„Waren aller Art überhaupt, vom Bankgeschäft etwa bis zum Verkauf von Druckknöpfen und Stecknadeln“: um 1927 im Lichthof des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz.
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BerlinWaren- und Kaufhäuser sind schon so oft in der Krise gewesen, dass man sich inzwischen fragen sollte, ob die Krise nicht ihr eigentliches Lebenselement ist. Immer wieder entkamen sie dem als sicher vorhergesagten Ruin, um 1900 den militanten und tief antisemitisch eingefärbten Angriffen von Mittelstandsverbänden und nationalliberalen Parteien, die in Deutschland den Untergang der regionalen und lokalen Wirtschaftswelt durch Kaufhäuser behaupteten, um 1930 der Weltwirtschaftskrise und nach dem Weltkrieg der Konkurrenz durch Katalog-Versandhäuser, riesige Spezialmärkte oder Shoppingmalls in den Vorstädten und auf dem offenen Land.

Auch das legendäre Wertheim-Kaufhaus an der Leipziger Straße war letztlich das Kind einer Wirtschaftskrise, die nach der Reichseinigung die „Gründerzeit“ in den 1880er-Jahren beutelte. Sie zwang den Stralsunder Kaufmann Georg Wertheim, zu entscheiden, ob er im kleinen Maßstab weitermacht oder den Sprung wagt, wachsen will. Er ging nach Berlin, gründete sein erstes Haus am Moritzplatz, und dann 1896 das Haus an der Leipziger Straße. Allerbeste Lage, allerbester Architekt: Alfred Messel plante den Bau mit seinen gotisch anmutenden Pfeilerfassaden, grandiosen Lichthöfen und dem immensen Materialluxus. Berlins neue Einkaufs-Kathedrale war sofort eine europäische Sensation, ein Konsumtempel, wie ihn Deutschland bis dahin gar nicht kannte, der in Europa allenfalls in London und Paris seinesgleichen hatte, in den USA in New York, Boston und Chicago.

Sicher waren die Vorbilder des deutschen Warenhauses vor allem europäische, aber der amerikanische Einfluss ist kaum zu überschätzen: Auf der Columbian Exhibition in Chicago 1893 lernte Europa erstmals in voller Macht, was die USA für landwirtschaftliche und industrielle Möglichkeiten bieten, welcher Wohlstand dort bereits für eine immer breiter werdende Mittelschicht herrschte. Jenseits des Atlantiks gab es längst jene gigantischen „Department Stores“, in denen von der Knopfleiste über die Toilettenschüssel bis zum Auto alles angeboten wurde.

Das war letztlich auch das Modell, dem Georg Wertheim folgte. Kaiser Wilhelm II. ließ hier eine Sonderverkaufsstätte seiner Majolika-Fabrik Cadinen einrichten, der Teppichsaal lockte die Sammler aus ganz Europa an und im Café traf sich die Frau von Welt. Gleichzeitig, das war der Clou an diesen Häusern generell und am Wertheim speziell, konnte man hier auch ziemlich billig Spitzenbordüren, einen Kochtopf oder Unterwäsche erwerben. Ein Warenhaus war nämlich mehr als nur ein kommerzielles Angebot, das, wie das Lexikon der Baukunst 1932 mitteilte, „den Detailverkauf von Waren der unterschiedlichsten Art, ja im idealen Grenzfalle Waren aller Art überhaupt, vom Bankgeschäft etwa bis zum Verkauf von Druckknöpfen und Stecknadeln“ umfasste.

All dies ist ein Teil jener revolutionären Vorstellung, die in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 ihren perfekten Ausdruck gefunden hatte: „Alle Menschen sind gleich“. Wenn man den Satz ernst nimmt, kann davon ausgegangen werden, dass Menschen also mindestens ähnliche Sehnsüchte oder Bedürfnisse haben – und damit die Gelegenheit für findige Kaufleute bieten, weltweit neue, standardisierte Geschäftszweige zu etablieren.

Vor allem musste in der Grundvorstellung der Gesellschaft die Mittelschicht ihr wichtigster Träger sein. Nur dann konnten sich auch Angebote etablieren, die das breite Feld zwischen den Reichen und den Armen abschöpften. Warenhaus und moderne Massengesellschaft gehören zusammen – es ist kein Zufall, dass Kaufhausverkäuferin neben Sekretärin einer der ersten Berufe war, in dem sich das Bild der feschen, selbstbewussten und unabhängigen Frau ausbildete. Genau das ist die Nische, in der Waren- und Kaufhäuser groß wurden.

