Den Ruf, ein literarischer Extremist zu sein, hat sich der Journalist und Schriftsteller Wolfgang Büscher hart erarbeitet. Seine Exkursionen zur Erschließung sozialer Aufmerksamkeit – einmal rund herum um den Berliner Ring, nach Moskau und von Norden nach Süden durch die USA – waren stets auch begleitet von der Bereitschaft, an physische Grenzen und darüber hinaus zu gelangen. Gegen ubiquitäre Überfliegerei entwickelte Büscher das Projekt einer aufreizenden Langsamkeit zu Erkenntnisgewinn und Bewusstwerdung – die meisten Etappen zu Fuß, Schritt für Schritt.

Dabei ging es ihm nicht darum, körperliche Selbstüberwindung auf die Spitze esoterischer Geistesertüchtigungen zu treiben. Wenn Büscher seinen Rucksack verschnürt hatte, meinte man im Vorbeigehen das Gras wachsen und die Menschen sprechen zu hören. Zum Beispiel auf dem Weg nach Osten, wo der Wanderer die bemerkenswerte Entdeckung machte, dass der Osten als stigmatisierende Zuschreibung immer weiter aufgeschoben wird. Es gibt ihn als düster-imaginativen Raum, aber niemand fühlt sich ihm zugehörig.

Wolfgang Büschers zeitlos erscheinende Wanderungen taugen durchaus zur zeitgenössischen Positionsbestimmung. So scheint in „Berlin – Moskau“ das belarussische Selbstbewusstsein unserer Tage bereits unmissverständlich auf, und auf seinem Trip durch das „Hartland“ USA begegnete Büscher lange vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten jene heute als gesellschaftliche Spaltung bezeichnete Kluft zwischen den Lebensentwürfen und Träumen der Menschen eines großen Landes, das seine Mitte verloren hat.

Für sein jüngstes Buch hat Wolfgang Büscher seinen Bewegungsradius deutlich verkleinert. Um den nahen Tod der Mutter so gut es geht begleiten zu können, quartierte er sich für die Zeit eines Frühlings, eines Sommers und eines Herbstes in einer Jagdhütte an der hessisch-westfälischen Grenze in der Nähe seines Geburtsortes Volkmarsen sein. Ein kleiner Ofen, ein paar warme Decken, ein Gaskocher, kein Internet. Von Büchern ist ebenfalls nicht die Rede, obwohl sich Vorbilder wie Henry David Thoreaus „Walden“ und Jon Krakauers „In die Wildnis“ geradezu aufdrängen.

Büscher erweist sich auch in literarischer Hinsicht als Eremit. Als gelte es, die Fallen leutseliger Erinnerung zu meiden, ist er um stilistische Kargheit bemüht. Er malt weder farbig aus, noch vertieft er Zusammenhänge, alles in diesem Bericht zielt auf Beschränkung, den Rückzug auf das Wesentliche. Die Lebensgeschichte der Mutter, die sich als junge Frau den Sprung zur Entfaltung ihrer Möglichkeiten aus Pflichtgefühl und Traditionsbewusstsein versagt hat, wird eher angedeutet als ausgeführt. Als sie, durch ihre Krankheit geschwächt, nicht mehr miteinander sprechen können, stiftet die Berührung der Hände eine letzte Verbindung und schließlich übernimmt dies die bloße Anwesenheit.

Wenn Büscher in seine Hütte zurückkehrt, dominiert der Wald als undurchdringbares Lebensgefühl, aber er ist nicht geneigt, sich existenzvergessen darin zu verlieren. Vielmehr durchquert er ihn als neugieriger Beobachter, der auf Hochsitze klettert, um den Wildtieren bei ihrem Treiben zuzusehen. Das Waldgebiet seiner Jugend ist riesig, aber nicht menschenleer. Büscher begegnet Waldarbeitern, Jägern und Dorfbewohnern. Mit dem Förster, der der Erzählung als mythische Figur einen inneren Halt zu geben scheint, freundet er sich an.

Die Einheimischen lassen den seltsamen Fremden, der zum Herkunftsforscher geworden ist, an ihren Festen, Beerdigungen und Geschichtserzählungen teilhaben. Gehörte es einst zur Pflichtübung nach moderner Weltaufgeschlossenheit strebender Heranwachsender, die örtlichen Rituale als Ausdruck unverbesserlicher Rückständigkeit zu denunzieren, so begegnet Büscher ihnen nun mit inlandsethnografischer Aufgeschlossenheit. „Heimkehr“ ist vor allem auch eine Begegnung mit den lange Verdrängten.

Der deutsche Wald ist nicht frei von Geschichte, aber Wolfgang Büscher bleibt auf Distanz. Der Fürst, der ihm vorübergehend die Jagdhütte überlässt, ist ein Nachfahre des Josias zu Waldeck und Pyrmont, der – ein Freund Heinrich Himmlers – Obergruppenführer der SS und General der Waffen-SS war. Dem Leser bleibt es jedoch überlassen, sich diese Fakten selbst zu erschließen. In Büschers Erzählung werden weder historische Zusammenhänge hergeleitet noch Ortsnamen genannt. Nach einer langen Wanderung erreicht Büscher die „Kirche der Geköpften“, die Zeugnis gibt von der immer noch spürbaren Gewalt der Bilderstürmerei in der Zeit der Reformation und Gegenreformation. Auch hier enthält er dem Leser topografische und historische Anhaltspunkte vor. Die literarische Camouflage gilt allerdings nicht für den Journalisten Wolfgang Büscher, der über die Kirche in Frankenberg/Eder bereits in der Tageszeitung „Die Welt“ berichtet hat.

Der Wald leidet, als Helfer des Försters betrachtet Büscher die zerstörerische Kraft der Natur in der massenhaften Erscheinung des Borkenkäfers. Als Seelenretter erweist sich der Wald indes als Illusion. Er ist nicht das Gegenstück einer arglosen Zivilisation, sondern dessen ebenfalls bedrohter, aber auch unendlich wandelbarer Teil.

In seinen Wanderreportagen erschien Wolfgang Büscher stets auch als Getriebener, der kaum zu erklären vermag, warum er eines Tages wieder los muss. „Heimkehr“ verheißt nicht unbedingt das Gefühl einer dauerhaften Ankunft, kann aber als poetische Durchdringung der Provinz und Landschaft angesehen werden, aus der einer kommt.

Wolfgang Büscher: Heimkehr. Rowohlt Berlin, 204 Seiten, 22 Euro