Beschämt: Ein Hasenkind, das nicht geschickt genug ist, um Osterhase werden zu dürfen. 
IIllustration: Fritz Koch-Gotha, aus „Die Häschenschule“ von Albert Sixtus, Esslinger Verlag.

BerlinAls Kind habe ich mich immer vor der „Häschenschule“ gegruselt. Auf dem Buchdeckel ist ein kleiner Hasenjunge abgebildet. Er steht mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren vor einem wütenden großen Hasen, dessen dicker Bauch ins Bild ragt. Ich konnte noch nicht lesen, was daneben stand: „Ein lustiges Bilderbuch“. Mir machte es schon so Angst. Aber nicht nur wegen des bösen Lehrers, der in meiner Ausgabe noch den Rohrstock unter dem Arm trug. Später wurde er wegretuschiert. 

Auch die kleinen Hasen sahen nicht gerade niedlich aus, ganz im Gegensatz zu echten kleinen Hasen. In der Häschenschule wirkten die Gesichter der Hasenkinder wie die der alten Hasen. Sie schauten aus viel zu kleinen, engen Augen, ihre Münder waren verkniffen und sie hatten schon ein Doppelkinn. Kleine verbiesterte Erwachsene. Die echten Erwachsenen wiederum waren riesig und grobschlächtig. 

Mein Unwohlsein begann nach dem zweiten Bild. Da gehen die Hasenkinder zur Schule „durch den bunten Wiesengrund“. Doch auf einmal sind sie im Wald, „wo die hohen Tannen stehn“. Plötzlich sind andere Farben im Spiel, schwarz und dunkelgrün. Die Hasenkinder sind allein im Wald. Dort ist die Häschenschule. Sie hat aber kein Dach, die Stühle und Bänke stehen im Freien. Der Einzige, der auf die kleinen Schüler aufpasst, ist ein alter Lehrer mit Brille und lumpigen Klamotten, der sich auf dem Pult abstützt und dem ein benutztes Stofftaschentuch aus dem Rock hängt.

Der Fuchs geht um

Nach dem Morgengebet und der Pflanzenkunde kommt die „Tiergeschichte“ dran, der Lehrer erzählt den Kindern vom bösen alten Fuchs, und wie er leise durch die Gegend streift. Auf einem Schaubild zeigt er ihn auch: ein fieser Räuber mit Hut, der mit gebleckten Zähnen hinter einem Baum lauert und ganz unverhohlen einen Dolch vor seinen Umhang hält. Und in den aufgeschlagenen Fibeln steht die Warnung: „Wehe, wenn er euch packt."

"Wehe, wenn er euch packt." Der Lehrer warnt die Kinder vor ihrem größten Feind, dem Fuchs. 
Illustration: Fritz Koch-Gotha

Was dann passiert, wird sogar noch ausgeschmückt: „Er isst gern Hühner und Gänsebraten, aber am liebsten sieht er doch ein Häschen auf seinem Tisch.“ Die Hasenkinder auf den Schulbänken wirken wie erstarrt. Ein Hasenjunge muss die Lektion im Stehen vorlesen. Die anderen Häschen haben die Ohren angelegt. „Und die kleine Gretel denkt: „Wenn er mich nur nicht mal fängt!“ Das kleinste und schwächste Häschen traut sich aber nicht, das zu sagen. In der Häschenschule herrscht die Angst. Deshalb sind die Kinder so folgsam.

Nicht jedes Kind darf Osterhase sein

Gleich im nächsten Vers haben die Hasenkinder strahlende Augen, weil sie Eier bemalen dürfen. Bis auf die, die es verpatzen und deshalb keine Osterhasen sein dürfen. Vielleicht denken sie noch an die letzte Stunde? Wer möchte schon Eier hinter Büschen und Bäumen verstecken, wenn dahinter der Fuchs lauert? Ich jedenfalls konnte ihn nicht mehr vergessen, er schien mir nun ein Mit-Betrachter zu sein. Wie ich konnte er aus sicherer Entfernung die Bewegungen der Häschen verfolgen. Gerade lernen die Hasenkinder Hakenschlagen, um den Hunden der Jäger zu entkommen. Der Lehrer feuert sie an. Und der Fuchs schaut aus der Deckung des Waldes zu, wie die Häschen eifrig üben, um ihr Leben zu laufen.

