Berlinalechefin Mariette Rissenbeek dankte bei der Eröffnung den Sponsoren - L'Oréal etwa lasse "unsere Stars so gut aussehen" ...
Foto: Tobias Schwarz/AFP

BerlinNein, das war kein schöner Augenblick, als Mariette Rissenbeek bei der Eröffnungsgala, vom moderierenden Samuel Finzi quasi an die Rampe geschoben, den Dank an die Sponsoren aufsagte. Obwohl deren Logos und Stände allgegenwärtig sind, nannte die Berlinale-Chefin jeden einzelnen Namen so ehrfürchtig als handle es sich um den eines stillen Gönners und lobte die dazugehörigen Produkte. Über den Kosmetikkonzern L’Oréal sagte sie, dass er „unsere Stars so gut aussehen lässt“. 

Eine Bemerkung, die nicht nur werbesprachlich geradewegs in die Siebziger katapultiert, sondern auch haltungsmäßig auf die gleiche Weise die Zeichen der Zeit verpasst, wie das „Tolle Frauen. Tolle Filme“-Plakat des Sponsors ZDF, das den Potsdamer Platz pflastert und Sonja Gerhardt („stark“), Anna Loos („clever“) und Iris Berben („echt“) als drei Varianten verwechselbar ebenmäßiger und quasi zeitloser Gesichter zeigt.

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Fantastisch wilde Weiblichkeit

Da ist die Kunst selbst viel weiter, und ich spreche hier nicht von einem abchasischen Geheimtipp, sondern von der Disney-Produktion „Onward“, die voller starker, wilder,  weiblicher Wesen mit – gemäß ihrer fantastischen Art – Normalproportionen ist, die ganz bestimmt keine Wimperntusche brauchen, um „gut auszusehen“. Und das sage ich jetzt nicht nur aus der Verbitterung heraus, dass sich mein eigenes Leben durch die Verwendung der Age-Perfect-Volume-Maskara von L’Oréal noch kein einziges bisschen zum Besseren verändert hat.

Die Mantikor-Szene aus "Onward" auf englisch.

Quelle: YouTube

„Onward“ sei ja nur ein Animationsfilm, sagen Sie? Stimmt, aber denken Sie an „Rapunzel neu verföhnt“ (2010), „Merida“(2012) oder die „Eiskönigin“ (2013). Das Frauenbild von Disney hat sich zweifellos gewandelt, inzwischen kann der furchteinflößende Mantikor umstandslos auch eine Frau  sein. Und die Tatsache, dass ein feuerspeiender und hier auch noch geflügelter Löwenskorpion aus computeranimiertem Plüsch in Sachen Weiblichkeit zu einem überzeugenderen Rollenbild gerät als die in der öffentlich-rechtlichen Medienmaschine plattgewalzten menschlichen Frauen, kann einem schon zu denken geben. 

Punk geht anders

Da echauffiert sich die Welt wegen ein paar frauenfeindlicher Stammtisch-Bemerkungen des Jurypräsidenten, aber die Frauen selbst überbieten sich noch immer darin, hinter ihren eigenen Abziehbildchen zu verschwinden. Das dürfen sie natürlich. Aber Punk geht anders. Was die Menschen da draußen im Showbiz spüren und sich deswegen auf die junge Billie Eilish stürzen, deren geschlechterneutraler Look ein Schlag ins Gesicht der zurichtenden Moden ist und sich – eine Heilige ist sie nicht – als Merchandising dennoch bestens verkauft.

Aber zurück zur Berlinale. Am Montag findet eine Tagung zu „Diversität & Intersektionalität“ in der Filmbranche statt. Bisher wurde das Thema meist mit der Quote in Verbindung gebracht. Aber wenn die immergleichen Oberflächen gewienert werden, ist es dem Publikum egal, wer genau vor oder hinter hinter der Kamera steht. Sich zum ungeschminkten Menschsein zu bekennen, scheint es, braucht es immer noch den meisten Mut.