Vieles steckt in diesem Buch: Die Erinnerung an eine Familie, in der Kinder der hemmungslosen Gewalt des Vaters ausgesetzt waren, eines Agenten der Stasi. Die Frage, wie Verdrängung und Verleugnung eine Gesellschaft prägen, die zwei Diktaturen erlebte. Die Suche nach einer Erklärung für Rechtsextremismus und rassistische Gewalt.

In „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ spürt die Schriftstellerin Ines Geipel vor allem ihrer eigenen Generation nach, die den Fall der Mauer zum angeblich besten biografischen Zeitpunkt erlebt hat – mit etwa 30 Jahren. Ines Geipel empfängt uns in ihrer Berliner Wohnung, einem hellen, freundlichen Refugium voller Bücher und Bilder.

Frau Geipel, vor knapp fünf Jahren saßen wir schon einmal hier, um über Ihr Buch „Generation Mauer“ zu sprechen. Seit 2015 hat sich die politische Landschaft stark verändert. Darauf reagieren Sie mit Ihrem jüngsten Buch „Umkämpfte Zone“. Was diagnostizieren Sie?

Mit dem Flüchtlingssommer 2015 ist etwas aufgebrochen, was unterschwellig schon länger da war, aber bis dahin noch kein Gesicht hatte. Es lag eher wie Mehltau über dem Osten. Das Buch sucht nach meinem Bruder, der im vergangenen Jahr sehr plötzlich gestorben ist. Das bleibt ein Schmerz. Es fragt aber auch noch einmal nach der Lebenshaut des Ostens. Was steckt unter der Haut, und was wird auf sie draufgepappt? Da spielen historische Um- und Überschreibungen eine Rolle, Tabubereiche, Kontinuitäten, Projektionen. Und die Frage, was mit 2015 derart aus dem Lot geraten ist, dass es das ganze Land in Unruhe versetzt hat. Ich brauchte ja selbst eine Erklärung dafür.

In einer Rezension wurden Sie unlängst als „Entschweigerin“ bezeichnet. Warum wird im Osten über so vieles geschwiegen?

Weil er mit einer Erfahrungswucht klarkommen muss, die kaum zu bewältigen ist. Das haben wir doch alle unterschätzt: was mehr als 50 Jahre Diktaturerfahrung bedeuten, was diese Doppeldiktatur bedeutet. Das hat eine Dimension, die wir 1989 noch nicht so im Blick hatten. Weil sie ja nicht nur Menschen traumatisiert, sondern auch ihre Kultur. Vertreibungen, Flucht, Zuchthäuser, Mauertote. Es ist sehr viel Gewalt in dieser Geschichte, eben auch strukturelle Gewalt. Natürlich gibt es unterschiedliche Ausprägungen, wie sich Familien in solchen Zeiten verhalten, oppositionell oder indem sie sich angepasst haben. Aber der Druck galt für alle.

Sind denn die gewaltigen Verwerfungen nach 1989 für den heutigen Zustand des Ostens weniger ausschlaggebend?

Wir haben in letzter Zeit sehr viel über die Demütigungen nach 1989 gesprochen. Dabei sind die Demütigungen vor 1989 ziemlich aus dem Blick gerutscht. Wenn sich eine Gesellschaft nicht über Geld definiert hat, weil mit ihm kaum was anzufangen war, dann hat sie per se ein anderes Selbstverständnis. Von daher ging es mir mit dem Buch eher ums Immaterielle: um die ostdeutsche Erinnerungskultur, um die Leerstellen in der Geschichte und das über eine lange Zeitschiene, wenigstens ab 1933.

Sie widersprechen in Ihrem Buch jenen Stimmen, die behaupten, Rechtsextremismus und rassistische Gewalt habe mit den Demütigungen der Ostdeutschen nach 1989 zu tun. Sie sagen dagegen, man müsse vor allem in die Familien schauen. Nicht jeder ist dazu in der Lage.