Dann verabschiedet der Lehrer die Kinder. Er mahnt zur Vorsicht auf dem Heimweg: „Hat der Rotfuchs euch am Kragen, hilft kein Betteln, hilft kein Klagen." Und obwohl er die Gefahr kennt, begleitet er die Kinder nicht. Sie müssen allein durch den Wald nach Hause. Kaum ist der Lehrer weg, taucht der Fuchs aus dem Gebüsch auf und ruft nach den kleinen Häschen, genau gesagt „wimmert“ er nach ihnen. Er sieht aus wie auf dem Schaubild, das der Lehrer den Hasenkindern zuvor gezeigt hatte. Die armen Kleinen rennen panisch davon. Aber sie tragen ja Schulranzen. Damit können sie nicht so schnell rennen wie in der Sportstunde, jetzt, wo es drauf ankommt.

Und dann sitzen sie im letzten Bild am Mittagstisch, als wäre nichts geschehen. Sie erzählen den Eltern nicht, dass gerade noch der Fuchs hinter ihnen her war. So wie im Kinderspiel „Der Fuchs geht um, dreh dich nicht um“. Und die Eltern fragen nicht. Anders als ein Märchen geht die Häschenschule nicht gut aus. Im Märchen wird der Bösewicht am Ende erledigt. Hier nicht. Hier wartet er auf die Hasenkinder, die am nächsten Tag wieder in den Wald müssen. In Wahrheit ist die Häschenschule ein Thriller. Dennoch wird das Büchlein bis heute zur Einschulung verschenkt - die war damals zu Ostern. „Wär ich nicht ein Kindelein, möcht’ ich gleich ein Häschen sein!“, lautet der letzte Reim. So konnte nur ein Erwachsener schreiben.

Das Cover des Kinderbuch-Klassikers.
Illustration: Fritz Koch-Gotha

Vom preußischen Militarismus gezeichnet

Heute erscheint mir das Kinderbuch wie die Vorlage zum Drehbuch für Michael Hanekes Film „Das weiße Band“. Der verquälte preußische Protestantismus steckte auch in der Häschenschule. Ihr Zeichner Fritz Koch-Gotha war vom preußischen Militarismus gezeichnet. Sein Vater trug den Dienstgrad eines Reserveleutnants und drillte den Sohn auf eine militärische Laufbahn, bis der beim Turnen so schlimm stürzte, dass er kaum noch hören konnte. Das damalige Erziehungsideal bestand darin, Kinder abzurichten. Wer nicht spurte, hatte eben Pech und musste zum Spießrutenlaufen antreten.

Den letzten beißen die Hunde - oder der Fuchs. Darin ist die Häschenschule grausamer als die Märchen. Die Gefahr bleibt. Im Märchen lauern die Bösen im Wald: Hexen, Räuber, Wölfe. Aber Lehrer? Am Ende eines Märchens schicken die Eltern ihre geretteten Kinder um keinen Preis aufs Neue in den Wald. Doch in der Häschenschule ticken sie anders. Im Märchen siegt die Liebe über den Tod. In der Häschenschule siegt der Lehrer - trotz Todesgefahr für die Häschen.

Und tatsächlich haben die preußischen Häschen in Deutschland Schule gemacht. Die Häschenschule erschien 1924 und wurde eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Weimarer Republik. Vieles am Hasen-Lehrer war typisch für die damalige Generation von Volksschullehrern, die den Ersten Weltkrieg überlebt hatten, oft verkrüppelt und traumatisiert mit abgebrochenen akademischen Karrieren. Und doch neigte diese Generation nicht zum Pazifismus. Während des Nationalsozialismus illustrierte Koch-Gotha das Kinderbuch „Mit Säbel und Gewehr. Lustige Bilder vom Soldatensein“. Es sollte die Kinder weit wegführen.

Eingeschüchtert, aber nicht beschützt

Schon in der Häschenschule sind die Kinder weit weg von ihren Eltern. Anders als die meisten Erstklässler werden die Häschen weder zur Schule gebracht noch abgeholt. Die Eltern kriegen von der Schule gar nichts mit. Sie scheinen auch die Gefahren des Waldes nicht zu kennen. Der Lehrer klärt die Kinder darüber auf. Er ist es, der sie mit dem Fuchs bekannt macht. Die Lektion kommt bei den Kindern an: Der Rotfuchs liebt kleine Häschen. Das macht ihnen Angst. Und so versuchen sie alles, um dem Lehrer zu gefallen, damit er sie beschützt.

Der Hasenlehrer kümmert sich tatsächlich mit vermeintlichem Reformeifer um seine Schüler, er betet und redet und erzieht und musiziert. Hemdsärmelig feuert er sie beim Hakenschlagen an und macht sich im Gemüsegarten sogar die Schuhe schmutzig. Doch am Ende seiner Lektionen überlässt er sie dem Fuchs. Er hatte nie vor, die Kinder zu beschützen. Sie sollten nur nicht merken, dass sie im Wald ganz allein sind.