Reichlich Déjà-vus gibt es. Fröhliche, komische, auch traurige Erinnerungen werden wach. Der Alltag eines verschwundenen Landes zwischen Kap Arkona und Inselsberg, das nur 40 Jahre existierte, lebt auf: Das Rentnerkränzchen unterm Friedensplakat beim Fest an der Panke 1987, der Zirkusleute-Tag auf dem Alex 1985, wo die Mutigsten mal einen Elefanten streicheln konnten. Oder das Tanzturnier im Kulturhaus Peter Edel, das Kindergartenfest der Zionskirchgemeinde.

Der Dresdner Rummelplatz. Die müden Gesichter der Schichtarbeiter in der Straßenbahn. Der betrunkene alte Mann am Brunnenrand. Die alte Frau im Zweibettzimmer des Altenheimes. Die Ausreiseparty unter Freunden in der Choriner Straße. Das Punk-Pärchen im Park. Die gelangweilten Gesichter bei der FDJ-Fahnen-Parade am 1. Mai 1986. Oder die heiße Lust auf Party nach einem Rockkonzert im „Hirschhof“, Prenzlauer Berg 1986.

Vieles scheint vergessen, anderes bleibt. Der berühmte Ostkreuz-Fotograf Harald Hauswald und der Historiker Stefan Wolle sorgen dafür. Sie haben ein Projekt verwirklicht, zusammen mit dem Ostkreuz-Verein für Fotografie und der Bundesstiftung für Aufarbeitung, das einen krachigen Titel hat: „Voll der Osten. Leben in der DDR“. Man ahnt es schon, hier geht es nicht um wohlfeile DDR-Klischees. Hauswalds Bildwelt bevölkern weder ideologisierte Polit-Sklaven, noch Janusköpfe oder angepasste Angsthasen.

Es sind ganz normale Leute, die einfach lebten, so gut es ging, die aushielten. Und solche, die weggingen. Alltag in all seinen Facetten erzählen die Schwarz-Weiss-Aufnahmen – 100 aus einem Bilderberg von 32.000, die der Menschen-Beobachter und Chronist Hauswald machte. Einer, der, wie seine fotografischen Vorväter – Edgar Steichen, Cartier-Bresson, Robert Frank, Arno Fischer – hinsieht, mitfühlt, mitdenkt.

Fotograf und Texter haben ihre Ausstellung in 18 Kapitel eingeteilt, beginnend mit „Abschied“, November 1989. Erzählt wird rückwärts von Einsamkeit, Flucht, Gemeinschaft, Heiterkeit, Jugend, Kindheit, von Lüge, Macht, Neugier, Ordnung, von Rebellion, Sehnsucht, Traurigkeit, von Untergrund, Verfall, Widerspruch. Dann endet die fotografische Zeitreise mit: „Zärtlichkeit: Mutter mit Baby, Sich-Küssende.

Es war nicht der Valentinstag am Mittwoch, der den Anlass für die Eröffnung lieferte, sondern die Tatsache, dass die Ausstellung, die in einer (!) 2000er-Edition fertig gedruckt ist, mit Texten in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch und bundes- wie europaweit bestellbar. 1200 Schulen und Institutionen haben das schon getan. Und im hessischen Friedberg war die Premiere sogar vor Berlin.

Podewil, Haus der Kulturprojekte Berlin, Klosterstr. 68 (Mitte). Bis 1. März. Mo–Fr 8–19 Uhr. Infos und Bestellungen: 030-319895225 www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/vollderosten