Mit einer ebenso gewitzt wie elegant die Jahrtausende durchsausenden Sommergeschichte ist Olga Martynova die logische Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2012: Ein abgeklärter und auch ausgebuffter Text, dem im Laufe des Wettbewerbs zudem kaum ein ernsthafter Konkurrent erwuchs. Nach Maja Haderlap ist die Autorin aus Frankfurt am Main die zweite 50-Jährige in Folge, die die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung erhält. Rechnet man Peter Wawerzinek, den Preisträger von 2010 noch dazu, sind das keine Jahre für junge Hüpfer. Die Souveränität von Martynovas Geschichte „Ich werde sagen: ,Hi!‘“ gefiel den Juroren, der „anarchische Witz“ (Daniela Strigl), die „vom Pathos befreite Sprache“ (Corina Caduff) und der „innere Zusammenhalt“, während die Geschichte durch die Zeiten mäandere (Hubert Winkels). Die Namen Bohumil Hrabal und Daniil Charms fielen.

In Olga Martynovas Erzählung ist der junge Moritz zu Sommerferienbeginn bei Onkel und Tante mit seiner künftigen Dichterlaufbahn und der Liebe zu dunkelhaarigen Mädchen beschäftigt, die in der nahen Eisdiele tätig sind, aber auch in seiner Fantasie Form annehmen. So geht es zurück bis zu jener Pharaonentochter, deren Mumie von Bewohnern des Städtchens im 19. Jahrhundert angeschafft, im Zweiten Weltkrieg aber zerstört wurde. In Moritz’ Kopf und in Martynovas Text ist Platz für die große und winzige Welt. Onkels Klage über die „Balkanisierung“ der Balkone führt in eine grandiose Moritzsche Einschlaf-Fantasie über all die Ausländer, die all die Dinge aus den Fenstern hängen – bis hin zum Ägypter, der selbstgemalte alte Papyrusstreifen zum Trocknen auslegt, um sie am nächsten Tag auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Nachts aber fahren die kleinen Kähne fort in die „taufeuchte Luft“. Der Ägypter schimpft „auf die deutschen Farbenhersteller“. Das ist zauberhaft. In seiner Laudatio würdigte Paul Jandl die „Geburt eines Dichters“ in jener größten aller Provinzen, „der des literarischen Einfalls“.

Demnächst erscheint Olga Martynovas neuer Lyrikband „Tschwirik und Tschwirka“ (Droschl). Die in Sibirien geborene, seit 1991 in Deutschland lebende Schriftstellerin schreibt ihre Gedichte weiterhin auf Russisch. Was sie mit der auf Slowenisch dichtenden Kärntnerin und Vorjahressiegerin Haderlap teilt.

Martynova ist eine herzerfrischende Gewinnerin in einem mäßig wagemutigen Wettbewerb. So viel Kindheit, Pubertät, Abschied von der Kindheit, Erinnerung an die Kindheit, Erinnerung an den Abschied von der Kindheit und Familienleben war lange nicht in Klagenfurt. Elf der von den sieben Juroren vorausgewählten vierzehn Wettbewerbsbeiträge drehten sich darum. Die große Rückbesinnung auf die persönliche Vergangenheit (und damit in unseren Breitengraden auf das brüchige oder idyllische Idyll) mag im europäischen Vielleicht-Schicksalsjahr 2012 ein Krisensymptom eigener Art sein. Es ist aber ein flaues, vor allem wenn sich einige Autoren dessen kaum bewusst zu sein scheinen. Meike Feßmann sagte einmal treffend: Es sei, als würde das Rad wieder neu erfunden. Anders als etwa bei den Nominierten für den Deutschen Buchpreis im Herbst 2011, wo es westdeutscher- wie ostdeutscherseits tief in die 1980er-Jahre zurückging, blieb es in Klagenfurt bisweilen privat bis possierlich.

Eine praktische Folge des Kindheitsthemas war, dass es in den Texten von Tieren nur so wimmelte: symbolisch teils stark belastete Hunde zumal, darunter aber auch die angenehm hundhaften Beagle im schwungvollen Beitrag der 25 Jahre alten Österreicherin Cornelia Travnicek, die die mit 7 000 Euro und einem Stadtschreiber-Stipendium verbundene Publikumsabstimmung für sich entschied. Frösche gehören zur vor allem fulminant einsetzenden Erzählung „Unternehmer“ von Matthias Nawrat, 1979 in Polen geboren, heute in Bamberg lebend. Der „süß-schmerzhafte Text über eine sehr, sehr merkwürdige Familie“ (Strigl) führt in eine postapokalyptisch wirkende, vermutlich aber einfach schockierend heutige Welt, in der ein arbeitslos gewordener Vater mit seinen Kindern eine Elektronikausschlachtungsfirma aufzieht (von Nawrat techniksprachlich herrlich aufgemotzt). Der kleine Sohn hat als „Spezial“ schon einen Arm dreingeben müssen, was das Idyll des wackeren Familienbetriebs ins Unheimliche wendet. Die Tochter führt als „Assistentin“ Buch und erzählt, und möglicherweise ist sie verliebt, sodass auch Nawrat in eine Pubertätsgeschichte gerät. Dennoch reichte es verdientermaßen für den mit 10.000 Euro dotierten kelag-Preis.

Gut kamen auf dem abgegrasten Gelände Lisa Kränzler und Inger-Maria Mahlke zurecht: Die Freiburgerin Kränzler, Jahrgang 1983, erzählt in „Willste abhauen“ von fiesen kleinen Mädchen unter sich und dem nur scheinbar harmlosen Pferd-Spielen – und gewann den 3Sat-Preis (7 500 Euro). Tragischerweise verstarb Jan Jenrich, der Lektor von Kränzler, am Donnerstag in Klagenfurt an einem Herzschlag. Mahlke, 1977 geboren und in Berlin lebend, führt masochistische Männer ein, die der Domina an ihrem ersten Arbeitstag wie Tierjunge vorkommen. Für ihre unterhaltsame, Abgründe ins Visier nehmende Mutter-Sohn-Geschichte bekam sie den Ernst-Willner-Preis (5 000 Euro).

Gut disponiert und auf unspektakuläre Art gescheit abgerundet wirkte die Jury mit ihrem neuen Mitglied, der Schweizer Literaturwissenschaftlerin Corina Caduff. Anwürfe wie „stalinistischer Zollbeamter“ – Burkhard Spinnen zu Paul Jandl – sind offenbar Ausdruck feuilletonistischen Behagens. Dass schwache Beiträge auf die Jury zurückfallen, bleibt moralisch ein Vorteil. Dass die Jury nicht klüger ist als der Rest der Zunft, ihre allemal mitfließenden eigenen Erlebnisse und Lesegewohnheiten (und dollen Lesefehler) aber vergnügt offenlegt, hat Charme. Dass es kein ganz großer Wettbewerb war, relativiert sich durch die Preisvergabe. Eine würdige Bachmann-Kandidatin genügt, sie fand sich ein.