Wie kann man einen Schriftsteller von dem zweifelhaften Ruhm befreien, für seinen Drogenkonsum bekannter zu sein als für seine Prosa? Johnny Depp war Hunter S. Thompson freundschaftlich verbunden, dessen literarisches Alter Ego er bereits in Terry Gilliams „Fear and Loathing in Las Vegas“ verkörperte. Sogar die Entdeckung von Thompsons erstem Roman-Manuskript in dessen Hütte in Colorado soll Depp zu verdanken sein, der nun auch die Verfilmung von „Rum Diary“ produzierte. Ebenfalls autobiografisch gefärbt, führt das Buch in eine Lebensphase des Autors, in der er noch einem weniger exotischen Stimulanz zugetan war. Doch es führt ihm, der Titel „Rum Diary“ sagt es bereits, die Feder.

Um 1959, mit Anfang zwanzig, versuchte sich Thompson in verschiedenen Zeitungsjobs, die er meist schnell wieder verlor. Sofort abgewiesen wurde er beim San Juan Star in Puerto Rico. Da hat er als sein eigener Romanheld doch mehr Glück: Im Buch bekommt er nämlich den Job bei dieser Tageszeitung. Im Film „Rum Diary“ spielt nun Johnny Depp den Autor. Depp ist mit 49 Jahren mehr als doppelt so alt wie Thompson, als dieser die damals pulsierende Metropole San Juan unsicher machte. Doch das vergisst man schnell.

Verquere Wahrnehmung eines Traumtänzers

Der Regisseur Bruce Robinson wirft seinen Helden mit Vollgas in die Geschichte, die zunächst an die wilden Zeitungskomödien aus dem Hollywood der 1930er-Jahre erinnert. Das angetrunkene Selbstbewusstsein des jungen Dandys ist unerschütterlich. Und schon beim Bewerbungsgespräch wird deutlich, dass man sich in der Redaktion des San Juan Star mit einem gewissen Alkoholpegel zu arrangieren weiß. Da muss es der Reporter Moburg schon sehr übertrieben haben, der wegen Trunksucht gefeuert wurde. Der Respekt des Helden ist ihm dafür sicher. Die Recherche führt sie in ein gemeinsames Abenteuer, in dem ein smarter Grundstücksspekulant und dessen schöne Geliebte die Fixpunkte setzen. Und das doch, für sich betrachtet, nicht mehr Stoff hergibt als eine Folge der Fernsehserie „Starskey & Hutch“. Aber auch die mochte man ja eher wegen der kalauernden Helden.

„Rum Diary“ kann man mit Vergnügen ansehen – und doch geht man am Ende frustriert raus. Filmstudios verkaufen einem literarische Stoffe gern als wahre Geschichten – wahrscheinlich weil sich Tatsachen besser abbilden lassen als Metaphern. Auch Johnny Depp fällt es leicht, den beduselten Zungenschlag seines Freundes Thompson nachzuahmen. Für die verquere Wahrnehmung des Traumtänzers in der Geschichte fehlen jedoch die filmischen Mittel. Erst ihre Surrealität macht diese altmodische Abenteuergeschichte überhaupt interessant, doch der Regisseur Bruce Robinson, der als junger Mann mal bei Truffaut und Zeffirelli Hauptrollen spielte, fehlt die dafür nötige Vision. Bekanntlich versteht man Betrunkene besser, wenn man selbst was getrunken hat. Dieses Gefühl allein durch das Zuschauen zu wecken, wäre bei einer Disney-Produktion vielleicht etwas viel verlangt.

Rum Diary USA 2011. Drehbuch & Regie: Bruce Robinson, Kamera: Dariusz Wolski, Darsteller: Johnny Depp, Giovanni Ribisi, Aaron Eckhart u. a.; 119 Min., Farbe. FSK ab 12.