Der epochale Kulturkampf wurde verbal viel krasser beschworen, als es ästhetisch tatsächlich krachte: Expressionismus kontra Impressionismus. Und eine scharfe, böse Zunge führten die stilistisch vorgeblich unversöhnlichen Bildermacher beider Lager weit weniger, als ihre Apologeten: damalige Kunsthändler, Sammler und die so unvermeidlichen wie einflussreichen „Kunstschriftsteller“ jener Zeit nach 1900.

Eine lange Vitrine im Hauptsaal der Beletage in der Alten Nationalgalerie liefert dafür den Beweis: Dutzende von Büchern und Zeitschriften widerspiegeln die mediale Gemengelage jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der deutsche Impressionist Max Liebermann und der vehemente Interpret des Stils, Julius Meier-Graefe, empfanden die expressive Ausdrucks-Wut gerade der „Brücke“-Maler um Kirchner, Heckel, Pechstein, Schmidt-Rottluff zu wild, zu oberflächlich, gar hässlich. Als „nichts, als eine Gebärde“.

Aber ein paar Jahre zuvor hatten verbissene Anhänger der akademischen Salonkunst auch schon für den Sezessionisten Liebermann wenig Schmeichelhaftes übrig. Es scheint wohl eine Art Gesetz auch in der Kunstgeschichte zu sein: Jede neue Strömung versucht die vorherige zu negieren. Im Gegenzug jedenfalls bezichtigten Anhänger des neuen, expressiven Stils ab 1905 die heiteren, sanft zerfließenden, zartverschmelzenden Impressionen als brav, versöhnlerisch, gar langweilig.

Gut 100 Jahre später und mit der Erfahrung von zig „Ismen“ der Moderne, konfrontieren uns die Freunde der Nationalgalerie, als Veranstalter und die tief im Stoff steckende Ausstellungsmacherin Angelika Wesenberg mit einer spannenden These. Die besagt, dass die beiden – populären – Stile, ja, diese „Kunst als Weltanschauung“ der frühen, nach 1945 klassisch gewordenen Moderne viel mehr Verwandtes hat, als ihre Protagonisten es jemals zugegeben hätten.

Produkte ihrer Zeit

In der Alten Nationalgalerie, die jetzt, nach der baubedingten Schließung der Neuen Nationalgalerie, eine erfreuliche Aufwertung erfährt, sind gut 160 Meisterwerke beider Stile arrangiert, zur Hälfte aus der eigenen Sammlung, zur anderen Hälfte sind es nationale und internationale Leihgaben.

Schon 1896 war die Berliner Nationalgalerie eines der ersten Museen weltweit, das unter dem weitsichtigen Direktor Hugo von Tschudi impressionistische Bilder aus Frankreich ankaufte. Dessen Amtsnachfolger Ludwig Justi wiederum zeigte nach Kriegsende 1918 im Kronprinzenpalais spektakuläre Werke der Expressionisten als „Schule des Sehens“, was man zweifellos zugleich auch von jeder repräsentativen Bilder-Ansammlung der Impressionisten sagen müsste.

Bis zur NS-Zeit waren beide Stile unterm Dach der Nationalgalerie vereint – wenn auch in verschiedenen Etagen. Niemand freilich hätte ihnen damals die inzwischen doch unübersehbare Verwandtschaft attestiert: den jeweils anti-akademischen Affront, das Interesse am (modernen) Alltag, an Natur und Freilichtmalerei, auch am Wandel der Rollen von Mann und Frau. Und den Willen zum Individuellen, Subjektiven.

Erlebbar werden Im- und Expressionismus nun, mit dem Abstand von 100 Jahren, nicht in linearer Aufeinanderfolge, sondern im lebhaften Dialog, gar ineinander übergehend, wie es Gemälde Lovis Coriths deutlich machen. Sie alle sind Produkte ihrer Zeit, der politischen und sozialen Verhältnisse, der Situation in den frühindustrialisierten, rasant wachsenden Großstädten Paris und Berlin, mit ihren Massen, Verkehrstrassen und Vorstädten.

