Dieses Treffen hat eine Vorgeschichte. Es ist nicht einfach der Besuch bei einer Schriftstellerin, um über ihren neuesten Roman zu sprechen. Obwohl das Grund genug wäre. „Munin oder Chaos im Kopf“ erhält sehr viele Leserreaktionen und ein großes Echo in den Medien.

Vor dem Treffen bei Monika Maron in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg gab es eine E-Mail von ihr mit der Frage: „Haben Sie die letzten beiden Sätze selbst geschrieben?“ Dass ein Schriftsteller auf die Besprechung eines Buches reagiert, ist ungewöhnlich. In unserem Falle hat es damit zu tun, dass wir uns schon lange kennen: Seit 1991, als die Berliner Zeitung Monika Marons Roman „Stille Zeile Sechs“ in Fortsetzungen abdruckte, und ich sie interviewte.

Die Kritik

In Marons neuen Roman recherchiert eine freie Autorin über den Dreißigjährigen Krieg, während in deren Nachbarschaft über eine nervige, offenbar verwirrte Sängerin gestritten wird. Die Autorin versucht sich rauszuhalten, spricht stattdessen mit einer Krähe, die sie Munin tauft. Als eine junge Frau von Männern „südländischen Typs“ angegriffen wird, bringt Marons Figur diese Nachricht zusammen mit einer Zeitungsmeldung, „dass man unter massivem Protest der linken Bewegung achtzehn von den Millionen jungen Männern, die man zuvor ins Land gelassen hatte, nun wieder in ihre Heimat befördert hatte, achtzehn von einer Million“. 

Das veranlasste mich zu dem Urteil: „Diese Empörung zieht die Wirkung des Romans runter zu einem politischen Pamphlet. 2016 wurden laut Auskunft der Bundesregierung 25.375 Menschen aus Deutschland abgeschoben.“ Reden wir also darüber.

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Glaubten Sie tatsächlich, jemand habe mir diese Sätze aufgedrängt?

Ich habe – ganz ehrlich – gedacht, das ist nachträglich angehängt worden. Dass Sie über ein Buch, mit dem Sie doch ganz zufrieden schienen, wegen einer solchen Sache derart in Aufruhr geraten, konnte ich mir nicht vorstellen. Das kam mir vor, wie wenn man mir zu DDR-Zeiten gesagt hätte, das ist zu unkritisch, schreib noch was Kritisches dran. Ich hätte aus Wut irgendwas geschrieben, was kein Mensch glauben kann. Deshalb habe ich nachgefragt.

An dieser Stelle werden achtzehn gegen eine Million ausgespielt. Ich sehe darin einen Autor-Kommentar, der dem Roman nach der Offenheit zuvor eine andere, eindeutige Lesart gibt.

Aber wieso, das lesen wir doch ständig: Ein Flugzeug fliegt Menschen aus dem Land, siebzig Leute sollen darin sein, aber nur 18 oder 15 sitzen drin. Das sind normale Nachrichten.

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Gemeinsam suchen wir das Zitat im Buch. Es kommt nach der Szene von einer versuchten Vergewaltigung. Der kleine Hund der jungen Frau wehrt die Angreifer ab und fällt ihnen zum Opfer. Es ist schwer darüber zu reden, während Monika Marons großer schwarzer Hund im Zimmer liegt. Er träumt und hört nicht zu. Die Sätze stehen auf den Seiten 208/209, der Roman reicht bis zur Seite 222. Die Autorin hat recht, es muss nicht der letzte Eindruck sein. Aber sie triumphiert nicht.

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Ich bin ja über das, was wir gerade tun, ganz glücklich: Wenn man sagt, da sind wir zwar verschiedener Meinung, aber reden einmal darüber. Die Bereitschaft, sich mit der Meinung eines anderen auseinanderzusetzen, hat extrem abgenommen. Und wofür steht das? Für ein ganz tiefes Misstrauen. Dass man das Argument des anderen sowieso für verlogen hält. Zum ersten Mal seit der DDR passiert mir wieder, dass Zuhörer nach einer Lesung sich bei mir bedanken dafür, dass ich sage, was ich sage. Also, wenn die Leute wieder glauben, dass sie einen Stellvertreter brauchen, der für sie spricht, der durch Öffentlichkeit geschützt ist, dann ist doch etwas gar nicht in Ordnung.

