Katharina Hacker beherrscht die kurze, die lange und die Höflichkeitsform.
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BerlinVerzweiflung hat immer Zähne, schreibt Katharina Hacker, „Zähne, die Wunden reißen.“ Das Bild leuchtet ein, denn Verzweiflung tut weh. „Eine Zeit mag man glauben, wegen sich selber verzweifelt zu sein. Dann häufen sich die Nachrichten.“ An einem schlechten Tag gelesen, bietet dieser Text unter der Überschrift „Zähne“ eine Höhle zum Verkriechen. Die Autorin führt auch wieder hinaus. Sie braucht nicht lange dafür. Im neuen Buch von Katharina Hacker geht kaum ein Text über mehr als eine Seite.

„Darf ich dir das Sie anbieten?“, heißt das Buch, der Untertitel stellt ein eigenes Genre vor: „Minutenessays“. Viele sind so kurz, dass drumherum noch Platz bleibt. Im Vorspruch ermuntert die Autorin, ihn zu nutzen. Raum für Gedanken und Notizen also.

Die Autorin, die ja durchaus die große Form beherrscht, die im Jahr 2006 für „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis bekam, tippt hier sehr verschiedene Themen an. Jeder Text, ob man ihn Kurzessay oder Aphorismus oder Miniatur nennen mag, enthält Beobachtungen, die mit Reflexionen verknüpft sind. Die Sätze sind in großer Präzision formuliert.

Souveräne Schreibhaltung

Mit derselben Ernsthaftigkeit schreibt Katharina Hacker über das Zuhören („Indem ich zuhöre, übergebe ich mich anderen Minuten…“) oder über das Sterben („Gute Tote geben mit ihrem Tod Wege frei.“), sogar über Kuscheltiere („In ihrer Gestalt nehmen sie Anteil an der Welt der Lebendigen.“). Sie fasst in Worte, wie sich die Beziehung zu einem früher geliebten Menschen verändert, wie Erfahrung nicht nur stärkt, sondern auch schwächt.

Ihre Schreibhaltung ist souverän, wenn sie das Sie dem Du vorzieht, ist mit Ironie gewürzt, wenn sie Großsprecher erlebt: „Wie lustig, möchte man sagen. Eine Meinung, schon wieder eine!“ Dass die Autorin Töchter hat, taucht mehrmals auf, dass sie Hunde mag ebenfalls, auch das Älterwerden beschäftigt sie. Die Texte knüpfen nicht aneinander an.

Für Leser mit wenig Zeit

Dieses Buch heißt die Leserin willkommen, die wenig Zeit hat, sich in eine Handlung vertiefen. Es bietet sich dem Leser an, der für einen Roman keine Ruhe findet. Es gibt Anstöße. Die ausführlichen Essays entwickeln sich im Kopf des Gegenübers – vielleicht unterwegs, auf dem Fahrrad oder in der U-Bahn.

Diese Macht, Gedanken zu lenken, hat Hacker aber nicht einfach, weil so viele interessante Themen in ihrem Buch stecken. Sondern weil sie diese in einer Sprache darlegt, der sie alle Umständlichkeiten abgeschliffen hat. Das kann sogar tröstlich sein wie im Miniessay „Zähne“ von oben: „Manchmal hält, wegen eines einzigen Wortes, wegen eines Satzes, das Unglück den Atem an und muss schweigen, während wir lachen.“