Und mit neuen Freizeitwünschen: der Lust am Flanieren, der Sehnsucht nach Natur, Körperfreiheit, nach nächtlichen Vergnügungen wie sowohl die Theater- und Moulin-Rouge-Blätter eines Toulouse-Lautrec, die flirrenden Gemälde des Ballettmädchen-Malers Degas, die utopisch leuchtenden Gaslaternen eines Lesser Ury als auch die grellen Berliner Tingel-Tangel-Szenen eines Nolde, Kirchner oder Dix erzählen.

Vom Im zum Ex

Freilich könnten beide „Ismen“ zunächst fürs Auge des Betrachters unterschiedlicher nicht sein: der lichtflirrende Impressionismus schon ab 1874 und der um 1905 in Deutschland aufgekommene konturenscharfe, wild-heftige, nach dem Ursprünglichen suchende, kulturkritisch-antibürgerliche Gestus der (ostdeutschen) „Brücke“. Oder der beinahe spirituelle Expressionismus eines Franz Marc oder eines August Macke aus der süddeutschen „Blaue Reiter“-Gruppe, die die Auffassung vertrat, jeder Mensch besitze eine innere und eine äußere Erlebniswirklichkeit, die durch die Kunst zur Form werde. Wohl aus kaum anderen Erwägungen heraus entfaltete sich der Stil solch visionärer, die Gräuel des Ersten Weltkrieges ahnender Einzelgänger wie Munch, Beckmann, Dix.

Der nach 1870 zuerst in Frankreich aufgekommene Impressionismus, von Manet, Monet, Renoire, Degas, Pissarro u.a. ist Malerei aus der Faszination des Augenblicks, des Eindrucks, der farbigen Schatten, der Auflösung der Ding- und Figurenwelt im Licht einer sich wandelnden, bewegten Welt. Das glich einer Revolte: Es ging nicht mehr ums Abbild, sondern um Stimmung, um Atmosphäre. Vom Expressionismus-Galeristen und „Sturm“-Verleger Herwardt Walden stammt der weise Begriff „Kunstwende“; er sah als einer der Wenigen damals den logischen Übergang vom Im zum Ex.

Unübersehbar ist heute diese Einheit im angeblichen Kampf der Gegensätze. In 12 Kapiteln wird nun auf der Berliner Museumsinsel die ImEx-Geschichte erzählt, anhand aller Genres, vom Landschafts- und Figurenbild übers Porträt zum Stillleben und Interieur.

Der Rundgang beginnt mit dem „Traum vom Paradies“, den die Protagonisten der sanften, heiteren, wie der grellen, schreienden Stilistik zu Ikonen malten: Badende, Pastoralen, Idyllen, am Seine-Ufer wie an den Moritzburger Teichen, an der Nordsee, an Gauguins Tahiti-Stränden und Noldes Papua-Neuguinea-Gestaden. Im nächsten Saal flanieren wir im- wie expressionistisch durch sich modernisierende Großstädte, gehen über Eisenbahnbrücken, begegnen vergnügungshungrigen Passanten bei Nacht, den kreischenden Tänzerinnen in den Nachtbars, den lasziven Kokotten auf der Straße.

Und man badet förmlich in der Sehnsucht nach dem Grünen, raus in die Natur, aufs Boot, in die Sommergärten bei Bier oder Wein. Landhäuser, blühende Gärten rücken ins Blickfeld. Und Beziehungen: Selten sah man in einem Museums-Saal so viele Paare, die sich aber eigentlich nichts zu sagen haben. Die Moderne als Zeit der Individualisierung, aber auch der Entfremdung verlangte Tribut. Und Impressionisten wie Manet und Expressionisten wie Kirchner wurden zu Analysten des Phänomens. Nur dass es damals noch keine Smartphones gab.