In der ausgezeichneten, von – wenn die Verlagsmitteilungen nicht lügen – Karl Lagerfeld herausgegebenen L.S.D.-Reihe des Steidl-Verlages, der wir Schönheiten wie Yirmiyahu Yovels Spinoza oder die Bände „Das Tagebuch der Madame Rénal“ von Annie Leclerc – leider bereits vergriffen! - und „Die Kunst des Mittagsschlafs“ von Thierry Paquot verdanken, hat jetzt der emeritierte Erlangener Philosophieprofessor Jens Kulenkampff einen Band mit Aphorismen Immanuel Kants vorgelegt. Wem jetzt etwas dämmert, der erinnert sich richtig. Für die anderen sei hier ein Hinweis nachgeholt, den der Verlag versäumte: das Buch erschien schon einmal 1997 bei Steidl. Jedenfalls ein Buch dieses Titels von diesem Herausgeber, mit diesem Umfang und mit Aphorismen von Kant. Es gibt natürlich keine Aphorismen von Kant. Das heißt aber nicht, dass die Texte parodistische Erfindungen Kulenkampffs sind. Kulenkampff hat vielmehr im sogenannten Handschriftlichen Nachlass, also in den Bänden 15 bis 20 der Akademieausgabe von Kants Werken, nach Sätzen gesucht, die sich als Aphorismen lesen lassen, die man also nicht an ihrer systematischen Stelle aufsuchen muss, um sie zu begreifen, ja die vielleicht sogar erst ihre ganze Kraft entfalten, wenn sie freigestellt werden. Diese Arbeit hat Kulenkampff geleistet. Sie wird ihm Spaß gemacht haben. In Kant den Lichtenberg zu entdecken, ist eine amüsante Beschäftigung. „Wie das Frauenzimmer die Sinne betrügt und wir uns gern betrügen lassen. Angekleidet sieht ein Mensch schätzbarer aus als im Negligé.“ Das ist ein echter, aber bis dato weitgehend unbekannter Kant. Man muss es noch einmal lesen. Langsam. Ein Kabinettstück unfreiwilliger Komik. Das „im Negligé“ haut einen doch um! Da müsste nackt stehen. Aber das bringt Kant nicht über die Lippen. Halt, halt! Das wissen wir nicht. Über die Feder hat er es hier jedenfalls nicht gebracht. Wer in der Kantausgabe der Digitalen Bibliothek – sie gibt die 12bändige von Wilhelm Weischedel wieder - in der Suche das Wort „nackt“ eingibt, erhält die Antwort „keine Fundstelle“. Das ist im Jahrhundert des Streits um die Stellung des „nackten Wilden“ im Kosmos so erheiternd wie erhellend. Aber sehr schön ist natürlich auch, wie der gar zu züchtige Kant in dem von Kulenkampff zu Tage geförderten Aphorismus zwischen das Fräulein und das Negligé den Mensch schiebt. Im Zeitalter der Libertins! Andererseits findet man auch eine Sentenz, die den neuen Herausgeber Karl Lagerfeld wohl besonders gereizt haben könnte: „Sinne betrügen nicht, weil sie nicht urteilen“. Das ändert natürlich in den Augen Kants nichts daran, dass sie trügerisch sind. Aber sie sind es. Sie tun es nicht. In den letzten Jahren haben wir von immer mehr von dem, von dem wir dachten, wir täten es, hinüberschieben müssen in den Bereich des bloßen Seins. Wir sind nicht ein Tausendstel so bewusst, wie wir dachten. Wir werden mehr getan als wir tun. Wie würde Kant auf diese Einsichten reagieren? Wirklich so wie einige seiner Nachfolger auf den Lehrstühlen der Philosophie, wenn sie den Neurologen und Evolutionswissenschaftlern entgegnen: Ihr erforscht das Gehirn, ihr sagt uns nichts über den Verstand.
Aphorismen haben es so an sich, dass man sie als Sprungbrett benützt zu eigenen Gedanken. Kulenkampff hat sie kaum kommentiert. Hätte ein so belesener Kopf damit angefangen, es wäre ein sehr, sehr dickes Buch entstanden und nicht dieser sanft-leichte, die eigenen Assoziationen herauskitzelnde Kant. Manches schlägt man nach. Zum Beispiel, wenn Kant schreibt: „Das Heil des Staates ist ganz was anderes als des Volkes. Jenes geht auf das Ganze in Ansehung der Subordination unter Gesetze und der Verwaltung der Gerechtigkeit, dieses auf die Privatglückseligkeit eines jeden; das letztere zu besorgen gehört zu den Verdiensten eines Fürsten.“ Unter diesem Zitat steht, es stamme aus den Jahren 1775 – 1777. Man denkt an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 mit den drei unveräußerlichen Grundrechten: Leben, Freiheit und Streben nach Glück. Das ganze 18. Jahrhundert war ja besessen von der Frage nach der Glückseligkeit. Sie war im Zuge der Aufklärung vom Himmel wieder auf die irdische Tagesordnung gefallen. Dass der Staat einen Rahmen bereitzustellen hat, in dem es den Privatleuten möglich ist, ihrem Glück nachzustreben, hätte Kant womöglich nicht abgelehnt, aber die Vorstellung, der Staat sei dazu da, für die Glückseligkeit der Bürger zu sorgen, lehnte er sehr entschieden ab. Der Fürst kann das – wohl durch Schenkungen o.ä. - tun. Er verteilt dann Privilegien. Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Also auch nichts mit dem Staat und schon gar nicht mit Demokratie. Allgemeine Gesetze schaffen keine Glückseligkeit. Schon, weil sie allgemeine Gesetze sind. Glückseligkeit ist aber immer die Empfindung eines Einzelnen. Sie ist ungerecht. Es ist diese Spannung, die im 18. Jahrhundert hin und her bewegt wurde. Die Unabhängigkeitserklärung der USA löst diese Spannung nicht. Sie behauptet, sie im Staat austragen zu können und zu wollen. Vielleicht richtet sich Kants Bemerkung tagesexakt gegen diesen Anspruch.

Immanuel Kant: Köche ohne Zunge, L.S.D., Göttingen 2014, herausgegeben von Jens Kulenkampff, 104 Seiten, 14,80 Euro.