Ja, das ist unglaublich schwer, vielleicht das Schwerste überhaupt. Zumal in einer Zeit riskanter Anpassungen, wo die neue Rechte im Osten zum Mainstream geworden ist. Gegen dieses neu aufgelegte Spaltungssyndrom wollte ich eine andere Erzählung setzen, weil Entlastungsstrategien am Ende eben doch nichts anderes als Populismus sind, egal, ob von links oder rechts. Vielleicht sind wir ja in einem Jahr, wo der Osten noch einmal neu erzählt werden kann. Dabei ist ganz egal, ob Stasi oder nicht: In jeder Familie – und das hat mit der Erfahrungswucht des Ostens zu tun – gibt es etwas, sei es, dass ein Onkel im Zuchthaus gesessen hat, oder ein Bruder bei der Polizei war – und darunter liegt dann noch jener andere Teil Diktaturgeschichte, der Nationalsozialismus. Diktatur also im Doppelpack. Das war mit 1989 eine echte Überforderung und konnten die Familien nicht klarkriegen. Schon, weil es im Osten keine Archive dafür gab. Dazu die verordnete Geschichtspolitik der Partei. Das war nicht Schweigen, das waren Schweigesysteme.

Man hätte die Großeltern oder Eltern fragen können.

Jedem war klar, dass fragen nicht einfach bedeutete, eben mal keine Antworten zu bekommen, sondern dass das auch gefährlich werden konnte. Diktaturen sind das reinste Frageabbautraining. Sie machen die Mehrheit inaktiv. Ich habe mich in dem Buch noch einmal ausführlich mit dem Buchenwald-Mythos beschäftigt, der großen Entlastungserzählung des Ostens, die noch immer erstaunlich wirksam ist. Denn mit ihr bleiben wir im Gläubigermodus. Wenn wir allerdings im Osten alle Antifaschisten sind, sind es die 20 bis 25 Prozent AfD auch. Und dann haben wir ein Erklärungsproblem.

Sie erinnern an die Verbrechen innerhalb des Verbrechens, begangen von in Buchenwald inhaftierten deutschen Kommunisten, die später in der DDR Kader wurden.

Wenigstens die Sache mit dem Antifaschismus haben wir doch gut hingekriegt, höre ich noch oft. Aber dann kam mit 1989 der Westen und hat uns auch den noch weggenommen. Sicherlich, Buchenwald ist ein großer und komplexer Stoff. Er verträgt keine Kürzungen. Aber ein bisschen mehr an Realität, als wir in Sachen Buchenwald bislang zugelassen haben, könnten wir nach 30 Jahren schon hinkriegen. Die Forschung hält jedenfalls alles Notwendige parat dafür.

Schon aus Ihren früheren Büchern kennen wir Teile Ihrer Familiengeschichte. Vater und Mutter als Kriegskinder aus Nazi-Familien, Ihr Vater, der Terroragent der Stasi wurde. Nun könnte man einwenden, das sei eben eine extreme Familie. Warum ist sie dennoch so exemplarisch?

Sicher kommt da bisschen viel zusammen, aber die Zuspitzung, das Extrem macht letztlich doch auch das System kenntlich. Es kann sich ja jeder selbst zusammensetzen, dass es keine Luft gab zwischen Nationalsozialismus und DDR und sich also die Hitler-Zeit und die DDR-Gesellschaft zwangsläufig verschränkt haben. Diese Doppelung im eigenen Leben zusammenzukriegen, ist nur eben schwer. Da geht es am Ende um die Fragen, wo der Großvater im Krieg war, was der Onkel zu DDR-Zeiten gemacht oder wo die Mutter weggeguckt hat. Also um Denkverbote, Fühlverbote, Distanzverbote. Wir haben keine Analyseinstrumente für diese Doppelung, die am Ende ja oft Synapsen sind. Die Abwesenheit von Sigmund Freud in der DDR und damit die Abwesenheit des Unbewussten liegt da zusätzlich drunter. Noch immer heißt es in den Familien oft: Also, wenn du zur Therapie musst, bist du krank. Dass eine Therapie auch ein eigener Raum sein kann und die Möglichkeit, was zu verändern, bleibt dabei außen vor.

