Die Amerikaner und „the Great Outdoors“, also die wilde Natur – das ist immer noch ein besonderes Verhältnis. Die Künstlichkeit ihrer Zivilisation wird von außen gern bemängelt, dabei ist es genau anders herum: Würde man in Deutschland eine Geschichte verfilmen, in der eine Familie in der Wildnis haust, hätte man einen Fantasy-Film. In „Captain Fantastic“ hingegen ist der Rückzug in die Wälder des Nordwestens, dieses Hinterland der amerikanischen Psyche, mehr als nur eine Möglichkeit. Die Utopie des freien Lebens, vom Nationalphilosophen Henry David Thoreau vor fast zweihundert Jahren in einer Einsiedlerhütte bei Boston festgeschrieben, erscheint völlig real.

Jägeraugen blitzen anfangs durch die Blätter, nehmen einen Hirsch in den Blick. Im nächsten Moment bricht eine Horde Kinder aus dem Unterholz und erlegt das Wild nahezu mit bloßer Hand. Der Vater Ben Cash, mit unglaublicher Souveränität von Viggo Mortensen gespielt, hat seine sechs Sprösslinge das Überleben in den Wäldern gelehrt. Doch die Archaik dieser Bilder währt nur kurz. Die Zivilisation ist in Wahrheit gar nicht so weit weg. Nach erfolgreicher Jagd geht es zum nächsten Programmpunkt des täglichen Trainings: die intensive Beschäftigung mit dem Bildungskanon, von Dostojewski über Nabokov bis hin zu Karl Marx. Nach und nach mehren sich die Hinweise, dass Bens Aussteigerutopie mit der Liebe zur Natur gar nicht so viel zu tun hat. Sie ist vielmehr ideologisch motiviert, und die Schulung richtet sich mit aller Macht gegen den herrschenden „American Way of Life“.

Eine sehr amerikanische Komödie?

Dass ein solcher Film als Komödie funktioniert, ist nun wieder sehr amerikanisch. Es wäre indes verkehrt zu sagen, dass der Regisseur Matt Ross die Sache nicht ernst nimmt. Die humoristische Voraussetzung ist allerdings, dass die Kinder dies tun. Begeistert feiern Bens Kinder anstelle von Weihnachten den Noam-Chomsky-Tag. Lieber als einem fiktiven Messias huldigt man doch einem lebenden Politaktivisten! Coca-Cola ist selbstverständlich pures Gift, und auch die Bildungslektionen sind nicht umsonst. Der Jüngste, sieben Jahre alt, gibt uns eine Lexikon-reife Definition des Begriffs Faschismus. Bo, der Älteste, hortet Annahmeschreiben von sämtlichen Elite-Universitäten des Landes. Davon darf Vater allerdings nichts wissen. Schließlich hat er seine Kinder nicht zu bewussten Menschen erzogen, um sie von der Zivilisation verkrüppeln zu lassen.

Zu den Gegebenheiten der Komödie gehört, dass diese Konfrontation nicht ausbleibt. Man mag das bedauern. Müssen die schönen linken Ideale unbedingt auf den Prüfstand? „Alle Macht dem Volk!“ Allein der rebellische Sound des Films ist so mitreißend, dass man ihm widerstandslos folgt und ihn ungern hinterfragt. Und tatsächlich beugt sich der Regisseur Ross danach einigen Konventionen allzu willfährig. Erwähnten wir die im Sterben liegende Mutter der Kinder? Wer US-Indie-Filme wie „Little Miss Sunshine“ gesehen hat, kann die funktionalen Elemente, das Vorbild mühelos zuordnen.

Eine Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit

Aber natürlich ist es so, dass die Kinder ihrem Zeremonienmeister so bedingungslos folgen wie wir, weil sie nie eine andere Chance hatten. Müssten sie nicht in die Schule? Eine Erziehung ohne elektronische Medien wie Videospiele klingt ohne Zweifel verlockend. Doch was nützt der höchste Bildungsstandard, wenn die Kommunikation mit Gleichaltrigen auf eklatante Weise fehlschlägt? Alles in allem gelingt dem Film eine überzeugende Balance zwischen dem Humor seiner Erzählung, der nie ganz verschwindet, und der Erörterung sehr ernsthafter Fragen. Was unterscheidet Ben in pädagogischer, ethischer und politischer Hinsicht von evangelikalen Schulverweigerern, die das Recht des freien Individuums ebenso vehement verteidigen wie er? Einmal, und darüber kann man durchaus streiten, fällt sogar das Wort vom Kindesmissbrauch.

In einer frühen Schlüsselszene gerät der Familienbus in eine Polizeikontrolle. Der Beamte ist freundlich, die Situation jedoch prekär. Der Älteste rettet sie durch ekstatisches Anstimmen christlicher Lieder. Matt Ross, der seine Kindheit in Kommunen verbracht hat, mag kein endgültiges Urteil fällen. Aber er gibt eine sehr genaue Zustandsbeschreibung des Landes. Und er hält in der zentralen Aussage seines Films fest: Jene essenziellen amerikanischen Werte, individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, die stets auch eine gewisse Staatsferne einschlossen, waren nie ein Privileg der Rechten. Daran zu erinnern, ist nicht nur Gold wert, sondern fast revolutionär.