Der Berliner Kulturjournalist, Theaterkritiker, Geisteswissenschaftler, Journalismuslehrer und Nachtkritik-Mitgründer Dirk Pilz ist in der Nacht zum Freitag im Alter von nur 46 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder im Alter von sechs und zwei Jahren. Dirk Pilz war viele Jahre lang eine prägende Stimme auch dieser Zeitung. Wir haben unseren Kollegen verloren, mir war er ein Freund und Lehrer.

Der Verlust, den die Theaterwelt hinnehmen muss, ist immens. Dirk Pilz war einer, der die Debatten überschaute, sie gar voraussehen konnte. Seine Theaterkritiken konnten scharf im Urteil sein, mitunter ließ er sogar einen Ton der Unerbittlichkeit anklingen, dabei nahm er sich selbst als Instanz immer wieder unter die Lupe, befragte sich, seine Kriterien, räumte mit der Souveränität eines offenen Herzens Irrtümer und Zweifel ein – was wohl eine der schwierigsten Übungen für Theaterkritiker ist.

Als mitleidender Theaterzuschauer war er vielleicht leichter zu gewinnen denn als Leser und Denker, auch wenn ihm Abende suspekt blieben, konnte er mit Liebe und großer Behutsamkeit Spiel- und Sprechweisen in Worte und Bilder fassen: genau hinsehen, sich mit Worten annähern, den schönsten, den am schnellsten verfügbaren misstrauen, weitersuchen im Wissen, dass man dem Leser nur in Formulierungen eingefrorene Ahnungen mitgeben kann. Dirk Pilz fand hierbei mit Lust und Mühe zu größtmöglicher Anschaulichkeit und Verlässlichkeit. 2012 erhielt er den Marie-Zimmermann-Preises für Theaterkritik, verbunden mit einem Aufenthalt an der Akademie Schloss Solitude, da war er gerade Vater geworden.

Dirk Pilz konnte überraschen, begeistern oder entsetzen

Seine Texte verschenken Wissen und Erkenntnisse; auch Abseitiges, Vergessenes und mutmaßlich längst Überwundenes rettete er für die Leser. In einem Text über die Wirkung von Whiskey auf einem Hochgebirgsgipfel wagte er es zum Beispiel, von einem „soteriologischen Erlebnis“ zu schreiben, ohne das Fremdwort zu erklären. Wozu auch. Man war ihm lesend bis hier hinauf gefolgt und hat an seinem herübergereichten Flachmann genippt, den Geist geschmeckt, das Erlebnis längst gehabt, dessen Namen man nun erfuhr, nicht aber seine Erklärung. Für jene, die es genauer wissen wollten, setzte er ein „Dann schlagen Sie es halt nach!“ in die Klammer. Dass er bei all seiner einschüchternden Bildung, seiner akademischen Karriere, seinem Lern-, Schreib- und Lesetempo immer wieder wie ein Kind die Augen öffnen konnte, bereit, sich überraschen, begeistern oder entsetzen zu lassen, gibt seinen Texten ihr Leben.

Ein kleines finsteres Märchen, das er für die Rubrik Unterm Strich geschrieben hat, handelt von dieser Art zu schauen. Es geht um ein verwaistes Zicklein, das Bauernjungen mit der Flasche großziehen, liebgewinnen, wie einen Hund an einem Strick führen. Sie binden das Tier an einem Lattenzaun fest und vergessen es. „Die ganze lange Nacht stand es fest angebunden, erst wunderte, dann fürchtete es sich.“ Als den Bauernjungen um drei Uhr in der Früh das Zicklein wieder einfiel, war es tot.

