Illustration: Ahu Durai

„Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frissest mich“

Doch Lupus hatte viel zu großen Durst, und als er aus der verzauberten Quelle getrunken hatte, da schaute er mit wilden Augen, seine Hände formten sich zu Fäusten und sein Hunger war groß.

Und bevor er wieder ausrastet, beschreibe ich unser gemeinsames Kochen. Auch er wollte für das Projekt Kochkalender 2020 ein Rezept beitragen. Er meinte: „Irgendwas mit Kartoffelbrei, Hackbraten und rote Bete“. Rote Bete fand ich super! Der Hackbraten wurde ausschließlich nach seiner Anweisung gewürzt. Der war auch echt einmalig. Mit sehr viel süß-körnigem Senf. Schmeckt ausgezeichnet!

Aber seine Forderung rote Bete zu verarbeiten war gewagt. Erst jetzt, im Nachhinein kapier ich, dass er sich etwas ausgesucht hat, von dem er wusste, dass es niemand gerne isst. Auch er nicht übrigens. Klar Wölfchen, lass uns die anderen von rote Bete überzeugen. Während er also das Hack würzte und knetete. Und während er mir Anweisungen gab, wie ich den Kartoffelbrei verbessern könnte. Mit in Butter glasig gebratenen Zwiebeln.

Da überlegte ich, denn damit ließ er mich allein, wie ich die rote Bete kompatibel machen kann. Es lief auf ein Apfel-Meerrettich-Bete-Mus hinaus. Für den Kochkalender hat die pinkfarbene Mousse das Titelbild gewonnen und das gesamte Rezept den Monat Dezember erobert. Keins von den Kindern wollte davon unbedingt kosten, als es auf dem Tisch stand. Iiih! Ja, du forderst alle heraus. Immer wieder. Niemand ist vor dir und deinen Anschlägen sicher. Aber dieses Eingebrockte, dass hast du auch selber ausgelöffelt. Tapfer hast du das Rote-Bete-Mus gefuttert. Voll eklig.

Du hättest auch ein Reh werden können, denn scheu bist du ja doch. Aber du musstest dich für die Wolfsquelle entscheiden. Wölfchen? Können wir den Lesern beibringen, wer du bist? Ich weiß es nicht, leider. Ich hab dich einfach nur sehr lieb. Aber auch Angst vor dir. Das ist eine ganz schlimme und neue Erfahrung für mich. Da ist so viel Wut und Gewalt. Ich habe keine Ahnung, wie man dieses wilde Meer glätten kann.

Eines Tages tauchte Riko auf. Vonna Küste, mit Druckerreferenzen von den Pinguinen und ruhigem Wellengang. Und der Typ macht jetzt die Lehrlingsausbildung bei uns mit Meisterstück: Lupus.

Du traust niemandem. Bist dir niemals sicher, dass du dich auf jemanden verlassen kannst. Dein ganzes Wesen bedeutet Herausforderung und Pokern bis ans Ende der Zündschnur. Es wird selten bleiben in deinem Leben, dass so ’n Riko kommt. Der dich mitnimmt. Sich mit dir, und nur mit dir beschäftigt. Aber dem traust du auch nicht. Du bist so wahnsinnig „fucking in the house“ allein, dass du genau das vor dich her trällerst, während du ein Herz mit Bügelperlen bastelst. Und du haust jedem deine Faust in die Fresse, um im Mittelpunkt zu stehen. Nichts macht erst mal Sinn. Du drischst einfach drauf los. Auch Riko ist nicht sicher vor dir, obwohl man ganz genau spürt, wie sehr du ihn magst. Aber du bist hier im Zauberwald, und ich hab schon die seltsamsten Verwandlungen gesehen. Das Wölfchen wird wohl länger als zwei Jahre bei uns bleiben. Auch wenn es ruft:

„Laß mich hinaus in die Jagd , ich kann’s nicht länger mehr aushalten.“