Selbstgenähte Schutzmasken so wie diese herstellen - das macht zum Beispiel Schriftstellerin Kirsten Fuchs.
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BerlinDieser Frühling ist anders, als er hätte sein sollen. Er zwingt einen großen Teil der Gesellschaft zum Stillstand. Wir haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Schauspielerinnen und Schauspieler gefragt, was sie jetzt gerade tun. Bibiana Beglau sollte eigentlich drehen und spielen, Katharine Mehrling hätte ein Konzert in Paris gehabt, Kirsten Fuchs näht Masken, Ingo Schulze verfolgt  Online-Schulaufgaben. Hier lesen Sie alle Antworten: 

Constanze Becker, Schauspielerin
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Constanze Becker: Den größten Teil des Tages verbringe ich tatsächlich damit, mit meinen Kindern Schule zu spielen, da wir als Eltern gerade den Unterricht ersetzen müssen. An den Abenden sitzen mein Mann und ich gemeinsam vor dem Oeuvre von Karl Valentin, und betreiben einige Studien in Sachen Komik. Oder wir fahren raus aufs Land, sitzen unter dem blühenden Mirabellenbaum, und freuen uns, dass die Natur noch funktioniert.

Übung in Muße

Bibiana Beglau, Schauspielerin
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Bibiana Beglau: Eigentlich sollten für mich seit zwei Wochen Dreharbeiten irgendwo im Südschwarzwald in vollem Gange sein. Alles war sorgfältig vorbereitet. Die Agentur merkte an, dass es anstrengend sein würde, bis Ende März zwischen dem Theater in Wien und dem abgelegenen Drehort hin und her zu reisen. Dann schloss das Theater die Türen wegen des Virus’, die Ansteckungsgefahr war zu hoch. Innerlich entspannte ich mich für einen Moment, denn das Erschöpfende der Reisen würde entfallen und ich könnte mich ganz auf die Dreharbeiten konzentrieren.

Dann kam der Anruf der Filmproduktion: Es gäbe eventuell Schwierigkeiten und sie würden den Drehstart um eine Woche verschieben. Es folgte eine Woche der Unklarheiten, des Zweifelns, bis auch die Dreharbeiten auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wurden.  Aus drei Wochen Stress wurde nun eine Zeit des Nichts.

Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass der Ausnahmezustand wohl länger dauern würde. Nun sitze ich in meinem kleinen Haus im Wald, suche Texte heraus, nehme sie auf. Sie werden auf der Homepage des Burgtheaters hochgeladen oder auf der Seite der lit.Cologne oder bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Der Garten am Haus war an einem Tag frühlingsfertig gemacht, auch der Dachboden ist schon aufgeräumt.

Ich muss langsam machen. Dingen mit Zeit und Muße zu begegnen, ist eigentlich nicht mein Ding, aber notwendig und eine gute Übung. Denn keiner weiß, wie lang der derzeitige Zustand anhält. Die Zeit steht still wie zwischen Weihnachten und Neujahr. Und das Nichts wird zu „endlich Zeit“: Zeit zu lesen, Filme zu schauen, zu telefonieren, Zeit Briefe zu schreiben, Zeit Radio zu hören, Zeit Löcher in die Luft zu gucken, Zeit zu sein – alleine oder zu zweit.

Ein Job als Fahrer

Der Entertainer Colin Brown, hier mit seiner Partnern Rebecca Carrington
Foto:  Markus Wächter/Berliner Zeitung

Colin Brown: Eigentlich hätten meine Partnerin Rebecca und ich diese Woche mit unserer Brexit-Operette „Turnadot“ im Tipi auftreten sollen. Stattdessen versuchen wir jetzt von zu Hause aus irgendwie weiterzumachen. Wir nehmen mit einem Freund zusammen neue Lieder auf und veröffentlichen sie auf unserer Facebook-Seite.

Eigentlich ist das gar nicht so schlecht, wir haben so viel Material, insofern ist das irgendwie auch eine positive Zeit. Die Dinge kommen ja nicht einfach zu einem Halt. Auch um unsere Steuererklärung kümmern wir uns jetzt. Ansonsten folgen wir den Regeln, sind also meistens zu Hause. Am Sonntag haben wir eine Radtour auf dem Tempelhofer Feld gemacht. Außerdem habe ich mich um einen Job als Fahrer beworben. Man muss tun, was man tun muss, um zu überleben. Auf jeden Fall gibt es keinen Grund zur Panik. Ja, wir haben eine Krise, aber das ist kein Krieg.

Nähe spüren

Andreas Dresen, Filmregisseur
Foto:  Markus Wächter/ Berliner Zeitung

Andreas Dresen: Eigentlich wollte ich im Herbst meinen neuen Film drehen. Aber wer weiß das schon? Wir stecken mitten in der Finanzierung und die Besetzung ist angelaufen. Aber gerade ist völlig unklar, ob und wie es weiter geht. Ich kenne auch keinen Kollegen, der momentan noch dreht. Alle sind verunsichert und Produzenten kämpfen um ihre Existenz, denn sie tragen ja das gesamte wirtschaftliche Risiko.