Das Zicklein gab es wirklich, Dirk Pilz erinnert sich in einem anderen Text an es: „Es hatte sich den Strick um den Hals gewickelt und erdrosselt. Ein Unfall, Ziegen kennen den Freitod nicht. Wir standen um das tote Tier, sahen auf die blau geschwollene Zunge, die aufgerissenen Augen, und ich entsinne mich, dass alle schwiegen, weil alle mit ihren Tränen beschäftigt waren. Das Grab huben wir dort aus, wo die Ziege ihren Tod fand. Aus den Zaunlatten hämmerten wir ein Kreuz, stießen es in die Erde, wo es blieb, bis ich den Bauernhof Jahre später verließ, um mich anderen Dingen zu widmen.“

Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin

Geboren wurde Dirk Pilz 1972 in dem vogtländischen Örtchen Rodewisch, wo der Wernesbach in die Göltzsch mündet, aufgewachsen ist er auf dem Bauernhof der strenggläubigen Eltern, zwischen Hühnern, Schafen, Kühen, Pferden, Schweinen – und Ziegen. Er musste als Junge nach der Schule mit anfassen, lernte aber auch die Geige zu spielen, geübt hat er im Stall. Die „anderen Dinge“, denen er sich nach seinem Auszug widmete, waren sein Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie in Potsdam, Berlin und Kopenhagen (1993 bis 2000), seine Promotion zum Dr. phil 2005 und sein Berufsleben vor allem als Theater-, Sachbuch- und Literaturkritiker bei der Zitty, der Neuen Zürcher Zeitung, und phasenweise als Redakteur von Theater der Zeit, der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau.

2007 gründete Dirk Pilz mit seinen Kollegen Nikolaus Merck, Petra Kohse, Esther Slevogt und dem Künstler Konrad von Homeyer das Theaterkritik-Internetportal Nachtkritik.de, das anfangs von Printkollegen erst belächelt, dann angefeindet, schließlich mit Respekt hingenommen wurde und heute längst nicht mehr wegzudenken ist.

Seine Karriere als Journalismuslehrer begann er 2009 als Mentor der Theatertreffenzeitung, später beim Theatertreffen-Blog. Gleich beim ersten Jahrgang lernte er unter anderem seine Frau Anne Peter und Christian Rakow kennen, die sich heute die Nachtkritik-Chefredaktion teilen. Dirk Pilz lehrte an Universitäten in Leipzig, Berlin (FU) und an der Akademie für darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Seit 2015 war er Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin, wo er den Masterstudiengang Kulturjournalismus akademisch leitete.

Freundliche Zugewandtheit und unerschöpfliches Wissen

Dirk Pilz war als Vortragender und Moderator viel gebucht, er kuratierte im Auftrag der Kulturstiftung 2014 die Konferenz „Ihr aber glaubet. Über Religion und Wachstumsdenken“, seit 2016 saß er im Stiftungsrat des interreligiösen Projektes House of One am Petriplatz. Er hat sehr viel erreicht. Aber seine kostbaren Begabungen sind lange nicht ausgeschöpft. Als wir uns nach einer ersten niederschmetternden Diagnose trafen, der im Wechsel mit Hoffnungsnachrichten noch viele weitere folgen sollten, sagte er, dass er noch nicht fertig ist mit dem Leben. Nun musste er sich, umgeben von viel Liebe, fügen.

Mit Dirk Pilz ein Büro zu teilen, was mir für zwei kurze Jahre noch im alten Verlagsgebäude in der Karl-Liebknecht-Straße vergönnt war, war ein großes Glück. Wir nannten uns mit superlativer Ausschließlichkeit Das Berliner Theaterbüro, sahen uns mit Freude an verantwortungsvoller Position und statteten uns in der Fantasie mit allen angemessenen Luxuriositäten aus – samt Sauna und Shuttle-Service zu den abgelegensten Bibliotheken, Wandelgärten und Weinlokalen. Wir hatten den Raum rechts am Gangende Richtung Alexanderplatz, schauten aus dem 12. Stock nach Westen, die Volksbühne im Vordergrund. Der Kaffee lief, wir alberten rum, heckten Dinge aus, ärgerten uns über Vieles, schrieben, lasen und korrigierten einander, stritten viel zu selten.

Dirks freundliche Zugewandtheit war mindestens so unerschöpflich wie sein Wissen. Dirk machte mir Mut, indem er da und ansprechbar war. Oft half er mir aus der Patsche. Zum Beispiel, wenn ein Nachruf zu schreiben war. Es ist nicht zu fassen.

Texte von Dirk Pilz in dieser Zeitung finden Sie hier.