Berlin - So ist es recht: Wenn man schon so ein Statement von einem Album eingespielt hat, kann man dem Volk das Ding auch gleich so richtig überbraten. Man: Das ist in diesem Fall Justin Vernon, der gerade mit „22, A Million“, seinem dritten Werk unter dem Namen Bon Iver, das entscheidende Indiealbum dieses Jahres eingespielt hat.

Am Mittwoch stehen wir im Innenhof des Hotel Michelberger, in dessen Mitte Vernon mit drei Musikern das Album vor einer Schar geladener Gäste vorstellt; und das Stück, das uns jetzt auf die Köpfe ratscht, heißt „10 dEAThbREasT“. Im Hof dämmert die blaue Stunde, an Drähten hängen Lampions und komische, große Papierpuschel. Das Stück ist das wildeste und lauteste des Albums.

Elektro-Chor zur blauen Stunde

Ansatzlos saust es hernieder. Es schiebt mit kränklichem Schaben und Rasseln eine wuchtige HipHop-Walze vor sich her, hat unten herum einen fransigen, bösen Bass mulmen, und oben herum singt der schönste, zerlaufenste, irrste Autotune-Elektrochor der Welt. Vernon krümmt sich tänzelnd und zuckt lustvoll, während die Elektronik schlimme Dinge mit seinem Marken-Falsett anstellt.

Von fern mutet die Nummer bluesig an, dabei metallisch abstrakt und geräuschig – aber sie schillert derart poppig, dass man gar nicht aufhören kann mitzusummen und zu wackeln, während die Papierzottel in der Abendbrise fröhlich mitrascheln.

Zauber von Lächerlichkeit

Großen Momenten im Pop wohnt ja nicht selten ein Zauber von Lächerlichkeit inne. Justin Vernon war schon auf seinen bisherigen beiden Alben ein feiner und über das engere Folkrock-Genre hinaus experimentierfreudiger Künstler. Doch jetzt hat der 35-Jährige eine Pforte aufgestoßen, die direkt ins Meisterland über allen Gipfeln führt, wo andererseits eine nicht nur gesunde Ruhe herrscht.

Schon die Schriften, Zahlen und Zeichen der Liedertitel wirken bedenklich – tatsächlich resultiert das Album aus einer Phase von größter Unsicherheit und Selbstfindungsmanövern nach dem großen Erfolg seines zweiten Albums „Bon Iver“ aus dem Jahr 2011. Diese Unsicherheit führte auch dazu, dass Vernon nun zwar mit den medialen und öffentlichen Folgen des Ruhmes hadert, aber andererseits die nunmehr reduzierte Zahl von Fotos und Interviews erst recht inszeniert.

"Bescheidenheit ist ein problematisches Konzept"

Aus Betriebsskepsis gibt er kleine Geheimkonzerte wie im Michelberger oder stellt, kryptisch angekündigt, Ghettoblaster mit Vorabmusik an Straßenecken. Am kommenden Wochenende organisiert er mit einer Riege verwandter Geister ein 80-Künstler-Festival, dessen Gestalt noch unbekannt ist (Tickets kosten indes 80 Euro).

Wo Popkünstler wiederum überschnappen, ist Kanye West nicht weit, der übergeschnappteste von allen: Bei ihm habe er gelernt, erklärte Vernon gerade der New York Times, dass Bescheidenheit ein problematisches, selbsterniedrigendes Konzept sei. West hatte Vernon schon früh, 2009, als Gast auf sein Album „My Dark Beautiful Twisted Fantasy“ eingeladen.

Das war insofern ungewöhnlich, als Bon Ivers zwei Jahre zuvor in einer Waldhütte Wisconsins aufgenommenes Debüt „For Emma, Forever Ago“ ein zärtliches, ja intimes Folk-Album war, das mit dem erweiterten HipHop Wests nicht viel gemein hatte. Schon dort hatte Vernon indes die Stimme als Falsett und in Layern manipuliert; die Aufmerksamkeit Wests hatte er vor allem durch den ausgiebigen Gebrauch des Autotune-Programms erregt.

Vernon vertiefte dies auf „Bon Iver“ noch und arbeitete zudem mit weitläufigen Instrumentalarrangements. Er experimentierte in den Bands Volcano Choir und Gayngs mit synthetischen Mitteln, aber vor allem konzertierte er mit Kanye West und unterstützte ihn schließlich auch auf „Yeezus“, seiner spektakulär unzugänglichen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 2013.

Ein Pelz aus Elektropop

Schönerweise hat Vernon von West nicht nur Selbstbewusstsein abbekommen, sondern auch den entscheidenden Funken wilder Inspiration. Es scheint mitunter fast, als ob „22, A Million“ Wests vorsätzliche Sperrigkeit zum Happy End führe. Wie man auch live schön sehen konnte, spielen herkömmliche Instrumente durchaus ihre Rolle; nur wurden sie bis zum schweren Saxofon eben auch durch die Elektronik geschliffen.

Es wimmeln eine Unzahl von Synthies, Störgeräuschen, Klangschweife und Samples in den Tracks, die dennoch nie überladen wirken, dafür ständig die Gestalt wechseln. So legt sich etwa über zärtlich und gitarrenfundiert folkige Strecken ein elektropoppiger Pelz oder wächst aus einer unscheinbaren Indiestrecke ein Gospelsoul.

Große Emotion trotz Synthesizer

Der entscheidende Sound ist dabei die Stimme, die radikal durch den optimierten, Messina genannten Synthesizer gejagt wird, gezwirbelt und verdreht, grotesk überhöht. Entsprechend anrührend klingt sie, wenn sie mal kurz humanbiologisch klingt. In „715 Creeks“ wiederum tritt sie a capella auf, aber so schimmernd aufgepumpt, dass sie mehr nach Orchester als Chor klingt – ein unglaublich erhebender Ton.

Vor allem aber ist das ein Ton, der auch live so deutlich aus Vernons Körper kommt wie ein Gitarrenton von den Fingern des Musikers. Unfassbar und großartig und schön, wie dieser Künstler den wärmsten und menschlichsten Ausdruck im Quäken des Computers findet.