Wie soll man sich verändern, wenn man buchstäblich abgekoppelt ist – etwa in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands ohne Internet-Empfang, ohne die Möglichkeit, Arbeit zu finden?

Die ländlichen Gebiete mit ihren starken Verwerfungen nach 1945 sind ein Thema für sich. Dabei ist klar: Die Anbindung an die Welt muss gewährleistet sein. Darin steckt aber auch das Abkoppeln von den gedanklichen Umbrüchen, die nach 89 stattgefunden haben. Wie soll es denn gehen? Ein neuer Zustand entsteht doch immer nur, indem das Andere dazukommt. Diese jetzt spürbare Härte, Aggressivität, das Degradieren des anderen, die einem im Osten begegnen können, dieses Dichtmachen, das Unversöhnliche – das ist doch vor allem Gewalt gegen sich, einfach viel Selbstdestruktion. Sich selbst zumuten, dass sich nichts verändern darf. Hat man da nicht sein Herz verschlossen? Da spielt das Gefängnis der Kindheit eine große Rolle.

Sie haben einmal von den „starken inneren Mauern“ gesprochen, die viele Ihrer Generation davon abhielten, sich Veränderungen zu stellen.

Die Generation Mauer, also diejenigen, die heute zwischen 50 und 60 sind, wuchsen noch mit einem klaren Feindbild auf, mit Gut und Böse, Freund und Feind. Während des Studiums mussten wir ins Zivilverteidigungslager und hatten die Stiefel vor den Betten so auszurichten, dass wir bei Nachtalarm sofort gen Westen laufen konnten, Richtung Feind. Wo sich der befand, war immer klar – und dabei spielt der Buchenwald-Mythos eben eine große Rolle: Wir sind die Guten, wir bauen das bessere Deutschland auf, der Feind hockt draußen, drüben halt. Das ist noch immer nicht aufgebraucht.

Auch den Mythos der emanzipierten Ost-Frau nehmen Sie sich vor. „Denn mehr Patriarchat als im Osten war faktisch nicht drin“, schreiben Sie.

Das politische System war zu 99 Prozent männlich. Es gab Margot Honecker, es gab Inge Lange, und welche Frau an der Spitze bitte noch? Wir finden das ja klasse: diese universal mother, die Ostfrau als Leuchtstern, als Supermodell der Emanzipation. Aber was ist mit unseren starken Müttern und ihren elenden Verantwortungslosigkeiten, die die Gewalt der Männer nicht stoppten, sondern sie oft genug geschehen ließen, die sie wegguckten und ein Leben lang ausschwiegen? Natürlich bedeutet das was, wenn eine Frau gut ausgebildet ist und ihren Beruf hat. Aber wie viel politische Verantwortung haben die Ostfrauen tatsächlich übernommen? Was hat ihnen die Diktatur überhaupt zugestanden? Reicht es uns aus, die endlos Werktätige zu sein oder hat Emanzipation nicht noch ein paar andere Kategorien?

Der Sommer 2015 hat Ihren Bekanntenkreis gespalten. Ein Mann, den Sie nur beim Vornamen nennen, ist heute aktiv in der AfD. Die Autorin Jana Hensel sprach im Zusammenhang mit der AfD in einem Interview in dieser Zeitung von einer „gigantischen Emanzipationsbewegung von rechts“. Zudem sagte sie in einem Gespräch im Deutschlandfunk: „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Osten ist (sic) immer Träger von Systemkritik.“ Werden da Begriffe wie Emanzipation und Kritik umdefiniert?

