Als ich noch jung war und glaubte, alle Möglichkeiten der Welt stünden mir offen, war ich mir in einem sicher: Sollte ich mich in diesem Glauben getäuscht haben, kann ich immer noch eine Pommesbude aufmachen mit den besten Pommes Frites Berlins, ja, vermutlich ganz Deutschlands. Ich wusste auch, wo diese Imbissbude stehen sollte, nämlich am Kottbusser Tor, das damals, vor der Wende, noch ein recht gemütlicher Ort war. Überall in Kreuzberg würde ich Schilder aufstellen: Die besten Pommes der Welt. Schließlich wusste ich, wo man die herbekam.

Die besten Pommes Frites der Welt gibt es auf Texel, der Ferieninsel meiner Kindheit, am Strand, den Californiaweg hoch, am Pal 13. Wenn man am Strand angekommen ist, geht man links, erst kommen ein paar Strandhäuschen, dann die Bude. Sie ist einmalig. Von außen sieht sie aus wie all die anderen weißen Bretterhäuschen auch.

Doch drinnen hängt ein großer Edelstahlbottich von der Decke, gefüllt mit Kartoffelteig, der mittels eines Hebels durch ein Sieb gedrückt wird. Von dort fallen die rohen Pommes direkt ins siedende Öl. Man isst sie mit Mayonnaise und trinkt dazu den schwarzen Tee mit Zitrone, den die Mütter morgens in Thermoskannen abgefüllt haben.

Sie schmecken am besten wenn man vorher im Wasser war, mit den Wellen gekämpft und Krebse gefangen hat und die Lippen vielleicht schon ein wenig blau sind. Und wenn man Schlange gestanden hat − denn eine Schlange gibt es vor dieser Bude immer − und nun im weißen Sand hinter dem Windschutz sitzt.

Nun, ich muss zugeben, ich bin mir meiner selbst nicht sicher, was die Geschmacksnerven meiner Kindheit betrifft. Meine Lieblingskinderspeise war rote Grütze. Rote Grütze, das hieß für mich damals: Die Mutter liebt mich. Undenkbar, Geburtstag zu haben ohne diese Grütze, die aus einem rosa Pulver bestand, das die Mutter mit Wasser mischte und mit Körnern aufkochte, die Sago hießen.

Ich erinnere mich, wie ich in der Küche neben ihr stand und fasziniert zuschaute, wie sie das Pulver mit einem Schneebesen in kaltes Wasser rührte und das Ganze vom weißen Plastikmessbecher in einen Topf goss und auf den Herd stellte. Und wie ich sie bewunderte für ihre Zauberkünste. Heute gilt diese Spielart der roten Grütze allgemein als Plastikernährung, und vielleicht ist sie auch nur noch als Fertig-Food in Plastikbechern zu kaufen.

Neumodische Süßkartoffel-Pommes-Frites

Doch trotz dieser Unsicherheiten über meine kindlichen Geschmacksknospen bin ich mir sicher, die Texel’schen Strand-Pommes-Frites sind nach wie vor die besten. Es soll sie, so wurde mir vor ein paar Jahren berichtet, noch immer an dieser einen Stelle geben. Warum sie von dort nicht einen Siegeszug um die Welt angetreten haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich wäre, hätte mein Leben nicht zufällig dann doch eine andere Richtung eingeschlagen, bereit gewesen diesen Job zu übernehmen. Auch wenn zu fürchten steht, dass mir der notwendige Unternehmergeist nicht ausreichend zur Verfügung gestanden wäre.

Hamburger jedenfalls gibt es inzwischen in allen Spielarten. Aber trotz des auch auf diesem Feld schon ausdifferenzierten Angebots: Bei den Pommes Frites ist noch einiges zu holen. Neulich saß ich in einem Restaurant, in dem als Mittagstisch ein Hotdog mit Süßkartoffeln angeboten wurde. Nun, auch der Hotdog harrt ja noch auf sein durchschlagendes Comeback. Ich war neugierig und bestellte. Denn wie ein Hotdog zu Süßkartoffeln passen sollte, entzog sich meiner Vorstellung. Aber sie gehörten gar nicht zusammen. Der Hotdog wurde zwar auf einer Schieferplatte serviert, aber er war, wenn auch von guter Qualität, so angerichtet wie immer. Vielleicht gibt es beim Hotdog einfach nichts zu verbessern. Daneben lagen lange, verbogene, leicht rötliche Pommes Frites. Neumodische Süßkartoffel-Pommes-Frites.

Ich muss gestehen: Es waren die besten Pommes Frites, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Besser noch als die Texel-Variation. Der Markt des gehobenen Imbissangebots ist fast dicht, aber mit den besten Pommes Frites der Welt hätte man vielleicht noch eine Chance.

Imbiss: Eine Serie mit Geschichten, Gedanken, Empfehlungen und Warnungen aus der Welt des schnellen Speisens