Die Leute schreiben ihre Ansichten auf Transparente, sie rufen sie bei Demonstrationen, AfD-Politiker sitzen in jeder zweiten Talkshow, und Uwe Tellkamp hat seine Positionen in einer großen Veranstaltung vertreten. Und ich verstehe nicht, warum es immer heißt, sie könnten ihre Meinung nicht sagen.

Aber es gibt viele Leute, die sagen, dass sie auf ihrer Arbeitsstelle Nachteile empfinden. Sie haben auch Angst, ausgegrenzt oder verdächtigt zu werden. Ein Fußballverein will AfD-Anhänger nicht in seinem Fanclub haben. Was soll das? Diese Partei sitzt in allen Landtagen und im Bundestag, warum dürfen die nicht auch im Fan-Verein sein? Die Reaktionen der Bundestagsfraktionen auf einige Auftritte der AfD sind wirklich lächerlich. Entweder finde ich den Vorschlag vernünftig, dann ist es egal, woher er kommt, oder ich finde ihn falsch, dann muss ich sagen, warum.

Sie vertreten…

…13 Prozent der Bevölkerung…

…vertreten fragwürdige Positionen, appellieren an niedrige Instinkte der Abwehr bei den Leuten, aber ja, es ist eine gewählte Partei.

Man kann es ablehnen, wenn sie an die niederen Instinkte appellieren. Das kommt dort ja vor. Ich finde den Höcke furchtbar, ich finde den Poggenburg furchtbar. Aber ich finde vieles, was der Gauland im Bundestag gesagt hat, nicht falsch. Wenn er sagt, Merkels Politik habe dazu geführt, dass wir mit den Osteuropäern im Clinch liegen, weil die wegen anderer Erfahrungen auf manches anderes reagieren, dann hat er recht. Ich muss doch Grenzen ziehen zwischen Positionen, die ich absolut nicht will, und anderen, über die man reden kann.

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Wir kommen auf einen Artikel des Islamwissenschaftlers Bassam Tibi zu sprechen, in dem er der deutschen Politik vorwirft, viel zu lässig mit der Einwanderung muslimischer Menschen umzugehen. Monika Maron unterhielt jahrelang mit der aus Istanbul stammenden Berliner Soziologin Necla Kelek einen Gesprächskreis. Ihre Gedanken zum Islam hat sie in klare politische Essays für Zeitungen fließen lassen.

Im literarischen Schreiben aber probiert sie Möglichkeiten aus, lässt vieles im Vagen und gibt dem Leser Gründe, über Vergängliches und Vergebliches, über Schuld und Mut nachzusinnen. Ihre Romane, angefangen mit „Flugasche“, der 1981 nicht in der DDR erscheinen konnte, bis zu „Munin“, lassen meist weibliche Figuren die eigene Rolle erkunden. In „Stille Zeile Sechs“ will eine Historikerin die Lebensgeschichte eines Funktionärs aufschreiben und verstrickt sich in Gedanken, die sie nicht haben will.

In „Animal triste“ erprobt eine Paläontologin die Unbedingtheit der Liebe. In „Ach Glück“ schickt sie eine Deutsche nach Mexiko zu der Surrealistin Leonora Carrington. Deren Ton nimmt sie auf in dem 2013 erschienenen Roman „Zwischenspiel“, in dem für die Erzählerin Zeiten und Orte verschwimmen und es zu einer bizarren Begegnung mit Erich Honecker kommt. Im Gespräch ist sie direkter. So sagt sie, dass „der Islam sich in den Alltag hineinfrisst“. Da möchte ich natürlich Beispiele hören.

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Das geht los mit dem Essen in Kindergärten, wo es kein Schweinefleisch mehr gibt. Deutlicher ist es in den Schulen, wo sich die Fälle häufen, dass muslimische Mädchen, die kein Kopftuch tragen, bedrängt werden, dass es Mobbing gibt gegen Juden, Anders- oder Ungläubige. Dass es solche Ausmaße angenommen hat, liegt daran, dass man diese Menschen nie auf eine andere Identität festgelegt hat, nicht einmal festlegen wollte.

Das ist die multikulturelle Gesellschaft.

Das ist die Krux der deutschen Geschichte. Wenn wir immer sagen, wir sind dieses furchtbare Volk, das so viel Schuld auf sich geladen hat, was ist denn das für ein Angebot an eine hier aufwachsende Generation? Da sagen die lieber: Wir sind Türken, wir sind Araber, tolle Hechte, diese miesepetrigen Deutschen sind ja nur gut, wenn die mal im Fußball gewinnen. Welche Vorbilder bietet diese Gesellschaft solchen Jungs, dass die sagen könnten, da will ich dazugehören? Deshalb, denke ich, haben wir hier einen gewissen Wettlauf zwischen einer Aufklärung im Sinne der Demokratie und der Zunahme der muslimischen Bevölkerung, die in Parallelgesellschaften abdriftet.