Die Mythologisierung der Rechten kann nicht der Weg sein. Das ist nicht Emanzipation, sondern da ist ganz klar der Systembruch gewollt. Und das ist dann kein Sprachspiel mehr, sondern der Versuch der Rechten, das Land auszuhebeln und, vor allem, möglichst viel Angst zu verbreiten. Wenn Studien im letzten Herbst sagen – fast jeder zweite Ostdeutsche ist fremdenfeindlich, fast jeder zweite will keine Einwanderung von Muslimen, und die Gewalt ist dreifach höher als im Westen – dann haben wir unabweisbar ein Problem, auch wenn wir hektisch die Zahlen hoch- und runterrechnen. Die kleine Gruppe Radikalisierter ist etwas für den Verfassungsschutz, aber die große Korona, die dabei Beifall klatscht und sich mühelos auf die rechte Straße schieben lässt, das ist nicht hinzunehmen. Wie wollen Ost und West denn miteinander in politische Verantwortung kommen, wenn wir das abnicken?

Was schlagen Sie vor?

Einen Zehn-Punkte-Plan wird es dafür nicht geben. Einfache Antworten auch nicht. Der Osten hat für sich herausgefunden, dass er politisch ernst genommen wird, wenn er möglichst zu allem Nein sagt und die AfD hochbläst. Er ist dabei, sein 89er Glückskapital zu verspielen. Die Ostdeutschen habe eine friedliche Revolution geschafft. Sie haben Deutschland die Einheit gebracht. Wer kann das in seinem kleinen Leben schon von sich sagen? Heißt das Nein heute, wir nehmen das alles wieder zurück? Wo wollen wir damit enden?

Getragen wird die rechte Bewegung im Osten vor allem von Männern Ihrer Generation und den etwa zehn Jahre jüngeren. Warum ist das so?

Die Jungs meiner Generation, die im Osten die AfD-Kernwähler bilden, sind noch immer mit dem etwas barocken Habitus des starken Mannes unterwegs: Draufhalten, keine Widerrede. Dabei machen sie ja nichts anderes, als ständig den kleinen Jungen in sich totzuschlagen. Aber der ist da. Sein Schmerz ist da. Es kommt mir so vor, als ob unsere inneren Schauplätze soeben mühelos neu beatmet würden. Es ist doch merkwürdig, dass sich diese letztgeborene Generation, die noch einen emotionalen Bezug zum alten Jahrhundert hat, im Hinblick auf Radikalisierung und Destruktion derart aufladen lässt. Ein Schlüssel dafür ist in meinen Augen die Gewalterfahrung, die in dieser Generation liegt, all das Autoritäre, auch Zersetzende, das zersetzend nachwirkt. Nun gibt es die AfD und ihre Strategie der politischen Kuhwärme. Das ist das neue Kollektiv. Aber gerade, weil es dieses Jahr politisch um so viel geht, braucht der Osten endlich die öffentliche Anerkennung seiner langen Schmerzgeschichte, er braucht Differenzierung, und die Erfahrungen des Ostens sollten viel stärker nach draußen, in den politischen Raum, in die Bildung, vor allem aber an den Familientisch.

In kaum einem Buch von Ihnen finden sich so viele Fragezeichen wie in „Umkämpfte Zone“. Immer wieder halten Sie Zwiesprache mit sich selbst, fragen sich, wonach Sie suchen und weshalb. Es ist die Haltung des Zweifels.

Je länger man über einen Raum, eine Zeit, eine Gesellschaft nachdenkt, umso mehr Aspekte kommen dazu. Dinge werden konturierter, Überflüssiges fällt weg, der eigene Blick bekommt zwangsläufig mehr Etagen. Der Osten ist grad nervös, vielleicht ist er am Kippen. Aber ich begegne auch vielen, die fragen, die zweifeln, die suchen. Wie will man denn rauskommen?