Was für ein seltsamer Frühling. Draußen die Sonne, man müsste mit Freunden im Café sitzen und dabei hat sich ein merkwürdiger Schleier um die ganze Welt gelegt. Was mache ich also? Sitze zu Hause wie gerade so viele Menschen. Vollbremsung. Der Terminkalender für die kommenden Wochen: leer. Nur eine Sitzung des Brandenburger Verfassungsgerichtes, wo ich seit einigen Jahren Richter bin.

Ich habe einen Garten, darüber bin ich froh. Ich gehe Joggen. Ich stehe früh auf, um irgendwie eine Struktur zu behalten. Sitze dennoch am Schreibtisch. Zeit zu Lesen. Zeit, um Dinge vorzubereiten. Für eine Zukunft. Und ich telefoniere viel, mit meinen Eltern, Freunden, Kollegen. Es ist schön, Nähe zu spüren. Neulich las ich ein Interview mit einem Philosophen. Der meinte, dass es nach der Krise zu einer Explosion von Lebensfreude kommen wird. Weil man sich dann wieder viel mehr über scheinbar selbstverständliche Dinge freuen kann. Vielleicht lernen wir ja gerade, was Glück wirklich bedeutet.

Masken nähen

Kirsten Fuchs, Schriftstellerin
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Kirsten Fuchs: Mein Arbeitstag beginnt um 5 Uhr früh. Da habe ich Ruhe, um an meinem Roman zu schreiben. Die Kinder schlafen jetzt länger als sonst. Nach dem Frühstück bin ich für den Unterricht unserer älteren Tochter zuständig, wir haben einen Stundenplan mit Pausen und Brotdose.

Ist die Schule vorbei, nähe ich Schutzmasken – für uns, für Freunde, für meine Zahnärztin, für medizinisches Pflegepersonal für alle, die sie brauchen. Mein Mann, Michael-André Werner, übernimmt die Kindergarten-Betreuung für die Jüngere. Für seinen neuen Roman „Das Fallen“ kann er jetzt nichts tun, alle Lesungen sind abgesagt.

Ich habe Anfang der Woche meine Arbeitsroutine unterbrochen, weil wir die Lesebühne DEO im RBB aufgezeichnet und gestreamt haben. DEO, also „Des Esels Ohr“ findet immer am 23. eines Monats statt. Wir hoffen, dass ein paar Leute für die Werketage in Prenzlauer Berg spenden, wo wir sonst auftreten. Denn wenn die Orte die Krise nicht überstehen, wissen wir Künstler hinterher auch nicht wohin.

Und da mir im Moment die Auftritte fehlen, allein drei Lesungen waren zur Buchmesse geplant, habe ich mein Profil bei Patreon.com eingestellt. Das ist eine Plattform zur Unterstützung von Künstlern.  

Theater im Kopf

Shermin Langhoff, Intendantin des Gorki-Theaters
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Shermin Langhoff: Alles Tun einer Intendantin strebt ja gewöhnlich danach, dass der Lappen hochgeht, Abend für Abend. Nun also danach, dass er bald wieder hochgehen kann. Konkretes Tun heißt deshalb auch heute wieder: zu Hause bleiben. Das Gorki im Homeoffice, womit auch wir zur Eindämmung des Virus beitragen.

Die Schneider*innen nähen Gesichtsmasken, die Theaterkolumnistin schreibt ein Quarantäne-Tagebuch, wir alle versuchen zu verstehen, was ist und was wir noch „konkretes tun“ können, um Solidarität zu üben, die nicht endet an unseren alten und neuen Grenzen vom Gartenzaun bis Griechenland. Während die Leitung in Krisenstabsitzungen per Video zu „digitalen Einheimischen“ wird und die Verwaltung den Laden zusammenhält, findet unser Theater gerade nur noch im Kopf und trostweise im Netz statt.

Aber um es wirklich „zu tun“, brauchen wir das wichtigste hier: unser Publikum. „Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit …“, sagt Goethe. Das gilt auch für das Theater.

Momente der Melancholie

Katharine Mehrling, Sängerin und Schauspielerin
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Katharine Mehrling: Ich versuche mir einzureden, die Zeit, die wir zu Hause verbringen sollen, nicht als eine aufgezwungene sondern als eine geschenkte Zeit zu betrachten. Natürlich sehe und höre ich wie alle anderen noch mehr Nachrichten als sonst, Nachrichten aus aller Welt, die mich beunruhigen, die mich erschrecken. Trotzdem versuche ich der Situation etwas Gutes abzugewinnen. Ausgiebige Spaziergänge im Wald mit meinem kleinen Hundemädchen sind zum Glück möglich. Ungeahnte Kochkünste werden entdeckt. Und Bücher endlich gelesen.

Mein Liebster liest mir jeden Tag Thomas Mann vor, dessen komplexe Bilder- und Gedankenwelt für unsere heutigen Ohren ungewöhnlich und sehr wohltuend klingen.

Es sind die kleinen Dinge, die zur Zeit wichtig sind: Freunde erfreuen mit einem Care Paket vor der Tür, sich Mut zusprechen. Längere Telefonate führen mit Familie und Freunden.

