Der Künstler Ulay (1943-2020).
Foto: Imago

Ljubljana"Life-Sized“, lebensgroß, war der Titel einer Werkschau der Arbeit von Ulay in der Frankfurter Schirn vor drei Jahren. Anders als in Lebensgröße war der bekannteste Teil seiner Kunst, die Performance nämlich, nicht zu haben. Aber auch seine Fotografien collagierte Ulay zu lebensgroßen Abbildern von sich – in Momenten der körperlichen Transformation, der Gender-Auflösung, der Identitätssuche. 

Ulay, der 1943 in Solingen als Frank Uwe Laysiepen geboren wurde und am Montag in Ljubljana starb, ist einer größeren Öffentlichkeit wohl vor allem als Partner der serbischen Künstlerin Marina Abramovic ein Begriff. Mit ihr realisierte er zwischen 1976 und 1988 insgesamt 14 performative „Relations Works“, ganzkörperlich und in Echtzeit vor Publikum ausagierte künstlerische Beziehungs-Arbeiten wie die, in der er mit einem spitzen Pfeil auf ihr Herz zielte und sie dabei durch Zurücklehnen den dazugehörigen Bogen spannte. Vier Minuten konnte er seine Hand kontrollieren.

Relations Art: Performance von Marina Abramovic und Ulay.

Quelle: YouTube


Als Paar verabschiedeten sich Ulay und Marina Abramovic voneinander im Jahr 1988 auf der Chinesischen Mauer, nachdem sie dort 2 500 Kilometer aufeinanderzugelaufen waren. Als er Abramovic bei einer ihrer selbstverletztenden Performances in Amsterdam kennenlernte (sie hatte sich einen Stern in die Stirn geritzt), experimentierte Ulay schon einige Jahre lang mit Polaroid-Fotografie.  Um 1970 hatte der damalige Industrie- und Architekturfotograf eine Beratertätigkeit für die Firma Polaroid aufgenommen und wurde dadurch großzügig mit Kameras und Filmen versorgt.

Wobei das etablierter klingt als es gewesen sein kann: Als 15-jähriger Halbwaise war Ulay von zuhause ausgerissen und allein durch Skandinavien gereist. In den 60er-Jahren ließ er sich in Rheinland-Pfalz nieder, heiratete und bekam einen Sohn, verließ seine Familie aber dann, um sich in Amsterdam der Provo-Bewegung anzuschließen und Künstler zu werden. Quasi natürlicherweise war er für die Ränder der Gesellschaft sensibiliert. Ulay fotografierte Obdachlose, die Transvestitenszene und sich selbst. Das Selbstporträt ist künstlerisch seine wichtigste Form geblieben, die Anarchie seine Weltanschauung und seine Lust auf Selbsterfahrung kannte keine körperlichen Grenzen. Ein Stück tätowierter Haut von seinem  Unterarm ließ er rahmen.

Identität ist wie ein ganz kleines Segelboot auf dem Ozean, mit einem Anker von der Größe eines Tankers.

Ulay

1976 entwendete er bei einem Berlin-Besuch die (inzwischen tatsächlich verschollene) Berliner Variante des „Armen Poeten“ von Carl Spitzweg aus der Neuen Nationalgalerie und hängte sie in der Wohnung türkischer Kreuzberger wieder auf. Danach rief er die Polizei und wurde zu einer Strafe von 3 600 Mark verurteilt, vor der er zunächst aus Deutschland floh, die zwei Jahre später ein Freund aber für ihn bezahlte. Die Staatsferne schützte Ulay vor Ehrungen nicht: 1982 und 1987 nahm er an der Documenta teil, und von 1999 bis 2004 war er in Karlsruhe Performance-Professor.

In den letzten Jahren lebte Ulay mit seiner Frau Lena Pislak in Ljubljana und Amsterdam. „Identität ist wie ein ganz kleines Segelboot auf dem Ozean, mit einem Anker von der Größe eines Tankers“, sagte er einmal.