Thomas Schüttes Werkgruppe „Gartenzwerge“ von 2016 in der Ausstellung – bis zu fünf Besucher dürfen sich gleichzeitig in der Galerie Konrad Fischer aufhalten. 
Thomas Schütte/ VG Bildkunst Bonn 2020/Konrad Fischer Galerie
Foto: Nic Tenwiggenhorn

BerlinDie Leute auf dem Bürgersteig der Neuen Grünstraße bleiben wie angewurzelt stehen, gucken verwundert über den Zaun. Drinnen, auf dem kleinen Vorhof der Konrad Fischer Galerie, die seit vergangenem Jahr im historischen Vattenfall-Backsteinbau, einst ein Umformwerk, logiert und immer wieder mit markanten Künstlern der Moderne überrascht, waten zwei barbarische Riesen in altertümlicher Kleidung bis zu den Waden im Matsch.

Der eine trägt eine Fahne, deren Stiel versinkt im Modder. Der andere hat eine mittelalterliche Hörnermütze auf dem martialischen Schädel und in der rechten Faust irgendetwas, womit er wohl zuschlagen möchte. Aber er hat kein Gesicht, an der Stelle von Nase, Augen, Mund ist eher eine riesige Delle.

Thomas Schüttes Riesen aus patinierter Bronze im Hof der Galerie: „Mann mit Fahne“ und „Mann ohne Gesicht“, 2018.
Thomas Schütte/ VG Bildkunst Bonn 2020/Konrad Fischer Galerie
Foto: Nic Tenwiggenhorn

Die beiden seltsamen Kerle sind viereinhalb Meter hoch und aus grün patinierter Bronze. Der Düsseldorfer Bildhauer und Frankreich-Liebhaber Thomas Schütte formte sie vor zwei Jahren. Damals war die Gelbwesten-Bewegung in den französischen Großstädten auf ihrem aggressiven Höhepunkt, auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern zeichneten sich ähnliche Wutbürgerexzesse ab. Schütte sagt, er habe versucht, für die gesellschaftspolitische Krise, in der keiner mehr weiß, was links, rechts, oben, unten ist, einen humorigen Ausdruck zu finden. Das ist ihm sichtlich gelungen.

Wie es scheint, hat die Corona-Epidemie derzeit auch alle politische Erregung lahmgelegt. In Kreuzberg aber wollen Aktivisten zum 1. Mai dennoch – selbst wenn die Zeichen nicht gerade auf Revolution stehen - zumindest ein wenig Revolte spielen. So gesehen können wir Schüttes monströse Möchtegern-Revoluzzer als einen so ironischen wie nachdenklich stimmenden Kommentar lesen. Der 66-Jährige ist ein Künstler, der sich als Teil dieser realen Welt sieht und nie nur in seinem ästhetischen Elfenbeinturm sitzen könnte.

Ein Meister des Unergründlichen

Das belegt auch all das, was sich drinnen, in den Galerieräumen des einstigen Industriebaus, ausbreitet: die bisweilen wie zerlaufenden farbigen Frauen- und Männerköpfe aus Keramik, die surrealen „Geisterköpfe“, ebenso die steife, an Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ erinnernde Keramik-Gruppe „Gartenzwerge“. Und auch das silbrige, ein wenig aggressive „Engel“-Mobile an der Decke.

Ambivalenz zwischen Ernst und Heiterkeit steckt in der 6-teiligen Print-Edition mit Stillleben von Kartoffeln, Kirschen, Melonen, Bananen und Tomaten; hier erweist Schütte sich als grandios humoriger, spielerischer Zeichner. Bei alledem ist nicht zu übersehen: Wir haben es mit einem Meister des Unergründlichen zu tun.

Das alles ist keineswegs ausgedacht,  es kommt aus der Anschauung, bevor Abstrahierendes die Dinge ins Unerklärliche treibt. Zudem lässt dieser Künstler uns Betrachtern immer einen Zugang, so dass wir die verwirrenden Gebilde aus Ton, Metall oder auf Papier mit unseren eigenen Gefühlen und Assoziationen aufladen können.

Schütte formt keine Abbilder, er erfasst Typisches. Seine „Geister“, die großen, von denen auch einer am Eingang des Neuen Museums in Weimar steht, sich mit ironischer Geste verbeugend hin zu den Heroen der Weimarer Klassik, und ebenso die kleinen, in denen alle Formen und Gesichtszüge ineinander verlaufen und verbacken wie Kuchenteig, will Wirklichkeit spiegeln. Form und Material werden zu Zeichen, die in Verbindung mit anderen Zeichen stehen und den Zustand der Gesellschaft meinen.

Schweben jetzt in Berlin: Schüttes „Engel“ von 2010 aus Stahl und Silikon in der Galerie Konrad Fischer . 
Thomas Schütte/ VG Bildkunst Bonn 2020/Konrad Fischer Galerie
Foto: Nic Tenwiggenhorn

Schüttes Kritiker sagen, seine sarkastischen Gestalten hätten ein „Kränkungspotenzial“. Tatsächlich zeigt der Künstler, wie sehr er sich das Ausgewrungene, Ausgereizte, Verlebte in der Konsum- und Mediengesellschaft mit ihren Moden, Trends und Phrasen zum Thema nimmt. Dies in simpler, lapidarer Formensprache, die jedoch sehr wohl ausdrückt, wie entfremdet wir moderne Menschen inzwischen von uns selbst leben.

Das Groteske ist politisch

Seit er zur Documenta IX die Plastik „Die Fremden“, eine Emigrantengruppe, auf den Portikus des Roten Palais neben dem Kasseler Fridericianum gesetzt hat (heute steht ein Teil davon auf dem Dachfirst des benachbarten Kaufhauses), weiß die Kunstwelt, dass bei Thomas Schütte Bildhauerei und Zeichenkunst, aber auch politische und private Ansichten und Gefühle nicht zu trennen sind.

Schütte, einst Schüler des Malers Gerhard Richter an der Düsseldorfer Kunstakademie, hatte in den frühen Neunzigern, als im Westen noch weitestgehend das Diktat der Abstraktion herrschte und die realistische Kunst aus dem Osten des wiedervereinten Deutschland es so schwer hatte, die verpönte Figur zurückgeholt auf die zeitgenössische Bühne der Bildhauerei. Erst als Miniaturen, von ihm auch „Wichte“ genannt, mit der Zeit immer mehr vergrößert, aufgeblasen bis ins Riesenhaft-Groteske. Schüttes Figuren sind dabei oft Michelin-Männchen oder Astronauten nicht unähnlich.

Mitten im Zeitalter des Perfekt-Digitalen verraten das Homunkulus-Artige, die zerlaufenden Körperformen und menschenunmöglichen Stellungen auch Schüttes sinnliche Lust am Handgemachten. Am Matschen mit den Händen in Ton oder Gips.

Konrad Fischer Galerie, Neue Grünstraße 12. Vom 2. Mai bis 15. August, Di-Sa 11-18 Uhr. Einlass in die Galerieräume wegen der Corona-Abstandsregeln bis auf weiteres für jeweils fünf Besucher.

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