Das Schöne an diesem großen kleinen Fünf-Tage-Festival mit seinen über 150 Produktionen an mehr als 60 Spielstätten ist ja, dass jeder Besucher auf seiner Theatertour etwas anderes sieht.

Zugleich ist es vielleicht auch das Quälende, denn auf seinem Weg zu den abenteuerlichsten Spielstätten zwischen der Bootschafft in Pankow, dem westernhaft aufgerissenen Ringtheater am Ostkreuz und dem rätselhaften Farmhaus in Neukölln wird man kaum jemanden treffen, der die gleichen Orte besucht und ähnliche Seherfahrungen gemacht hat.

Natürlich kann man nach einer Vorstellung einfach am Ort bleiben und vorsichtig andocken an einen Diskutantenkreis. Doch geht das Verweilen und Festhaken an einer Sache im Grunde gegen den Strich dieser agilen, immer zum nächsten treibenden Breitenschau der Freien Theaterszene, die unter dem etwas seelenlosen Funktionstitel Performing Arts Festival, kurz PAF, seit drei Jahren das vielleicht chaotischere, in jedem Fall gemütlichere 100 Grad Festival ersetzt.

Kulturhäuser zu Gewinnimmobilien

Bis 2015 kam die freie Szene dafür in den bekannten Produktionshäusern HAU, Sophiensaele, später auch im Ballhaus Ost und dem Theaterdiscounter zusammen, um sich ein Mal jährlich dort in schnell getakteten Kurzproduktionen geballt zu präsentieren.

Die Zahl der Truppen aber wuchs, gleichzeitig wurden die Existenzbedingungen vieler kleiner, unbekannter, aber immens wichtiger Spielstätten in der Stadt immer prekärer: Mieten stiegen, alte Kulturhäuser wurden umgepreist zu Gewinnimmobilien. Auch dagegen anzugehen, hat der Landesverband Freier darstellender Künste mit seinem PAF einen riesigen Sprung gemacht: hinein in die Stadt und auch heraus aus der Fixiertheit auf die Leistungsschau der eigene Kunst.

So ist nun – auch wenn es in diesen Tagen nach wie vor um eine Präsentation aller nur denkbaren Kleinkunstformate geht, vom Kabarett über die Doku-Performance oder den Stadtwalk bis zum virtuosen Tanzsolo  – etwas anderes in den Vordergrund gerückt: die Aufführungsorte selbst.

"Macht Druck!" 

Tatsächlich gibt es da viel zu entdecken: vom Kühlhaus im Industriegelände aus dem 19. Jahrhundert am Gleisdreieck, über offene Spielorte irgendwo in der Stadt bis zu dem 70er-Jahre-Plattenbau der ehemaligen australischen Botschaft, die zwischen Unkraut und alten Pankower Villen einen eigentümlichen Charme aus Transparenz und Schwere entfaltet.

Am Eröffnungsabend im Kreuzberger Club SO36 ließ sich Klaus Lederer dazu hinreißen, den ausschwärmenden Festivalplan sogar als eine Art subkutane „Schatzkarte“ der Stadt zu begreifen, die zu erhalten er sich verpflichte. Fast kam man sich schon als Berlinpionier der ersten Stunde vor, als er rief: „Aber ohne euren Druck, schaffen wir es nicht. Macht Druck!“.

Über so viel behauptete Wichtigkeit der Kunst hätten die Performer von Teatur sicher einen langen Seufzer ausgestoßen, wären sie am Abend da gewesen. Sie taten es am nächsten Tag in ihrer sechsstündigen, „pataphysischen“ Installation im Acud-Theater – auch so ein wichtiger, aber prekärer Ort.

Pataphysische Installation

Der Begriff der Pataphysique stammt von dem französischen Schriftsteller Alfred Jarry, einem Vorläufer der Surrealisten, und  schon die kleine Bar vor dem Theatersaal im oberen Stock des blauen Hauses ist eine einzige surrealistische Schaubude, an deren Wände Weisheiten von Jarry zu lesen sind, die im Bühnenraum geradewegs fortgesetzt werden.

In einem Zwischenraum aus Cafe, Kino, Küche und Campingplatz zirpt und klappert dort die „ausgefallene vorstellung #1“ vor sich hin, indem ein Herr mit Koffer einen Topf Kartoffeln kocht, während ein anderer eine Stuhlreihe ineinander baut, die dann wie Dominosteine umklappt und eine Erdkugel wegkickt. In alter Kauzigkeit feiern Teatur nicht nur die Freiheit von Bedeutung, sondern mit aktueller Protestnote auch alle nie geförderten und entsprechend nie realisierten Theaterprojekte.

Interessant zu sehen, wie bei jüngeren Performern die Geldfrage dagegen mit bedeutend mehr Selbstironie und weniger politischer Anklage zum strukturellen Problem der Kunst selbst wird. Gleich im ersten Stück der Nachwuchsplattform Introducing  – die auch mit einem starken Tanzsolo von Kasia Wolinska überzeugte –   zeigen das die zwei polnischen Performer Romuald Krezl und Monica Duncan, die sich passenderweise Micro Theatre nennen, in einer 16-minütigen Bühnenminiatur im HAU1.

5000 Zloty gegen die Wand

Auch hier ein Koffer, aber vor einer Projektion. Und in diesem Koffer werden bald fünftausend Zlotymünzen sichtbar: das Produktionsbudget des Abends. Träge liegt das Geld da, dahinter eine Ansicht der Stadt Rom an der Wand. Und nun passiert nichts anderes, als dass die harte Münzwährung des schmalen Budgets gegen die weiche Lichtwährung ihrer Sehnsuchtsbilder geworfen wird, was zwei willige Zuschauer besorgen, weil die Performer selbst aus Spargründen nicht erscheinen.

Dass beides schnöde aneinander abprallt, Geld an Bild, muss nicht gesagt werden und dennoch entfaltet dieser wunderbar absurde, pathetische Wurf genau die mythische Erzählung vom Theater und seinen unbegrenzten Möglichkeiten, die jeden Abend aufs Neue und immer wieder hart erarbeitet wird. Bis zum Sonntag (und darüber hinaus) noch oft.