haben Sie das vor Ihrem Vater verborgen?

Die Technische Hochschule und die Akademie lagen nur zwei Straßen auseinander, ich konnte das Schauspielstudium lange verheimlichen. Erst als meine Großmutter meinem Vater zu verstehen gab, dass sie mein Rad immer vor der Akademie sehe, hat er mich zur Rede gestellt. Ich hatte damit schon gerechnet und sagte: Na ja, ich mache ein Seminar für Bühnenbild. Irgendwann habe ich es dann erzählt.

Hat er Ihren Erfolg noch erlebt?

Ja, er war in Salzburg und hat den „Jedermann“ gesehen.

Sie finden immer noch, dass Schauspieler der schönste Beruf der Welt ist. So haben Sie es in einer Dankesrede einmal gesagt.

Es ist ein wunderbarer Beruf, wenn man ihn richtig begreift. Als Künstler kann man das Dasein als Mensch vielleicht am reichhaltigsten und würdigsten ausschöpfen, wenn man den Beruf ernst nimmt und wenn man das Glück hat, dass einem gelegentlich wirklich etwas gelingt, was man als Kunst bezeichnen kann. Meine Absichten waren jedenfalls immer lauter. Ich habe nie gedacht, das mach’ ich jetzt einfach so, es ist mir egal, ob es was wird oder nicht. Der Moment auf der Bühne ist der kostbare Jetzt-Moment. Das kann keine andere Kunst bieten, aber wenn dieser Moment weg ist, ist er auch weg, und der Schauspieler, der nicht mehr spielt, ist auch weg.