Gatsby Welles (Timothée Chalamet) und Ashleigh Enright (Elle Fanning)
Foto:  Mars Films

BerlinWenn es in New York regnet, scheint die Sonne. So zumindest erscheint es in Woody Allens neuem Film, der einen regnerischen Tag im ständigen Glanz der Sonne aufhellt. „A Rainy Day in New York“ ist nicht nur eine erneute Wiederkehr in die (filmische) Heimat Allens, sondern auch eine Wiederkehr auf ein dramaturgisch bereits ausgiebig abgestecktes Gelände. Was Allen vor vierzig Jahren noch persönlich als Protagonist in „Annie Hall“ und „Manhattan“ zum Besten gab, fällt nun dem Shootingstar Timothée Chalamet („Call Me By Your Name“) zu, der als Gatsby Welles so eine Art Millenial-Version von Allen abgibt. 

Das heißt zunächst einmal, dass er im gleichen Sakko mit den gleichen Witzeleien und Popkultur-Anspielungen aufwartet, die der Regisseur in den 70ern noch selbst vortrug. Nicht nur Chalamet, sondern das gesamte Ensemble wirkt dabei wie aus der Zeit gefallen. Der mittlerweile 84-jährige Regisseur scheint so weit von der Generation entfernt, die er in seinem neuesten Film abbildet, dass jedes Smartphone, das seinen Weg in die Geschichte findet, zwischen den manierierten Witzeleien und dem bildungskanonischen Namedropping wie ein Anachronismus wirkt. Es sieht so aus, als sei Woody Allens Stadtneurotiker-Nostalgie endgültig im kreativen Leerlauf angekommen.

Hauptdarsteller spenden Gagen

Dabei ist „A Rainy Day in New York“nicht allein von künstlerischen Problemen geplagt. Im Zuge der MeToo-Debatte rückten während der Dreharbeiten die umstrittenen Missbrauchsvorwürfe gegen Allen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. In der Folge distanzierte sich Produzent Amazon von Allen und ließ den geplanten Kinostart  platzen. Die Hauptdarsteller Timothée Chalamet, Rebecca Hall und Selina Gomez spendeten ihre Gagen der „Time’s Up“-Kampagne.

Nun also kommt der Film nur außerhalb der USA und mit einem Jahr Verspätung in die Kinos. Im Kontrast zur Produktionsgeschichte ist der Plot solides Allen-Territorium: Wieder ist ein junger, hochintelligenter und doch zielloser Protagonist in New York unterwegs. Wieder weiß er es besser als alle anderen. Wieder hat er einen Hang zur Neurose (in diesem Fall ein lupenreiner Mutterkomplex). Und wieder hat er scheinbar alle Synonymwörterbücher der englischen Sprache im Gedächtnis abgespeichert, um seine Besserwisserei charmant unter das Volk zu bringen.

Trailer zu „A Rainy Day in New York“

Quelle: Youtube

Über seine gesamte Regiekarriere hat Woody Allen diese Figur neu belebt, bis ihr, ein halbes Jahrhundert später, nun endgültig Charme und Witz verloren gegangen sind. Das ist weniger dem Ensemble geschuldet, das wieder mal ein Who's-Who verschiedener Hollywood-Generationen ist und dem es gut gelingt, den klassischen Allen-Duktus auf die Leinwand zu bringen. Es ist die Ziel- und letztlich auch Lieblosigkeit des besagten Regentags, die einem besseren Film im Weg steht. Der beginnt mit einem Interview, das Gatsbys Freundin Ashleigh (Elle Fanning) mit dem Avantgarde Filmemacher Roland Pollard (Liev Schreiber) für ein Campus-Magazin führen darf. Die naive Dorfschönheit ist begeistert von der Aussicht, den gefeierten Filmemacher kennenzulernen.

Beauty-Queen mit Ambitionen

Der Großstädter Gatsby ist begeistert von der Möglichkeit, ihr die hipsten und geheimste Adressen der Stadt zeigen zu dürfen. Die geplante Zweisamkeit wird jedoch schnell vertagt, nachdem der Starregisseur in eine spontane Sinnkrise verfällt, die darin endet, dass er, sein Produzent (Jude Law) und der Hauptdarsteller seines Films (Diego Luna) allesamt der jungen Studentin nachstellen. Die Männergruppe, die um die Ashleigh buhlt, entlarvt sich in ihrer so pompösen wie lächerlichen Art schnell selbst. Und doch hat die unschuldige Ex-Beauty-Queen mit journalistischen Ambitionen keine andere Aufgabe innerhalb des Films, als sich ihnen beeindruckt und fasziniert an den Hals zu werfen. Während Ashleigh also von der New Yorker Filmszene umworben wird, stolpert Gatsby von einem Treffen mit alten Bekannten ins nächste.

Eines dieser Treffen führt ihn an einen Filmset, wo er kurzerhand als Darsteller einspringt, um die Schwester seiner ersten Freundin zu küssen. Chan (Selena Gomez) ist auf ihre spöttische Art genauso angetan vom smarten New Yorker wie die alten Männer von seiner Freundin. So schlendert das junge Paar, getrennt voneinander dem sich anbahnenden Ende ihrer Beziehung entgegen. Wirklich zu bedauern scheint das niemand. So wie der Regen, der New York an diesem Tag fest im Griff hat, ist auch die Beziehungskrise weniger ein ungemütliches, düsteres und nasskaltes Phänomen, sondern eher ein warmer Sommerschauer, dessen Tropfen, formschön von Erroll Garners Jazzpiano begleitet, an Gatsbys Regenschirm abperlen.

Foto: Mars Films
A Rainy Day in New York

USA 2019. Regie & Buch: Woody Allen; Darsteller: Timothée Chalamet, Elle Fanning, Liev Schreiber, Selena Gomez, Jude Law u.a., 93 Minuten, Farbe. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

Doch die Heimeligkeit, die Woody Allen hier beim ziellosen Schlendern durch New York zu beschwören versucht, kommt nie wirklich auf. So sehr die sirupfarbenen Sonnenstrahlen die Regenwolken durchdringen, um auch die letzte Fassaden der Stadt mit ihren goldenen Glanz zuzukleistern, der gemütliche Spaziergang führt doch nur in die Sackgasse.