Fritz Kornter wollte, dass Sie seine Prinzessin Eboli würde in der Spielzeit 1949/50 in seiner Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ am Hebbel-Theater. Die Kreuzberger Bühne war eine der wenigen, die in den Westsektoren nach dem Krieg überhaupt noch stand. Und Boleslaw Barlog, bei dem sie damals im Westberliner Schlosspark-Theater probierte, sagte: „Pass mal off, Kleene, ick find den ja ooch prima, aber lassn loofen. Lassn loofen, in zwei Jahren biste in Hollywood.“ „Der“, das war der kommunistische Journalist Karl-Eduard von Schnitzler, mit dem Inge Keller frisch verliebt im Berliner Westend lebte. Aber man schrieb das Jahr 1950, und die immer eisigeren Stürme des Kalten Krieges trieben das Paar nach Ost-Berlin. Hollywood hatte da keine Chance. Und Kornter musste sich eine andere Eboli suchen.

Höhere Tochter am hohen Haus

So kam Inge Keller, Unternehmerstocher des Jahrgangs 1923 aus Berlin-Friedenau, 1950 ans Deutsche Theater: höhere Tochter ans hohe Haus sozusagen, Nabel der Theaterwelt. Der Intendant hieß damals Wolfgang Langhoff, legendärer Antifaschist und berühmter Künstler, der sich dem Projekt verschrieben hatte, die klassische deutsche Literatur von den Spuren ihres Missbrauchs durch die Nazis zu reinigen und für eine neue Zeit neu zu lesen. „In der Bürgerwelt, der ich entwuchs, hatte ich nicht gelernt, mich einzumischen“, sagte Inge Keller Jahrzehnte später in einem Interview. „Goethe und Schiller standen hinter Glas, nie sah ich, dass die Bücher einmal aufgeschlagen wurden. Seit ich das hinter mir ließ, ließ ich den blinden Glauben hinter mir.“

Bei Langhoff spielte die Keller erst einmal Klassenfeindinnen: etwa die dekadent-laszive Journalistin Annabell Stimpson in seiner Inszenierung von Ernst Fischers reißerisch-demagogischem Schauprozess-Thriller „Der große Verrat“. Aber die Eboli spielte sie bald auch: 1952, inszeniert von Wolfgang Langhoffs. So avancierte sie bald zu einer der großen Protagonistinnen des Deutschen Theaters: als Eliza in Rudolf Noeltes Inszenierung von Shaws „Pygmalion“, als Emilia in Wolfgang Heinz’ berühmter „Othello“-Inszenierung von 1953, mit Ernst Busch als Jago. Und als Mascha, die jüngste von Tschechows „Drei Schwestern“ in Heinz Hilperts berühmter Inszenierung von 1958. Die Rolle ihres Lebens wurde 1963 Iphigenie auf Tauris, die sie in Wolfgang Langhoffs letzter Regiearbeit spielte, und in der sie mit ihrer kühlen Intensität, der nüchternen Hitze ihres Spiels Theatergeschichte schrieb. Bis heute heißt das Haus, das sie seit 1961 in Berlin-Niederschönhausen bewohnt, „Tauris“.

Unvergesslich auch ihre Darstellung der Frau Alving in Thomas Langhoffs Gespenster-Inszenierung von 1983 – mit Ulrich Mühe als ihr dämonisch-infantiler Sohn Owald: herrisch, zerbrechlich, voller mühsam gebändigter Leidenschaft, an der ihre Figur manchmal zu ersticken schien. Eine weitere Glanzrolle ihrer Laufbahn ist 1981 die Danton-Geliebte Julie in Alexander Langs bedeutender Büchner-Inszenierung „Dantons Tod“ – ältere Frau eines jüngeren Mannes und leibhaftige Verkörperung des Todes als Maske der Revolution.

Archaische Ausdruckskraft

Die kühle Grandezza ihrer früheren Jahre wich, je älter Inge Keller wurde, einer fast archaischen Ausdruckskraft, was sie nach 1990 für die geschichts-fatalistischen Tablaus von Einar Schleef und Robert Wilson zur Idealbesetzung machte. Noch Michael Thalheimer besetzte die Keller 2005 als Ewigkeitsfigur in seinem „Faust“.

Um eine Bühne zu füllen, braucht es nicht vielmehr als eine Schauspielerin von ihrem Format. Auch wenn sie einfach nur da sitzt, was Inge Keller, die auch im hohen Alter beeindruckend eitel ist, noch immer mit Genuss in Szene zu setzen versteht, zuletzt als „Tilla“ im Deutschen Theater, Christoph Heins Hommage an gleich zwei deutsche Theaterlegenden: an Tilla Durieux und eben Inge Keller.

Hier ist er noch zu bestaunen, der selbstbewusste Minimalismus dieser Schauspielerin, die es versteht, selbst Pausen und einzelne Vokale zu magischen Räumen zu weiten. O-Ton Keller dazu: „Für einen Schauspieler ist die Sprache eine Droge. Sie überkommt einen, und man kann sich nicht wehren gegen sie. Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunktes, das Atemholen eines Gedankenstrichs, das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen.“

Inge Keller erlebte vier politische Systeme, sie ist Mitglied der Akademie der Künste, Ehrenmitglied des Deutschen Theaters Berlin, Trägerin des DDR-Nationalpreises I. und II. Klasse für Kunst und Literatur und des Verdienstordens des Landes Berlin. Zuletzt erhielt sie für ihr Lebenswerk den Deutschen Theaterpreis der Faust. Am Sonntag wird sie zwar erst neunzig Jahre alt. Doch eine Jahrhundertschauspielerin ist sie schon jetzt.