Videostill des Elektroduos Chicks on Speed, das Teil des Right-the-Right-Festivals im Haus der Kulturen der Welt ist.
Foto: HKW

Berlin   Das Urheberrecht ist ein Dschungel, zugewachsen und verschlungen, von seltsamen Pflänzlein und Tierchen bevölkert. Gestritten wird um die Verteilung der Nahrung in den Verwertungsketten, in denen die streamende Leih- und Sharingwirtschaft den physischen Besitz wesentlich abgelöst hat. Gestritten wird darum, was eigentlich wem gehört und wer es wie und wann auf der großen weiten Welt, also vor allem im Netz, benutzen darf. Was kann man mal eben hochladen und was nicht? Welches Sample ist künstlerisch begründet und welches nicht? Und wie misst man das im Zweifel? Müsste man gar den ganzen Klumpatsch einfach abschaffen? 

POP

Aldous Harding     20. 11., Astra. 21 Uhr
Right the Right      21.–24. 11., Haus der Kulturen der Welt            International Music Award    22. 11.,  Verti Halle. 20 Uhr

Was, wenn man alles anders machen würde – so lautet die zentrale Frage, die sich das Right-the-Right-Festival im HKW stellt. Es ist die logische Folgeveranstaltung zum letztjährigen „100 Jahre Copyright“, das zu klären versuchte, worum es sich beim Copyright handelt. Nun also die Fragen: Wo hakt’s, was tun? Dazu werden sich einerseits Talkrunden voll Spezialisten beschäftigen, Juristen, Medienwissenschaftler, Netzdesigner und Künstler. Und andererseits werden naturgemäß die letzteren die Probleme gleich in Konzerten erhellen.

Right-the-Right-Festival im HKW

Am Freitag tun dies zum Beispiel der smoothe, berlin-kanadische Elektropopper Dan Bodan, der auch für Googles lizenzfreie Audiobibliothek geschrieben hat, und der Programmierer Scott Carver. Dieser hat ein paar Bodan-Kompositionen zur Bearbeitung an ein selbstentwickeltes Computerprogramm weitergegeben. Und das Kammerensemble Neue Musik stellt Original und KI-Remix live und gleichsam zum Anfassen gegenüber.

Im zweiten Teil des Abends wird John Oswald, der Pionier der sogenannten Plunderphonics, wohl wie seit über 40 Jahren, seine Musikarchive plündern und häckseln. Er verfremdet die Schnipsel nicht, sondern hängt sie nur mit anstrengend unterhaltsamem Furor aneinander, ein Collagenwerk aus ungefähr aller Musik zwischen Klassik und Pop, die wir kennen; oder die wir zum Erscheinen von Werken wie „Plexure“ von 1993 kannten, das ich gerade im Streamingportal meines skeptischen Vertrauens gehört habe.

Algo Raves und Chicks on Speed

Schließlich gibt es noch eine Kostprobe des mir bisher unvertrauten „Algo-Raves“, bei denen die Tanzenden als visuelle Stimulation bei der audiovisuellen Liveprogrammierung der Beats zuschauen können. Interessant! Spannend klingt auch die Forschung des Münchner multimedialen Elektroduos Chicks On Speed, in der sie am Sonntag Musik aus Audio-IDs herstellen, also den Detektivalgorithmen, die Uploads nach einklagbaren Copyrightverletzungen beschnüffeln.

Umgekehrt demonstriert hernach live Jasmine Gaffond, wie fehlerhaft diese Programme arbeiten und was deren „false positives“ für unser aller digitales Treiben bedeutet. Sie erhellt dabei wohl auch, wie unser ganzer Alltag schon kaum merklich von solchen Digitalmilben verseucht ist. Schauder!

Erleichternd altmodisch wirkt dagegen die Songschmiederei der Neuseeländerin Aldous Harding. Für mich persönlich rätselhaft ist nur, welche Frequenz genau mir die Freude an ihrem, von ihr selbst „gothic folk“ genannten, Werk verdirbt.

Sie baut ihre Songs vorzüglich, arrangiert klug und mit Seele, sie singt ihre wehen Weisen mit  heller, klarer Stimme. Vollkommen zu Recht also finden alle sie und ihr jüngstes Album „Designer“ toll. Mit John Parish hat es ein Mensch produziert, den ich durch seine Arbeit mit PJ Harvey schätze. Allein – ich fühl’ das nicht.

Neuer Musikpreis IMA

Schließlich: Es ist ein neuer Musikpreis in der Stadt. Den International Music Award hat der deutsche Rolling Stone ins Leben gerufen (für den ich, dies aus Transparenzgründen, auch schreibe). Man schaut dabei auf Qualität, Verkäufe interessieren nicht. Dazu gibt es eine breit besetzte Jury aus Künstler*innen (darunter Avantpopperin Charli XCX und Soulerin Joy Denalane, Technogröße Carl Craig und Poprapper Cro, und doch auch Chilly Gonzalez), aus deren, wie ich finde schicken, Shortlists ein „Board“ von (ungenannten) internationalen Journalisten die Gewinner in Kategorien wie „Future“, „Style“ und auch „Commitment“ kürt. Es kommen u.a. die famosen Holly Herndon und Anna Calvi (yay!), Udo Lindenberg und Peaches (why not?). Und der leibhaftige Sting.