Genesis P Orridge
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BerlinGenesis Breyer P-Orridge hinterlasse ein kompliziertes Erbe, schreibt ein Kollege im aktuellen Guardian und verweist damit auf das umfassende Schaffen dieser am 22. Februar 1950 unter dem Namen Neil Andrew Megson in Manchester geborenen Künstlerpersönlichkeit. Gemeint ist damit aber nicht zuletzt auch eine tyrannisch-manipulative Seite, die P-Orridge von Mitstreiterinnen und Mitstreitern attestiert wird.

Allen voran beschreibt die Musikerin und Performancekünstlerin Christine Carol Newby alias Cosey Fanni Tutti in ihren 2017 erschienenen Memoiren „Art Sex Music“, wie sie mit P-Orridge in der Performance-Gruppe COUM Transmissions und der stilbildenden Industrial-Band Throbbing Gristle zwischen den späten 60er- und frühen 80er-Jahren ein Leben in Kunst- und Privatsphäre auslotete, das sämtliche Vorstellungen einer bürgerlichen Existenz zu suspendieren suchte – „Dekonditionierung“ nannte P-Orridge das – und provozierte damit sowohl öffentlich als auch in seinem Seeleninneren erhebliche Konflikte.

Abwaschen war nicht sein Ding

Nachdem der internatsgeschulte Megson für sich das Pseudonym Genesis P-Orridge erdacht hatte und Ende der 60er-Jahre nach einer Odyssee durch diverse experimentelle Künstlerkommunen in London und anderswo in der nordostenglischen Stadt Hull gelandet war, gründete er dort COUM Transmissions, und Cosey Fanni Tutti und er wurden ein Paar.

Jahre der Kommunenexistenz folgten, in denen laut Cosey Fanni Tutti der sich später eindeutigen Genderzuschreibungen entziehende P-Orridge noch durch klassisch männliches Verhalten auffiel. Bei aller Progressivität und Polygamie galten wohl die hierdurch erzielten Freiheiten vor allem für die Herren der Gruppe – der fleißig Sex-Orgien feiernde P-Orridge war laut Tutti zu geradezu paranoiden Eifersuchtsepisoden fähig, wenn er sie einmal mit einem anderen flirten sah – und abwaschen war auch nicht sein Ding.

Vor allem aber besaß er eine an Dada und Wiener Aktionismus geschulte Vision und war ein genialer Kurator von Talenten. So kulminierte die Karriere von COUM Transmissions nach Jahren von Kunst- und Musikperformances mit Sex, Maden, Erbrochenem und Fäkalien 1976 in der legendären „Prostitution“-Show im Londoner Institute of Contemporary Arts. Hier stellte Cosey Fanni Tutti unter anderem ihre benutzten Tampons aus und die mittlerweile nach London übersiedelten COUM-Mitglieder P-Orridge, Tutti und Peter „Sleazy“ Christopherson traten zusammen mit dem jungen Elektronikbastler Chris Carter als Band unter dem Namen Throbbing Gristle (zu Deutsch: Pochender Knorpel) auf – und prompt wurde die Gruppe im folgenden Medienskandal von einem konservativen Parlamentsabgeordneten als „Zerstörer der Zivilisation“ bezeichnet.

Krach wurde Sprache

Throbbing Gristle gründeten das Label Industrial Records und zugleich ein ganzes Musikgenre. Sie führten mithilfe selbst gebauter Elektronik, früher Sample-Techniken, Tape-Loops und P-Orridges furchteinflößender Vokalpräsenz seine Exkurse ins Grenzerforschende und Transformative der Kunst als Klangexperiment fort. Sprache wurde Krach, Krach wurde Sprache, das Abscheulichste, wozu Menschen fähig sind, wurde, umgeben von Punk und Post-Punk, zu Underground-Entertainment: „Zyklon B Zombies“ heißt das bekannteste Stück der Band.

Wobei P-Orridge Entertainment natürlich offiziell ablehnte und sich schon bald nach kommuneninternen Eifersuchtsdramen (Tutti hatte sich in Carter verliebt, mit dem sie bis heute zusammenlebt), von dieser monumental einflussreichen Gruppe löste, um sein dann zunächst viel traditioneller klingendes Projekt Psychic TV zu verfolgen – „Godstar“, die Ode an den verstorbenen Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones, wurde schließlich sogar ein kleiner Hit.

Als Psychic TV und unter zahlreichen weiteren Pseudonymen veröffentlichte P-Orridge Hunderte Platten und Kunst-Happenings und blieb auf der Suche nach Antworten auf sein „Warum“ hinter gesellschaftlichen Normierungen aller Art. Dies sowie seine andauernde Faszination vom Okkultismus, aus dessen Literatur er sich in Pamphleten manche Schreibweise borgte, erregten weiterhin Aufsehen. Anfang der 90er-Jahre floh er nach einer auf falschen Vorwürfen von Kindesmissbrauch basierenden Razzia auf sein en Wohnsitz in Brighton in die USA.

Vielgeschlechtlich werden

Hier lernte er bald seine zweite Frau, Jaqueline Breyer alias Lady Jaye, kennen, mit der er sich dem „Pandrogeny Project“ widmete. Beide wollten vielgeschlechtlich werden und gleichzeitig eins – indem sie ihr Äußeres via plastische Chirurgie einander immer weiter anglichen.

Lady Jaye starb 2007, nun ist Breyer P-Orridge ihr gefolgt. In seinen/ihren letzten Jahren war bei Breyer P-Orridge ein gebrochenes Herz zu konstatieren, was aber keineswegs künstlerisch galt. Vielleicht lässt sich die Essenz dieser einzigartigen Künstlerpersönlichkeit doch bei Throbbing Gristle finden, zu deren Reunion 2004 er/sie sich eher halbherzig überreden ließ. Sehen Sie sich auf Youtube das frühe Live-Video vom Stück „Discipline“ an – ein mit sich und der Welt bewusst im Missklang befindlicher Mensch performt da, die eigene Unfähigkeit, sich den bürgerlichen Normen zu entziehen, anspuckend.