Wie überlebe ich als Künstler? fragt ein Buchtitel, und der erste Reflex einer Antwort ist: Gar nicht. Lass die Finger davon. Lern was Anständiges, damit du eines Tages ein normales Leben führen und womöglich eine Familie gründen kannst. Lass dir nicht einreden, dass das spießig und kunstfeindlich ist. Keine Branche hat ein solches Überangebot an Personal wie die Kunst, klagt über so miese Bezahlung, verzichtet so umfassend auf soziale Standards. Man kann auch einfach arbeiten, Kunst konsumieren oder Hausmusik machen, statt lebenslang nach künstlerischer Selbstverwirklichung zu trachten.

Für alle, die nicht hören wollen, hat die Kulturmanagerin Ina Roß dieses Buch geschrieben. Für die, bei denen die Frage des Ob schon geklärt ist, die also ein entsprechendes Übermaß an Besessenheit und Leidensfähigkeit mitbringen, bei denen es nur noch um das Wie geht. Doch gerade ihnen sei’s getrommelt und gepfiffen, dass sie das Künstlerdasein als das betrachten mögen, was es ist: als Beruf. Das ist kein Widerspruch in sich, mahnt die Autorin. Und kein Grund, sich von Adorno irritieren zu lassen, der verkäufliche Kunst grundsätzlich der Korruptheit verdächtigte. Vielmehr solle sich der Künstler gefälligst darum kümmern, wie er sich und seine Kunst öffentlich darstellt.

Selbstmarketing des Künstlers

Der Begriff Selbstmarketing wird hier griffig belebt. Es geht darum, wie man sich bekannt macht als Künstler, wie man sich finanziert und organisiert. Alles Dinge, die nur in sehr besonderen Ausnahmefällen von selbst passieren, wie bei der wundersamen Karriere der ukrainischen Pianistin Valentina Lisitsa. Sie hatte eines Tages 50 Millionen Klicks im Netz, da geht der Rest schon mal von allein. In den allermeisten Fällen aber wollen Ruhm und alle seine Vorstufen kleinteilig organisiert sein. Das kann man lernen, sagt Ina Roß, die zunächst auch ihre Dozenten-Kollegen an der Schauspielhochschule „Ernst Busch“ davon überzeugen musste. Die wollten ihre Studenten lieber fern halten von der Realität des Marktes, warnten vor übermäßiger Zweckorientierung. Nein, sagt Ina Roß, man braucht das Handwerkszeug, um sich den ökonomischen Anforderungen des Berufs zu stellen.

Alles wird angesprochen, der Kampf um Aufmerksamkeit (lieber Guerilla-Marketing als Hochglanzposter), die Planung von Projekten (sogar Balkendiagramme sollen helfen), das Auftreiben von Geld (die Töpfe muss man kennen). Das Buch ist launig, knapp, unverdröhnt, konkret, praktisch und vor allem ermutigend. Es kommt ohne Allgemeinplätze aus.

Mein Lieblingsabschnitt heißt: „Wie ihr in die Zeitung kommt“, ach, möge es jeder Künstler beherzigen. Es erleichtert die Arbeit des Redakteurs ungemein, wenn nicht in der Hauptproduktionszeit um halb vier zwitschernde telefonische Nachfragen kommen, ob die Mail vom Vortag auch wirklich eingegangen ist. Überdies erzählen einige Redakteure, wie sie sich Themen und Termine von Künstlern aufbereitet wünschen und was ganz bestimmt hinderlich ist.

Man erfährt: Nicht nur der Theaterredakteur einer regionalen Zeitung reagiert zerknautscht, wenn der Anrufer seinen Namen nicht kennt. Er steht schließlich in der Zeitung, von der der Künstler was will. Aber wer denkt denn, dass solche Aufforderungen sogar den großen Stadelmeier von der FAZ treffen? Nein, er wird bestimmt nicht seinen Namen buchstabieren. Und auf Anreden wie „Hallo Gerhard“ reagiert er schon gar nicht.

Welche Fallen Künstler sonst noch meiden können, steht alles in dem hilfreichen Buch.