„Immigration Nation“.
Foto: Netflix

Berlin„Build the wall! Build the wall!” – dieser Schlachtruf ist einer der Standards bei Trump-Wahlveranstaltungen. Der Präsident selbst hält, wie er mehrfach sagte, viele Einwanderer für „Drogenhändler, Kriminelle und Vergewaltiger. Manche von ihnen mögen gute Leute sein.“

Die Mauer zwischen Mexiko und den USA ist zwar auch fast vier Jahre nach Trumps Wahlsieg noch immer nicht komplett errichtet, dennoch wird das Thema Einwanderungspolitik – nach Wirtschaftskrise und Pandemie-Bekämpfung – auch im kommenden US-Wahlkampf wieder eine große Rolle spielen. Welche Folgen Trumps rigorose Politik hat, beleuchtet eine neue, sechsteilige Netflix-Dokuserie namens „Immigration Nation“.

Die Serie nimmt die Zuschauer mit an die vielen Orte, an denen die Auswirkungen dieser Politik zu spüren sind: in New Yorks Latino-Viertel, nach Mecklenburg County, North Carolina, wo Lokalpolitiker versuchen, sich für mehr Rechte von Immigranten einzusetzen, oder ins Abschiebegefängnis nach El Paso, Texas, wo die mexikanische Grenze nur ein paar Kilometer weg ist.

Regisseure Christina Clusiau und Shaul Schwarz gerieten unter Druck

Die Regisseure Christina Clusiau und Shaul Schwarz durften fast drei Jahre lang vor Ort filmen und interviewen. Zum Verständnis der Serie ist es wichtig zu wissen, dass die amerikanische Immigrationsbehörde ICE („Immigration and Customs Enforcement“), gegründet 2003 in der Folge der Ereignisse vom 11. September, mittlerweile eine große Machtfülle ausübt und personell wie materiell kontinuierlich aufgestockt wurde. Es ist erstaunlich zu sehen, wie nah die Filmemacher herankamen, auch bei einer Reihe von Abschiebeaktionen dabei sein durften, obwohl es dabei durchaus zu illegalen Handlungen kam.

Denn die Beamten von ICE dürfen eigentlich nicht in Wohnungen und Häuser eindringen – tun es aber regelmäßig dennoch, in einer Szene knackt ein Beamter sogar das Schloss einer Haustür. Bilder wie diese führten dazu, dass Regierungsstellen in den USA versuchten, die Veröffentlichung der Serie bis nach der US-Wahl im November zu verhindern, und sogar forderten, Szenen herauszuschneiden. Der Druck auf die beiden Macher war enorm, erzählte Shaul Schwarz der „New York Times“: „Das war beängstigend, einschüchternd und gleichzeitig auch ärgerlich. Es ermutigte uns aber, für die Geschichte zu kämpfen.“

Eine große Qualität der Serie ist es, dass sie alle Beteiligten der rigiden Immigrationspolitik in den Blick nimmt. Die Beamten von ICE genauso wie Richter, in die USA Geflüchtete und deren Familien in Mittelamerika. So ergibt sich ein stimmiges Bild der Situation, die sich unter Trump sehr verschärft hat. Als Zuschauer bekommt man den Eindruck: Alle Beteiligten des Systems sind Opfer, in der einen oder anderen Weise. Die Beamten von ICE reflektieren vor laufender Kamera ihre Rolle in diesem System. Einer sagt, wie unangemessen und beleidigend er es findet, als „Nazi“ und „Bulle“ diffamiert zu werden, ein anderer sagt: „Ich mache hier nur meinen Job, aber das haben die Nazis damals wohl auch gesagt.“ Niemand mag den Job der „Abschiebebeamten“, und doch muss er gemacht werden, so die interne Logik.

Abschiebungen im Fließbandmodus

Vor zwei Jahren gab es in den USA eine heftige innenpolitische Debatte, als Flüchtlingsfamilien teils über Monate getrennt und Kinder in Gefängniszellen gesperrt wurden, allein ohne Mutter und Vater. Von dieser Praxis ist man zwar abgerückt, aber es bleibt der Eindruck eines menschenverachtenden, irrwitzigen Systems. So müssen Richter beispielsweise eine bestimmte „Abschiebequote“ erfüllen, was zu Urteilen im Fließbandmodus fühlt. Ehemalige Richter berichten in der Serie über diese Praxis. Immigrations-Gefängnisse werden überwiegend privat geführt, die Aktien dieser Unternehmen sind unter Trump so stark gestiegen wie nie zuvor.

Hin und wieder wird die Serie etwas rührselig und tränenreich – verständlich aber angesichts der teils dramatischen Schicksale der Geflüchteten. Eine Familie aus Honduras wartet sehnsüchtig auf einen Bescheid, dass sie in Virginia bleiben können. „Die Menschen haben eine falsche Vorstellung von den USA. Der amerikanische Traum ist für uns zum Alptraum geworden“, sagt der Vater. Cesar, ein Ex-Marinesoldat aus Costa Rica, der in mehreren Einsätzen diente, will seinen Status legalisieren lassen und hofft auf eine Entscheidung der Gouverneurin von New Mexico. 50.000 Menschen, die im US-Militär dienten, wurden im Verlauf von Jahren aus den USA abgeschoben. Ein aus europäischer Sicht absurdes Element amerikanischer Einwanderungspolitik. Auch dass ein Großteil der Arbeit in der Landwirtschaft von illegalen Immigranten erledigt wird, passt nicht ins Bild der Trump’schen Abschiebelogik.

Am besten bringt die Situation wohl die Menschenrechtsanwältin Becca Heller auf den Punkt: „Wenn man all die Leute zusammenzählt, die bei ICE und anderen Behörden nur ihren Job machen, dann wird daraus dieses verrückte, terrorisierende System.“

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