Und zwischendrin erlaube ich mir kurze Momente der Melancholie. Natürlich habe ich große Sehnsucht nach dem Theater, mir fehlen meine Konzerte und Vorstellungen, der Austausch mit dem Publikum. Eigentlich wäre ich heute morgen in Paris, in einem Hotel am Jardin du Luxemburg aufgewacht, nach einem Konzert, auf das ich mich so lange gefreut hatte.

Ich wünsche mir, daß diese surreale Situation schnellstmöglich vorüber geht. Daß die Theater wieder öffnen und die Menschen in die Konzerte und die Vorstellungen strömen. Und daß man sich wieder umarmen darf.

Zeit für die Steuererklärung

Rick Okon, Schauspieler
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Rick Okon: Zur Zeit mache ich all das, wozu man sonst nicht so kommt oder wenig Lust hat. Steuererklärung, Frühjahrsputz, den Balkon neu bepflanzen. Sonst treibe ich Sport, lese, koche, telefoniere mit der Familie und Freunden.

Als freiberuflicher Schauspieler kommt es ja hin und wieder mal vor, dass man einige Zeit frei hat und zu Hause ist. Nun ist der Grund allerdings ein anderer und ich hoffe sehr, dass die Welt diese Situation so unbeschadet wie möglich übersteht. Ein großes Dankeschön an jeden Menschen, der sich dem unermüdlich entgegenstellt!

Im Winterschlafmodus

Katja Oskamp, Schriftstellerin
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Katja Oskamp: Seit Juli haben mich meine zwei Jobs in Schach gehalten. Hier Schriftstellerin, dort Fußpflegerin, täglich und überall Termine. Wenn die Berufe sich überschnitten (Journalisten im Fußpflegestudio, Fußpflegekunden auf Lesungen), hat es in meinem Hirn manchmal Zädäng! gemacht.

Vor zwei Wochen: Vollbremsung. Alle Lesungen bis Ende April abgesagt. Das Fußpflegestudio bis auf weiteres geschlossen. Totaler Spannungsabfall. Ich fiel sofort in den Winterschlafmodus. Pennen, ratzen, Bubu machen.

Ab und zu gehe ich was einkaufen, vormittags, dann werde ich schon wieder müde. Ich halte mehrere Mittagsschläfchen pro Tag. Chrissi, mein Gefährte, macht zwar irgendwann Abendessen, sich aber von Natur aus nicht tot. Er räumt noch den Geschirrspüler ein, dann tanzen wir im Wohnzimmer eng umschlungen und sehr romantisch zu „Perfect“ von Ed Sheeran. Schon plumpsen wir wieder ins Bett. Chrissi ist ein begnadeter Schläfer. Glück gehabt. Darüber könnte ich mal was schreiben. Später. Vielleicht. Gute Nacht.

Weihnachtsferien ohne Tannenbaum

Ingo Schulze, Schriftsteller
Foto:  Paulus Ponizak/ Berliner Zeitung

Ingo Schulze: Ich weiß, dass wir vergleichsweise großes Glück haben, auch wenn bis Ende Mai oder bis in den Sommer hinein alle meine Lesungen ausfallen und damit schmerzhafte Einbußen einhergehen. Aber da nicht unsere ökonomische Existenz in Frage steht, lässt sich das alles ohne weiteres aushalten.

Mit drei großen Teenagern im Haus zelebrieren wir drei gemeinsame Mahlzeiten pro Tag, abends entgehe ich nur bei einer besonders guten Ausrede irgendeinem Spiel. Nimmt man das Einkaufen dazu, die üblichen E-Mails, das Abfragen von Vokabeln oder das Anhören von Vorträgen – die Schule scheint per Computer gar nicht schlecht zu funktionieren –, ist bisher wenig Zeit zum Lesen geblieben. Es fühlt sich ein bisschen an wie Weihnachtsferien, nur ohne Tannenbaum. Und dass man nicht so recht froh werden will.

Ich hoffe zudem, dass über die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens in Zukunft anders gedacht und vor allem anders entschieden werden wird.

Nachdenken über Ökonomie

Anke Stelling, Schriftstellerin
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Anke Stelling: Ich schreibe gerade an meinem Beitrag zur Anthologie „Welt und Wissen II“ von Jim Avignon, die im Juli beim Verbrecher Verlag erscheinen soll. Das ist gut für mich, diesen konkreten Auftrag zu haben: inklusive Deadline, Bezahlung und Thema. Erklären soll ich den Begriff „Ökonomie“ in maximal achttausend Zeichen und für einhundert Euro – was eine ökonomische Herausforderung ist. Aber über Ökonomie zu schreiben oder auch nur nachzudenken, ist ja an sich schon eine große Herausforderung.

Ein bisschen muss ich aufpassen, dass die aktuellen Ereignisse – vor allem die Auftritte des Wirtschafts- und des Finanzministers sowie das Hoch- und Runterfahren und die Hilfspakete und Rettungsschirme – sich darin jetzt nicht zu sehr breitmachen. Und trotzdem noch vorkommen in ihrem funkelnd-literarischen Kern.