Die Psychologin Karla Eckhardt (Julia Koschitz) und ihr Patient Carsten Spanger (Justus von Dohnányi)

Dieser Mann (Justus von Dohnanyi) muss ein Psychopath sein. Schließlich hat er eine junge Frau im Bikini auf eine Liege gefesselt, hat sie mit Champagner und einer Oper von Bizet gequält und ihr den Mund zugeklebt. Wie ein knurrendes Raubtier kämpft er, als der Freund der Gefesselten in seine Villa eindringt und sein Arrangement zerstört. Drei Monate später steht er vor Gericht und eine Psychiaterin (Julia Koschitz) wird als Zeugin aufgerufen, nicht aber als Gutachterin – der Auftrag war ihr entzogen worden.  

Der Film des Regisseurs Till Endemann stellt nicht den Täter, sondern die Psychiaterin ins Zentrum. Karla Eckardt, Mitte vierzig, hat kaum soziale Kontakte und wirkt sehr fokussiert auf ihre Arbeit in der Forensik. Unter Kollegen heißt es, sie erkenne Dinge, die sonst niemand erkennt. Hier merkt sie schnell, dass der Mann, ein renommierter Architekt, offenbar Routine im Frauenfesseln hatte. Eine befreundete Polizistin (Marie-Christine Friedrich) sucht nach weiteren Opfern und stößt auf ungeklärte Todesfälle.   Die zentralen Szenen spielen im so genannten Pink Room. Dieser Vernehmungsraum ist komplett in rosa gestrichen, weil die Farbe angeblich beruhigend wirken soll.

Albträume und Ängste

Tatsächlich aber verliert man in einem solch surreal wirkenden Raum seine Orientierung, wird eher meschugge als ruhig. Wie fließend Justus von Dohnanyi als Inhaftierter zwischen charmant und bedrohlich wechselt, wie dieser Typ der Gutachterin auf die Pelle rückt und dabei immer höflich und aufmerksam erscheint, das ist natürlich sehr unterhaltend. Die anfangs so konzentrierte Psychiaterin zeigt sich überraschend unsicher bis verständnisvoll, gesteht eigene Albträume und Ängste ein – und der Zuschauer fragt sich, ob sie das alles nur spielt, um den Mann aus der Reserve zu locken. Doch leider sind nicht alle Szenen so spannend wie das Psycho-Duell im Pink Room.

Der Film unter dem Allerweltstitel „Im Schatten der Angst“ verspricht mehr, als er hält, die vorgeführten Traumata wirken wie aus dem Lehrbuch. Der Genre-Zwitter zwischen dem Psychogramm einer Psychiaterin und einem Psycho-Thriller funktioniert nicht recht. Gegen Ende bestimmen die Krimi-Konventionen immer stärker den Ablauf.

Fast schon zu perfekt

Vielleicht zu oft gesehen hat man auch das Gesicht von Julia Koschitz, die in den letzten drei Monaten allein vier Mal in Hauptrollen im Fernsehen zu erleben war, davon drei Mal im ZDF. Vor einem Monat spielte sie noch in der ARD eine Mutter, die ihr Kind im Scheidungskrieg manipuliert, ebenfalls ein Psycho-Duell, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Kein Vorwurf geht hier an die Schauspielerin, die ihre Rolle  wie so oft perfekt, fast schon zu perfekt bedient – eher an Produzenten, die auf Nummer sicher gehen, und an Redakteure, die offenbar nie ins eigene Programm schauen. In der nächsten Woche taucht Julia Koschitz übrigens schon wieder auf, diesmal als Polizistin und wieder im ZDF.  

Im Schatten der Angst

Montag, 16. März 2020, 20.15 Uhr, ZDF