Als 2005 mit dem einstigen Wertheim-„Tresor“, dem legendären Club, die letzten Reste des Wertheim-Baus abgerissen wurden, lagen im Schutt ein Fassadenstück, einige Marmorleisten, weiße Fliesen, verrottete Mangeltücher und sogar Personalakten, die in letzter Sekunde für das Berliner Stadtmuseum gesichert werden konnten. Selbst diese Reste zeigten noch, welchen Glanz das Haus einst hatte. Und es ist charakteristisch, dass an der Stelle des Wertheim – dessen Ruinen nach dem Volksaufstand gegen die SED-Diktatur 1953 abgerissen wurden – eine Shoppingmall entstand. Diese setzen mit Kettengeschäften und knallhart rationalisierten Markenläden, Billigstanbietern und dem Internet den traditionellen Warenhäusern zu. Doch diese wehren sich und setzen dabei, durchaus überraschend, auf ein Mittel, das seit den 1860er-Jahren schon bei ihrem Aufstieg geholfen hatte: die Architektur.

Amerikanischer Look mit eigener U-Bahnstation: Karstadt am Hermannplatz um 1935.
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Das sah man in der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg noch ähnlich, als auf individuelle Bauten geachtet wurde – etwas davon kann man noch an der Steglitzer Schlossstraße erleben. Doch seit den sechziger Jahren wurde auch die Architektur standardisiert, Vorhangfassaden – mal mit Keramik, mal mit Stahlelementen oder auch gar nicht dekoriert – machten aus Warenhäusern gigantische, in sich verschlossene Störkörper in den Innenstädten.

Ausgerechnet das Karstadt in Wedding war zusammen mit dem ebenfalls in den 1980ern geplanten am Braunschweiger Altstadtmarkt der Wendepunkt: Es wurde wieder versucht, auch an den Fassaden Detail zu zeigen, Vielfalt der Formen und den großen Auftritt, um Kunden anzulocken.

In Berlin wurde der neue Kaufhof am Alexanderplatz ein solcher Erfolg, nach den architektonisch zwar sensationellen, aber auch verkäuferisch schwer zu bespielenden Galeries Lafayette von Jean Nouvel an der Friedrichstraße. Den neuen Kaufhof entwarfen um 2004 Josef Paul und Jan Kleihues, einen eleganten Bau, der unverkennbar Formen des 1930er-Art-déco zitiert, mit einer auf den ersten Blick platzverschwenderisch riesigen Zentralhalle unter einem weit gespannten Gewölbedach.

Nichts Äußerliches erinnert mehr an das Centrum-Warenhaus von 1970. Entstanden nach Plänen des Kollektivs Josef Kaiser, war es mit 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche das größte seiner Art in der DDR. Das seinerseits nun die Stelle des 1904 eingeweihten Kaufhaus Tietz am Alexanderplatz einnahm – ein im Krieg zerstörter Riesenbau, entworfen von Cremer & Wolffenstein, dem erfolgreichen katholisch-jüdischen Architekturbüro der Kaiserzeit.

Gute Architektur wirkt anziehend. Auch deswegen will Karstadt-Kaufhof am Hermannplatz neu bauen, das dort stehende Warenhaus erweitern, mit Mischnutzungen ergänzen, neue Fassaden errichten lassen nach Plänen des Büros von David Chipperfield, die ziemlich präzise an jene erinnern, die 1917 bis 1929 nach denen von Philipp Schaefer entstanden und damals als absolute europäische Sensation galten.

Wer sich diese Bauten und Projekte ansieht, kann an ein Ende des Warenhauses, dieses großen Versprechens von Wohlstand auch für das kleine Einkommen, nicht recht glauben. Es ist eine Krise, zweifellos. Aber es könnte sich auch bald zeigen, dass die Planer der Shoppingmall am Leipziger Platz einen Fehler machten, als sie vor allem auf Effizienz und Talmiglamour setzten.

Dabei hätten sie doch nur der Anregung des großartigen Architekturhistorikers Julius Posener folgen müssen, wenigstens den legendären Eckbau des Wertheim schlichtweg nachzuschöpfen. Es war die bedeutendste bürgerliche Repräsentationsarchitektur der hohen Kaiserzeit. Stattdessen entstand eine Variante im verdorrten Spätklassizismus der 2000er-Jahre, ohne Esprit und ohne jenen öffentlichen Anspruch, den einst die Wertheims und Alfred Messel freimütig der Öffentlichkeit als Stadtloggia geschenkt hatten. Eine Generosität, die zum Warenhaus auch dazugehört – nicht, um nett zu sein. Nein, um Kunden zu locken und Geld zu verdienen.