Mit manchen Aussagen kommen Sie mir vor wie die Kassandra von Berlin. Fühlen Sie sich selbst so?

Nein. Es ist nur so, dass ich manchmal zu meinem eigenen Erschrecken mit Dingen recht hatte, bei denen ich lieber nicht recht gehabt hätte. Und soll ich Ihnen mal sagen, was ich jetzt beobachte: Ich habe das Gefühl, wir sollen uns aufs Christentum einschwören lassen. Weil die Gesellschaft irgendeinen Zusammenhalt braucht, sollen wir uns auf unsere christlichen Wurzeln besinnen. Da frage ich mich: Was haben die eigentlich vor? Jagen die uns in den nächsten religiösen Krieg?

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Das ist natürlich polemisch ausgedrückt, sich einen Krieg von Deutschland aus vorzustellen, verlangt viel düstere Fantasie. Monika Maron provoziert eben auch gern. Und sicher hat sie die eine oder andere Rede von Markus Söder gehört, der das Wort „christlich“ bereits mit „Heimat“ gleichsetzt. In einem säkularen Staat. Auch verweist sie auf die Grüne Katrin Göring-Eckardt, die viel von christlicher Nächstenliebe spricht. Wir einigen uns, dass Mitmenschlichkeit für das, was gemeint ist, der bessere Begriff ist.

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Jetzt kursiert eine Erklärung, die eine Beschädigung Deutschlands durch „die illegale Masseneinwanderung“ suggeriert. Sie haben nicht unterschrieben. Was halten Sie davon?

Ich finde, wer schreibt, muss nicht unterschreiben. Aber ich bin überrascht, dass sich das so verbreitet, es sind schon um die 100.000 Unterzeichner. Sie soll ja nun als Petition in den Deutschen Bundestag gehen. Das ist gut, denn offenbar gibt es da ein Bedürfnis. Als ich die Erklärung gelesen hatte, kamen mir diese zwei Sätze ganz läppisch vor. Ich weiß nicht, ob ich nicht doch unterschrieben hätte, wenn ich die Wirkung erahnt hätte.

Viele der Erstunterzeichner sind bekannt für ihre rechten Positionen. Stört Sie das nicht?

Nein, ich habe eher das Gefühl, dass jemand am Meinungskompass gedreht haben muss. Ich kann nicht links sein wie die Grünen oder die linke SPD. Solche Meinungen vertrete ich nicht. Linke Feministinnen, die das Kopftuch und sogar die Burka verteidigen, sind für mich entweder dumm oder reaktionär. In Köln auf der Lit.Cologne fragte mich die Moderatorin: Stehen Sie jetzt in der rechten Ecke? Reflexartig habe ich geantwortet: Natürlich nicht, was soll ich da? Hinterher erzählte die Moderatorin, dass einige Zuhörer sich für die Frage bedankten, weil sie verunsichert gewesen waren. Dieses einfache Dementi habe völlig gereicht. Das ist doch komisch, oder?

Na ja, man ordnet doch ein, was man hört. So habe ich ja auch Ihr Buch gelesen.

Ein bisschen fühle ich mich an die Diskussion um „Flugasche“ erinnert, an meinen ersten Roman. Damals hieß es, ich hätte die DDR zu schlecht gemacht. Der Lektor vom Greifenverlag hatte an einer Stelle, wo ich Fließbandarbeit beschrieb, notiert: „falsch erlebt“. Bei diesem Buch finden offenbar nun auch Leute: falsch erlebt.

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Ob Munin, die Krähe in dem Roman, wirklich gesprochen hat zur Erzählerin? Das bezweifelt ja schon deren beste Freundin, die zu Besuch kommt. Als ich nun wissen will, wie nahe ihr selbst so ein Vogel gekommen ist, fragt Monika Maron, ob ich eine sehen möchte. Sie geht auf den Balkon, streut eine Handvoll Hundefutter auf den Tisch und schließt die Tür wieder. Es dauert nicht lange, da kommen zwei, gucken durch die Scheiben. Was die Krähen sagen? Das ist eine andere Geschichte.