Die Regisseurin und Schauspielerin Elaine May (hinten), John Cassavetes (l.) und Peter Falk in „Mikey und Nicky“
Carlotta Films

August 2017 in der Megalopolis New York: Es ist heiß, heiß, heiß. Die Verheerungen des tropischen Sturms namens „Cindy“ sind noch allgegenwärtig, mit neuen Witterungsunbilden wird gerechnet. Doch auch jenseits des Klimas geht es den Menschen am Big Apple nicht gut. Die Gentrifizierung eskaliert, frisst sich längst auch in bislang verschonte Vororte hinein.

Der Mittelstand fürchtet um seine Existenz. Und in Washington sitzt ein Präsident, für den Neuengland insgesamt ein Hort der Dekadenz darstellt. Man hat ihn hier nicht mehrheitlich gewählt; aus seiner Sicht hat die Region wenig mit dem von ihm gepriesenen „eigentlichen Amerika“ zu tun. In der Dokumentation „The Hottest August“ nimmt die kanadische Filmemacherin Brett Story eine skizzenhafte Bestandsaufnahme von den akuten Verunsicherungen sowie von den individuellen und kollektiven Gegenreaktionen vor. Von seinem Gruppenbild geht eine starke Fin-de-Siècle-Stimmung aus. Die Krise ist allgegenwärtig, Alternativen scheinen keine in Sicht. Daran wird auch die lang erwartete Sonnenfinsternis nichts ändern.  Der Film ist Teil der Reihe „Unknown Pleasures“, mit der zum elften Mal das aktuelle US-amerikanische Independent-Kino in Berlin vorgestellt wird.

Jährlich tausend Kandidaten

Diesmal wurden lediglich acht zeitgenössische Beiträge ausgewählt, von Repräsentanz kann also keine Rede sein. Allerdings wäre ein solcher Anspruch angesichts von jährlich fast tausend allein im Spielfilmbereich in Frage kommenden Kandidaten ohnehin müßig. Alles, was nicht bei den großen Studios in Hollywood produziert wird, kann sich „independent“, also unabhängig nennen. Das Spektrum fällt entsprechend weit aus. Es ergibt Sinn, dass bei der von Kurator Hannes Brühwiler vorgenommenen Zusammenstellung der Fokus auf dokumentarisch-fiktionale Mischformen gerichtet wird. Wenn man so will, fällt sogar „The Hottest August“ in jene Kategorie. Sämtliche Figuren in diesem Metropolen-Reigen scheinen Rollen zu spielen, vermitteln den Eindruck von Darstellern, die andere Darsteller zitieren. Jeder Kern von Individualität wird dabei zur auswechselbaren Leerstelle.

Der Spielfilm „Ham on Rye“ von Tyler Taormina kehrt dieses Verfahren formal um und zielt doch auf etwas Gleiches. Gezeigt werden hier die Vorbereitungen und Umsetzungen des US-amerikanischen Initiationsrituals, des berühmten „Prom“ am Ende eines Highschool-Jahres. Während im ersten Teil in wunderschön-enthobenen Tableaus die durchweg liebenswerten Jugendlichen dem großen Ereignis beiwohnen, führt das zweite Kapitel in die bittere Realität wenige Jahre danach. Wer es nicht rechtzeitig geschafft hat, der Kleinstadt zu entkommen, ist Teil des örtlichen Freak-Arsenals geworden. Die aus Filmen von David Lynch wohlbekannte Provinzhölle kennt keine Gnade.

Rollenklischees und Realität

Um die Divergenz von Rollenklischees und Realität vor peripherem Hintergrund geht es auch in weiteren Filmen. Turbulent erzählt der in Moskau geborene Kirill Mikhanovsky in „Give me Liberty“ von der Invasion seiner russischen Familie in Milwaukee, Wisconsin. Der als Rapper bekannt gewordene Boots Riley führt mit seiner Regiearbeit „Sorry to bother you“ nach Oakland, Kalifornien, wo es ein schwarzer Callcenter-Mitarbeiter durch die Imitation „weißer Aussprache“ endlich zu Erfolg bringt. Und Jim McKay gewährt in „En el Septimo Dia“ Einblicke in die Parallelwelt illegaler mexikanischer Einwanderer, die in New York Essen ausfahren, aber natürlich von ganz anderen Idealen träumen.

Die Filme erleben durch eine Retrospektive mit allen vier Werken der zu Unrecht vergessenen Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Elaine May (Jahrgang 1933) eine wertvolle Bereicherung. Anhand ihres schmalen filmischen Oeuvres lassen sich die Launenhaftigkeit des Marktes und die Frage der künstlerischen Unabhängigkeit eindrucksvoll nachzeichnen. In ihrem 1971 gedrehten Debüt „A New Leaf“ schrieb May das Drehbuch, führte Regie und spielte auch gleich eine Hauptrolle als lebensuntüchtige Millionärin, die willfährig dem erstbesten Heiratsschwindler zum Opfer fällt. Wobei die Macht der Liebe dann doch zu glücklichen Wendungen führt. War „A New Leaf“ noch eine schwarze, von hakenschlagend-jüdischem Wortwitz geprägte Komödie, so überraschte May 1976 dann mit dem Gangsterfilm „Mikey und Nicky“ durch fast schon zynische Abgeklärtheit.

Unknown Pleasures #11

American Independent Film Fest, 1. bis 16. Januar 2020, Kino Arsenal

Peter Falk und John Cassavetes spielen hier zwei einstige Kindheitsfreunde, die sich in den Straßen New Yorks einem existenziellen Spiel um Leben und Tod ausgeliefert sehen. Elaine Mays letzte Regiearbeit war dann der von Warren Beatty produzierte Politthriller „Ishtar“, der 1987 zum „Flop des Jahres“ wurde. Sarkastisch kommentierte die Regisseurin ihren Misserfolg mit den Worten: „Wenn alle Leute, die ,Ishtar’ hassen, den Film auch gesehen hätten, wäre ich heute eine reiche Frau.“
Unknown Pleasures #11 American Independent Film Fest, 1. bis 16. Januar 2020, Kino Arsenal